Management chronischer Wunden – ein Pflaster für alle Wunden?

Die Definition chronischer Wunden ist uneinheitlich. Als Faustregel kann gelten, eine Wunde, die über mehr als 4–8 Wochen nicht abheilt, als „chronisch“ zu bezeichnen. Die Zahl der Patienten mit chronischen Wunden ist stetig im Steigen begriffen. Neben zahlreichen anderen Faktoren kann zu den Ursachen auch eine Änderung der Lebensgewohnheiten gezählt werden. So ist zu beobachten, dass die Betroffenen immer jünger werden und ihr Körpergewicht immer häufiger weit über dem Normbereich liegt.

Wichtige Rolle des Hausarztes

Da der Erstkontakt des Patienten meist in der Hausarztpraxis erfolgt, spielt der Arzt für Allgemeinmedizin eine wesentliche Rolle als Gatekeeper.
Für eine optimale Versorgung ist grundsätzlich vorab die Frage zu klären, ob mit der Therapie ein kuratives oder palliatives Ziel verfolgt wird. Ebenso stellt sich die Frage nach den Gestaltungsmöglichkeiten der Behandlung. So kann die Versorgung in der Hausarztpraxis oder durch einen mobilen Pflegedienst erfolgen, aber auch von Angehörigen oder vom Betroffenen selbst übernommen werden. Bezüglich Verbandswechsel ist festzustellen, wie häufig dieser notwendig bzw. durchführbar ist. Zusätzlich ist zu überlegen, ob dieser delegiert werden kann bzw. eine andere professionelle Anlaufstelle (z. B. Spezialambulanz) erforderlich ist.
Ausstattung für die Erstversorgung: Zu empfehlen wäre ein Grundversorgungspaket für Wunden, das über den unmittelbaren Ordinationsbedarf hinausgeht (Tab. 1).

 

 

Auch wenn die Therapie kostenintensiv erscheint, soll in der Versorgung chronischer Wunden vom Konzept „ausreichend und zweckmäßig“ abgegangen werden. Letztendlich verbraucht die phasengerechte Versorgung weniger monetäre und personelle Ressourcen als eine konservative Versorgung. Voraussetzung ist allerdings, dass vorab ein Behandlungspfad erarbeitet wird.

Grundsätze im Wundmanagement

Der Grundsatz im Wundmanagement lautet „Diagnostik – Therapie – Versorgung“. Dabei existiert kein „Kochrezept“, um alle Wunden nach einem einzigen Schema zu behandeln; es gibt jedoch Algorithmen und generelle Empfehlungen für die Versorgung (Tab. 2, 3).

 

 

 

In der Fülle der Materialien besteht im ständig größer werdenden Dschungel an Verbandstoffen die Gefahr, das Wesentliche zu übersehen. In diesem Zusammenhang sollte vor allem der Mythos „trockene Wunden werden trocken verbunden und feuchte Wunden feucht“ schon lange der Vergangenheit angehören. Die einzige Ausnahme sind endständige Nekrosen, die nach chirurgischer Sanierung trocken behandelt werden. Einen Überblick über Maßnahmen in der Behandlung chronischer Wunden und die in den einzelnen Phasen einzusetzenden Materialien gibt Tabelle 4.

 

 

Versorgungsalgorithmus Ulcus cruris venosum

Die häufigste Ursache chronischer Wunden ist das venöse Ulkus mit dem Hauptproblem des Ödems. Um eine arterielle Perfusionsstörung auszuschließen, sollen zu Beginn zumindest die Fußpulse getastet werden. Nach der Beurteilung der Lokalsituation besteht die kausale Behandlung in einer Kompressionstherapie und/oder operativen Sanierung sowie Sklerosierungstherapie. Diese soll vorrangig mit kurzzügigem Material und Unterpolsterung samt Baumwollstrumpf erfolgen. Um die Adhärenz der Kompressionstherapie zu erhöhen, empfiehlt sich anfangs ein moderater Druck. Wird dieser gut toleriert, kann eine kontinuierliche Erhöhung des Kompressionsdrucks vorgenommen werden. Erst nach erfolgter Entstauung und Ödemreduktion kann auf eine Versorgung mit Kompressionstrumpf umgestiegen werden. Auch hier geht man von der Verordnung von hohen Kompressionsklassen weg. In weiterer Folge wird die Sanierung der Grundursache entsprechend den besprochenen Kriterien einer stadiengerechten Wundbehandlung (Tab. 2–4) empfohlen.

 

Wissenswertes für die Praxis
  • Diagnose und Kausaltherapie vor Lokaltherapie
  • „Keep it short and simple“: Einfache Versorgungsstrategien sparen nicht nur Kosten, sondern sind auch von Angehörigen und Betroffenen durchführbar.
  • Adhärenz und Edukation sind wichtige Erfolgsfaktoren für die Wundheilung.

Literatur:

  1. Andreas Schwarzkopf, „Kap. 25: Systematik der Infektionsbekämpfung“. In: Joachim Dissemond, Knut Kröger (2020). Chronische Wunden: Diagnostik – Verordnung – Therapie. Elsevier GmbH, Deutschland
  2. https://abstract.krankenhaushygiene.de/uploadreferate/39c7b716fd7b1a531655271384f66f72.pdf
  3. Susanne Danzer, Chronische Wunden: Beurteilung und Behandlung (2014). 4., überarb. Aufl., W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart
AutorIn: Sonja Koller, MBA

Leitung Wundmanagement/Pflege, WZ® WundZentrum Melk, Landesklinikum Melk;Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Wundbehandlung AWA
© Foto: Philipp Monihart


AEK 11|2021

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2021-06-04