Die Psychiatrie fokussiert schon lange auf das Thema Gendermedizin, zeigt doch bereits der Blick auf die Epidemiologie deutliche Unterschiede (Abb. 1).
Es ist erwiesen, dass bei Frauen andere Faktoren negativen Stress auslösen als bei Männern. Frauen fokussieren mehr auf Belastungen im zwischenmenschlichen Bereich, Männer auf Hierarchie und Wettbewerb. Im Coping von Stress verfolgen Frauen eher internalisierende Strategien und richten Kritik häufig gegen sich selbst. Männer kompensieren durch Überaktivität oder durch Flucht und Konfliktvermeidung. Das führt unter anderem dazu, dass psychische Erkrankungen unterschiedliche geschlechtsspezifische Symptome zeigen können.
Depressionen betreffen vor allem Frauen. Allerdings ist weltweit die Suizidrate der Männer deutlich höher als jene der Frauen. 2024 waren 80% der Toten durch Suizid in Österreich Männer.
Die männliche Depression zeigt oft eine atypische Symptomatik und bleibt daher unerkannt. Männern fällt es schwerer, Hilfe zu suchen. Das gilt besonders für den psychiatrisch-psychotherapeutischen Bereich. Dieser scheint Männern oft wenig attraktiv, da das Bereden von Problemen ihnen vielfach schwerfällt. Hier wirken sich auch stereotype Rollenbilder ungünstig aus. Durch die Wahl härterer Suizidmethoden sowie durch den häufigeren Einsatz von Alkohol sind Männer besonders gefährdet. Suizidgedanken zu erfragen erhöht NICHT das Risiko, sondern kann Leben retten: Fast die Hälfte aller Suizidopfer hatte im letzten Monat Kontakt zu ärztlichen Fachpersonal (meistens Hausärzt:innen). Es empfiehlt sich, auf versteckte Andeutungen zu achten.
Bei Frauen überwiegt die klassische Depressionssymptomatik mit Antriebshemmung, trauriger Stimmung und Anhedonie. In hormonsensiblen Phasen, z. B. postpartal oder in den Wechseljahren, besteht erhöhte Vulnerabilität für psychische Erkrankungen. Nicht nur biologische Parameter, sondern auch spezifische psychosoziale Belastungen und ein Wechsel der Rollenbilder können dafür verantwortlich sein.
Bei Männern ist seit den 1980er-Jahren das Konzept der Male Depression bekannt. So wurde im Rahmen der schwedischen Gotland-Studie erstmals der Zusammenhang einer erhöhten männlichen Suizidrate mit atypischen Depressionssymptomen aufgedeckt.
Anstatt der klassischen Symptome zeigen Männer oft ein kompensatorisches Überengagement. Das kann exzessives Arbeiten, exzessiver Sport oder Medienkonsum sein. Der Sexualtrieb verändert sich, er kann gesteigert oder stark reduziert sein. Diese Exzesse sind letztlich Versuche, sich von negativen Gefühlen und Selbstzweifeln abzulenken. Depressive Männer imponieren oft nicht traurig, sondern eher gereizt, feindselig oder verärgert. Erhöhter Substanzkonsum vor allem von Alkohol spielt zudem häufig eine Rolle. Aggressivität und Alkoholkonsum überdecken dann die depressiven Anzeichen, es kommt eher zu Streitigkeiten oder Konflikten als zur Therapieeinleitung. Männer haben häufig Schamgefühle bezüglich ihrer psychischen Beschwerden. In der Anamnese hilft ein gezieltes, empathisches Nachfragen ohne wertende Kommentare.
Essstörungen sind ein überwiegend weibliches Phänomen. Das übersteigerte Schlankheitsideal der westlichen Welt kann hohen Druck auf Frauen und Mädchen ausüben und dadurch deren Körperbild empfindlich stören. Aber auch Männer sind, wenn auch seltener, betroffen. Neben Sonderformen wie der Sportbulimie wird bei ihnen eine hohe Dunkelziffer angenommen.
Von Angststörungen sind überwiegend Frauen betroffen. Dafür werden vor allem hormonelle Einflüsse und eine empfindlichere Stressregulation verantwortlich gemacht. Allerdings dürften, ähnlich wie bei der Depression, Männer Nervosität und Angst häufig durch Alkohol oder durch Drogenkonsum bekämpfen, was die ursprünglichen Symptome maskiert. Das erklärt, dass Abhängigkeitserkrankungen häufiger bei Männern vorkommen.
Psychopharmaka wirken bei beiden Geschlechtern in vergleichbarer Weise. Oft muss allerdings die Dosis angepasst werden. Hier helfen Serumspiegelmessungen, die generell bei schlechtem Ansprechen der Medikamente empfehlenswert sind.
Psychotherapie und Gesprächsinterventionen sollen verstärkt auf gendergerechte Motivation und Copingstrategien fokussieren und auch Rollenbilder sowie Machtverhältnisse thematisieren.
Trans-, nichtbinäre oder genderfluide Personen gelten auf Grund häufiger Diskriminierungserfahrungen und internalisierter Stigmatisierung als besonders vulnerable Gruppe. Eine individualisierte Behandlung und ein besonders respektvoller Umgang mit der Genderidentität sind entscheidend für die vertrauensvolle Basis jeder medizinischen Behandlung.
KOMMENTAR
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Univ.-Prof.in Dr.in Alexandra Kautzky-Willer Gender Medicine Unit, Medizinische Universität Wien |
In der Gendermedizin sind die Beachtung der mentalen Gesundheit sowie die Erkennung und Behandlung von psychiatrischen Erkrankungen essenziell. Biologische Unterschiede begünstigen die Inzidenz von Angststörungen und depressiven Veränderungen in bestimmten Lebensphasen, die mit starken hormonellen Schwankungen einhergehen. Insofern sind Frauen mit prämenstruellen Beschwerden bis hin zur prämenstruellen Dysphorie sowie perimenopausal besonders betroffen. Rezente Untersuchungen aus Schweden zeigten, dass prämenstruelle Störungen allgemein in engem Zusammenhang mit verminderter Lebensqualität, Angstzuständen, Depressionen, Schmerzen oder Unwohlsein stehen. Weiters leidet ungefähr ein Drittel der Frauen unter moderaten bis schweren Symptomen in der Menopausen-Transition. Zwei Drittel haben vasomotorische Symptome wie nächtliche Schweißausbrüche, Flashes, Wallungen, besonders wenn gleichzeitig Diabetes, Bluthochdruck oder beides vorliegt. Starke vasomotorische Symptome stehen ebenso in Zusammenhang mit Angstzuständen und Depressionen, aber auch einem höheren Herz-Kreislauf-Risiko. Dass Symptome einer Depression bei Männern und Frauen unterschiedlich sind und Männer weniger oft diagnostiziert und therapiert werden, ist zwar bekannt, aber immer noch ein großes Problem. Männer leiden auch öfter unter Suchtkrankheiten. Menschen mit Suchterkrankungen haben generell ein höheres Suizidrisiko, wobei in dieser Gruppe aber auch Frauen stärker betroffen sind. Stationäre Suchtbehandlung in spezialisierten Zentren kann beitragen, Suizidgedanken zu vermindern und Selbstwirksamkeit und Lebensfreude zu erhöhen, wobei wir trotz schlechterer Ausgangssituation sogar größere positive Effekten bei Frauen als bei Männern beobachten konnten. Früherkennung psychischer Probleme und rasche Hilfestellung sind notwendig, ebenso der Abbau von Gender-Bias – gerade bei der psychischen Gesundheit!