Minister Rudolf Anschober im Interview: Ausbau psychotherapeutischer Leistungen

Sie haben angekündigt, die psychische Gesundheit zu einem zentralen Thema dieser Legislaturperiode zu machen. Wo genau sehen Sie Handlungsbedarf?

Rudolf Anschober: Im Regierungsprogramm ist der Ausbau psychotherapeutischer Leistungen in Richtung vollfinanzierter Plätze vorgesehen – es sollen Schritte in Richtung einer Angleichung der Behandlung psychischer und körperlicher Erkrankungen gesetzt werden. Dies ist auch deswegen notwendig, weil psychische Belastungen einen stetig steigenden Anteil an den Gesamterkrankungen ausmachen.
Corona hat hier den Bedarf noch einmal erhöht, weil mit der Krise und ihren wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen auch vermehrt psychische Belastungen verbunden sind.
Wichtig ist, Zugangsbarrieren zu senken und die Angebote so weiterzuentwickeln, dass die Menschen gut dabei unterstützt werden, das für sie am besten passende Angebot rasch zu finden.

Für Herbst haben Sie einen „Arbeitsprozess“ zum Thema psychische Gesundheit angekündigt. Was genau ist geplant? In welchem Zeitrahmen? Wer ist involviert?

Am 22. September veranstalten wir einen runden Tisch zur psychosozialen Versorgung. Teilnehmen werden Vertreterinnen und Vertreter von Betroffenen und Angehörigen sowie in die psychische Versorgung eingebundene Berufsgruppen (dazu zählen PsychotherapeutInnen, Psychologinnen und Psychologen sowie PsychiaterInnen) und die Sozialversicherung. Der runde Tisch versteht sich als Auftaktveranstaltung für weiterführende Schritte gemeinsam mit den genannten Stakeholdern. Da es in der Folge erforderlich sein wird, rechtlich komplexe Fragestellungen und auch das Thema der Finanzierung zu bearbeiten, wird der Arbeitsprozess ein längerer sein.

Sie haben bei einer Pressekonferenz Anfang Juli eine Art „Clearing-Struktur“ erwähnt. Nach welchen Kriterien könnte dieses Clearing erfolgen? Durch wen soll das Clearing erfolgen? Werden das Ärzte sein?

Das Clearing soll gewährleisten, dass den Hilfe suchenden Menschen jene Unterstützungsleistungen empfohlen werden, die für ihren konkreten Bedarf die beste Wirkung versprechen. Beispiel: Ist jemand aufgrund von finanziellen Schulden auch psychisch belastet, kann die beste Psychotherapie nur die Symptome lindern, wenn nicht auch eine Schuldnerberatung beigezogen wird. Daher ist es wichtig, dass das Clearing möglichst multiprofessionell erfolgt.
Weiterhin soll jedoch den Betroffenen neben dem Zugang über das Clearing auch ein direkter Weg zur Versorgung möglich sein.

Sie haben bei der Pressekonferenz auch von mehr Effizienz für beide Seiten gesprochen. Sehen Sie einen Wildwuchs? Braucht es mehr Qualitätssicherung?

Die mangelnde Effizienz ergibt sich nicht zuletzt dadurch, dass Hilfesuchende heute oft sehr lange nach passenden und wirksamen Angeboten suchen. Gespräche mit Betroffenen zeigen, dass manchmal Jahre vergehen, in denen unterschiedliche Angebote in Anspruch genommen werden, bis endlich durch passende Unterstützung tatsächlich Hilfe erfahren wird. Das Clearing soll dazu beitragen, dass diese langen „Irrwege“ – die durch fehlende zielgerichtete Unterstützung beim Finden des richtigen Angebotes entstehen – abgekürzt werden.

Für mindestens 65 Prozent der Befragten ist eine selbstfinanzierte Behandlung nicht leistbar. Welche Behandlungen – durch wen? – sollten nach welchen Kriterien finanziert werden? Soll es eine Gleichstellung der Finanzierung der Behandlungen durch alle Berufsgruppen geben?

Diese Fragen sind ein Teil des Gesamtpaketes, an dem wir arbeiten. Grundsätzlich wollen wir uns dem im Regierungsprogramm formulierten Ziel des Ausbaus psychotherapeutischer Leistungen in Richtung vollfinanzierter Plätze annähern.

Angesichts des ÖGK-Defizites von über 420 Millionen Euro und einer notwendigen Kostenübernahme durch den Bund die Frage: Wird es trotzdem eine Ausweitung der kassenfinanzierten Angebote geben?

Darüber wird derzeit verhandelt.

Manche Experten sprechen schon von einer „psychosozialen Pandemie“ als Kollateralschaden der Corona-Pandemie und des Shutdowns. Gibt es Überlegungen zum Umgang mit der „psychosozialen Pandemie“ und diesbezügliche Pläne für eine etwaige 2. Welle?

Ja. Wir arbeiten derzeit an einem Plan, der auch den psychosozialen Bereich abdecken wird.

 

Vielen Dank für das Gespräch!
Interview mit: Gesundheitsminister Rudolf Anschober
AutorIn: Susanne Hinger

Redaktionelle Leitung, Ärzte Krone


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AEK 17|2020

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2020-09-01