Erkältungskrankheiten bei immundefizitären Menschen

Der Schutz vor Infektionskrankheiten ist für Menschen mit Immunmangelsyndromen von essenzieller Bedeutung. Daher sollte diese Patientengruppe besonders in der allgemeinmedizinischen Ordination über eine Expositionsprophylaxe aufgeklärt werden.

Welche Patienten gelten als immundefizitär?

Man unterscheidet zwischen primären und sekundären Immunmangelzuständen. Für die Prophylaxe und Behandlung von Erkältungskrankheiten in der Primärversorgung spielt diese Unterscheidung aber eine untergeordnete Rolle.

Primäre Immundefektsyndrome („angeborene Immunmangelsyndrome“)

Primäre Immundefekte sind selten und manifestieren sich in etwa 70 % der Fälle vor dem 20. Lebensjahr; in den meisten Fällen in Form einer erhöhten Infektanfälligkeit. Sie können aber in jedem Lebensalter auftreten. Bisher wurden zirka 350 verschiedene, meist molekulargenetisch definierte Erkrankungen identifiziert.1 Die Gesamtprävalenz in der Bevölkerung liegt nach einer US-amerikanischen Studie zwischen 1 : 1.200 und 1 : 2.000.2 Es ist daher von einer nicht unerheblichen Anzahl unerkannter primärer Immundefekte auszugehen. Man unterscheidet:3

  • Defekte der humoralen Immunität (zum Beispiel selektiver IgA-Mangel, Agammaglobulinämie)
  • Defekte der zellulären Immunität (zum Beispiel DiGeorge-Syndrom, chronische mukokutane Candidiasis)
  • kombinierte Defekte der humoralen und zellulären Immunität (zum Beispiel schwere kombinierte Immundefizienz)
  • Phagozytendefekte (zum Beispiel chronische Granulomatose)
  • Defekte des Komplementsystems (zum Beispiel hereditäres Angioödem, diverse Autoimmunerkrankungen)

Sekundäre Immundefektsyndrome („erworbene Immundefektsyndrome“)

Die sekundären Immundefektsyndrome sind weitaus häufiger als die primären. Zu den wichtigsten Formen gehören eine Abwehrschwäche, unter anderem verursacht durch die in der Tabelle dargestellten Faktoren.

 

 

Primäres Ziel des Schutzes vor Infektionskrankheiten ist bei den sekundären Immundefekten eine ursächliche Behandlung und Beseitigung der Immunsuppression, wenn dies möglich beziehungsweise vertretbar ist.

Strategie zum Umgang mit immundefizitären Menschen in der Allgemeinmedizin

Unabhängig von der Ursache der Immundefizienz erfordern Menschen mit Abwehrschwäche unsere besondere Aufmerksamkeit im Hinblick auf Infektionskrankheiten. Zum einen sollten sie so gut wie möglich vor Exposition und Infektion geschützt werden, zum anderen ergeben sich besondere Empfehlungen für Prophylaxe und Behandlung.

Schutz

Der Schutz vor Infektionskrankheiten ist für Menschen mit Immunmangelsyndromen von essenzieller Bedeutung. Im Wesentlichen können zwei Komponenten unterschieden werden: Expositionsprophylaxe und – wenn möglich – Impfung.

Expositionsprophylaxe

In besonderen Zeiten wie während der alljährlichen Grippewelle oder im Rahmen der derzeitigen SARS-CoV-2-Pandemie kommt der Expositionsprophylaxe eine herausragende Bedeutung zu. Neben allgemein sinnvollen Maßnahmen zur Verhinderung der Ausbreitung von Infektionskrankheiten in der gesamten Bevölkerung liegt hier die Verantwortung vor allem bei den Betroffenen selbst: Enge Kontakte – vor allem mit offensichtlich symptomatisch Erkrankten – müssen unbedingt vermieden werden. In Risikosituationen gilt es, Abstand zu halten und sich durch das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes – optimalerweise durch eine FFP2-Maske – zu schützen. Allgemeine Hygienemaßnahmen wie Händewaschen sind selbstverständlich. Menschen mit Immundefekten sollten in der allgemeinmedizinischen Ordination entsprechend aufgeklärt und informiert werden.

Impfungen

Patienten mit Immunsuppression sollte zu einem möglichst breiten Impfschutz geraten werden, um vor häufigen Infektionskrankheiten umfassend zu schützen. Allerdings ist zu beachten, dass vor allem bei schwer Immundefiziten Lebendimpfstoffe kontraindiziert sind und dass die Effektivität von Impfungen mit zunehmendem Schweregrad der Immunsuppression sinkt. Wichtige empfohlene Impfungen sind unter anderem:

  • Influenzaimpfung
  • Pneumokokkenimpfung
  • Herpes-Zoster-Impfung

Detaillierte Impfempfehlungen bei Immunsuppression wurden vom Institut für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der MedUni Wien herausgegeben.4 Für die Herpes-Zoster-Impfung kommt nur die Impfung mit dem adjuvantierten Herpes-Zoster-Subunit-(HZ/su-)Impfstoff Shingrix®, einem rekombinant hergestellten Totimpfstoff, in Betracht.5

Behandlung von Menschen mit Immundefekten in der Allgemeinmedizin

Patienten mit Immunsuppression neigen häufig zu bakteriellen Superinfektionen. Deshalb sollte man – im Gegensatz zur sonst empfohlenen Zurückhaltung – bei diesen Patienten eher frühzeitig ein Antibiotikum einsetzen. Da immundefizitäre Menschen zudem oft Superinfektionen mit atypischen Keimen, auch Pilzen aufweisen, hat die Wahl des Antibiotikums sorgfältig zu erfolgen, im Optimalfall nach Erregernachweis durch Kultur und Antibiogramm, und die Krankheit ist engmaschig zu kontrollieren. Bei Therapieversagen und/oder klinischer Verschlechterung sollte eine stationäre Behandlung frühzeitig mit erwogen werden. Es ist aber zu beachten, dass gerade immunsupprimierte Patienten auch im Spital in besonderem Maße durch nosokomiale Infektionen gefährdet sind. Nicht wirklich medizinisch begründete „prophylaktische“ Spitalseinweisungen sollten daher unbedingt vermieden werden.

 

Wissenswertes für die Praxis
  • Während der alljährlichen Grippewelle oder im Rahmen der derzeitigen SARS-CoV-2-Pandemie kommt der Expositionsprophylaxe bei immunsupprimierten Menschen eine herausragende Bedeutung zu.
  • Immundefizitäre Menschen neigen zu Superinfektionen mit atypischen Keimen, daher sollte die Wahl des Antibiotikums sorgfältig nach Erregernachweis und Antibiogramm erfolgen.
  • Aufgrund nosokomialer Infektionen sollten „prophylaktische“ Spitalseinweisungen bei immunsupprimierten Patienten vermieden werden.

 


Literatur:

  1. Picard C, Bobby Gaspar H, Al-Herz W, Bousfiha A, Casanova J-L, Chatila T, International Union of Immunological Societies: 2017 Primary Immunodeficiency Diseases Committee Report on Inborn Errors of Immunity. J. Clin. Immunol. 2018; 38:96–128
  2. Boyle JM, Buckley RH, Population prevalence of diagnosed primary immunodeficiency diseases in the United States. J. Clin. Immunol. 2007; 27:497–502
  3. Fernandez J, Überblick über Immunschwächeerkrankungen [Internet]. 2018 [zitiert 2020 Nov 25]; [Link]
  4. Wiedermann U, Sitte HH, Burgmann H, Eser A, Falb P, Holzmann H, Impfungen bei Immundefekten/Immunsuppression – Expertenstatement und Empfehlungen. Wien. Klin. Wochenschr. 2016; 128:337–76
  5. Moussa M, Sönnichsen A, Herpes-zoster-Impfung: Tot-Impfstoff, Lebend-Impfstoff oder gar nicht impfen? Zeitschr Für Allg. 2020; 96:51–5

Acknowledgement: Dieser Beitrag entstand in Kooperation mit Dr. Christoph Dachs und Dr. Reinhold Glehr.

AutorIn: Univ.-Prof. Dr. Andreas Sönnichsen

Medizinische Universität Wien, Zentrum für Public Health, Abteilung Allgemein- und Familienmedizin
©Foto: Oliver Miller-Aichholz


AEK 24|2020

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2020-12-11