Personalmangel fördert Aggression

Seit dem schockierenden Messer-Attentat auf einen Kardiologen wird in allen Medien und meist emotional über zunehmendes Aggressionspotenzial und Gewalt gegenüber Ärzten und Gesundheitspersonal berichtet und nach Maßnahmen gerufen. Eine aktuell laufende Online-Befragung der Ärztekammer, aus deren Zwischenauswertung die Ärztekammer Präsidenten im Rahmen einer Pressekonferenz zitierten, zeigt, dass ein Großteil der an der Befragung teilnehmenden Ärzte verbale Bedrohungen erlebt hat und fast alle im nächsten Umfeld davon gehört haben.

Strafverschärfung: wen schreckt sie ab?

„Aggressionen und Tätlichkeiten gegen Ärzte, Pflegekräfte und Mitarbeiter in Spitälern und Ordinationen nehmen auch bei uns beängstigend zu“, sagt Ärztekammer-Präsident Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres. Was das Attentat selbst betrifft, handle es sich um einen Einzelfall, die Tat eines vermutlich psychisch alterierten Patienten, räumt Szekeres ein. Was aber die Aggression gegen Ärzte und Angehörige von Gesundheitsberufen betrifft, sei es kein Einzelfall.
Die Ärztekammer arbeitet daher an einem Forderungskatalog, um dem Thema Aggression zu begegnen. Als Erstmaßnahme wird eine Gesetzesänderung mit einer Verschärfung des Strafrechts gefordert – unisono von Präsident Szekeres und Vizepräsident Steinhart. Konkret sollte „eine Gewalthandlung gegen Ärzte oder andere im Gesundheitsbereich Tätige jedenfalls immer den Tatbestand der schweren Körperverletzung erfüllen“, ähnlich übrigens wie bei Polizisten, Zeugen und Sachverständigen. Und so wie es aussehe, werde die ÖVP einen entsprechenden Antrag ins Parlament einbringen, so Szekeres.

Bleibt die Frage, ob mit dieser zwar plakativen Forderung irgendetwas verbessert wird. Eine Strafverschärfung löse nicht jedes Problem, so Szekeres, schrecke Täter aber hoffentlich ab.

350 zusätzliche Ärzte gefordert!

Die Forderung ist nur ein Aspekt eines Maßnahmenbündels. In exponierten Bereichen sind für Szekeres auch Sicherheitschecks wie bei Gericht andenkbar. Wirksamste Maßnahme ist für ihn aber mehr Personal. Denn: „Oft sind lange Wartezeiten Ursache und Auslöser.“ Szekeres verweist auf eine KAV-Studie aus dem Jahr 2007, die bereits gezeigt habe, dass Notfallabteilungen einer der Hotspots für verbale Aggression und körperliche Attacken sind. Auch Dr. Brigitte Steininger, Vizepräsidentin der burgenländischen Ärztekammer, sieht vor allem die überlasteten Ambulanzen als Nährboden für Aggressionen.

Der Ärztekammerpräsident fordert daher eine Aufstockung des Personals und einen Ausbau der als besonders heikel erkannten Abteilungen. Denkbar sind organisatorische Modelle wie am Wiener AKH, wo neben der Notfallaufnahme parallel auch eine Allgemeinmedizinische Ambulanz betrieben wird. „Unterm Strich braucht man zusätzliches Personal.“ Die Kritik der Ärztekammer richtet sich damit auch gegen die Spitalsträger. Konkrete Forderung allein für den Wiener KAV: 300 bis 350 zusätzliche Ärzte.

 

Eine KAV-Studie aus dem Jahr 2007 hat untersucht, in welchen Bereichen es in besonderem Ausmaß zu Aggression kommt.

  • In einem Erhebungszeitraum von 13 Wochen wurden an insgesamt 138 Stationen in 8 Krankenhäusern und 7 Geriatriezentren 381.218 Pflege-/Behandlungstage mit 1.250 dokumentierten Aggressionsereignissen erfasst.
  • Die Auswertung belegt eine signifikant höhere Auftrittshäufigkeit in Psychiatrie, Geriatrie und Akut-/Notfallbereichen. Ein internationaler Vergleich ergab ähnliche Werte wie etwa in der Schweiz und Deutschland.
  • Die Wartezeit war in Krankenhäusern mit 17% der am häufigsten genannte Auslöser, allerdings nur knapp vor dem zweiten Rang („Patienten wurde etwas verwehrt“ mit 15%).

„Aggression von Patienten und Besuchern in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen“; Autoren: Dr. Harald Stefan (Bereichsleiter Pflege in der Psychiatrie des Krankenhauses Rudolfstiftung), Dr. Günter Dorfmeister (Pflegedirektor im Wilhelminenspital) und Dr. Ian Needham (Psychiatriezentrum Rheinau, Schweiz).

 

Deeskalationstraining

Immer wieder werden bauliche Maßnahmen als mögliche Lösung kolportiert. Von Eingangsschleusen, Metalldetektoren bis hin zu abgesperrten Abteilungen wurde in den letzten Wochen medial so ziemlich alles diskutiert. Mit Blick auf Schweden wird auch von Kammervertretern über Triage-Schwestern hinter Panzerglas berichtet. Fordern will zumindest Letzteres noch niemand.

Seit einigen Jahren bereits werden Präventions-Workshops und Deeskalationstrainings angeboten, von vielen Spitälern, aber auch von der Kammer im niedergelassenen Bereich. Die Kammer spricht von einem Run auf die Workshops und will sie forcieren. Auch hier sind die Spitalsträger gefordert, sie dem Personal anzubieten! Brigitte Steininger verweist darauf, dass sich das Sicherheitsgefühl – etwa im Nachtdienst – bereits verschlechtert habe. „Die aktuellen Entwicklungen gehen an uns nicht spurlos vorbei.“ Auch Selbstverteidigungskurse werden daher verstärkt nachgefragt.

Besonders schwierig: Schutz für Ordinationen

Vize-Präsident MR Dr. Johannes Steinhart verweist auch auf steigende Aggression im niedergelassenen Bereich. Betroffen ist hier oft auch das Ordinationspersonal. Allerdings gebe es in Österreich – anders als mittlerweile in Deutschland – kaum repräsentative Daten.

In der eingangs erwähnten „Online-Blitz-Befragung“ unter niedergelassenen Allgemeinmedizinern mit Kassenvertrag in Wien haben 80 % der teilnehmenden Ärzten angegeben, in den letzten 2 Jahren verbal bedroht worden zu sein. Typische Konfliktauslöser sind Forderungen nach bestimmten Therapien oder nach Krankschreibungen oder das Beanstanden von Wartezeiten etc. Auch Steinhart fordert die Strafverschärfung und betont die Notwendigkeit von Präventions-Workshops. Bauliche Maßnahmen im niedergelassenen Bereich sind wohl kaum möglich. Wenn, dann müssten Sicherheitsaspekte schon in der Ordinationsplanung berücksichtigt werden („anders gestaltete Tresen, Notfallknopf“).

Immer wieder steht die Frage im Raum, ob tatsächlich die Gewaltereignisse zunehmen. Zumindest im KAV Wien kann ein solcher Trend in absoluten Zahlen nicht bestätigt werden, wie der Ärzte Krone auf Nachfrage mitgeteilt wurde. Seit Jahren werde an der Etablierung einer Null-Toleranz-Kultur gegenüber Aggression gearbeitet. Damit steigt auch die Sensibilität dafür (siehe Kasten).

 

Fragen zu konkreten Aggressionszahlen im Wiener KAV

Dr. Harald Stefan, MSc., Bereichsleiter Pflege in der Psychiatrie des Krankenhauses Rudolfstiftung, Wien, ist Trainer für Deeskalations- und Sicherheitsmanagement.

Gibt es Zahlen zu Gewalt und Gewaltbereitschaft in KAV-Spitälern

Dr. Harald Stefan: Der KAV war eine der ersten Organisationen in Österreich, die mit der systematischen Bearbeitung des Themas in Spitalsbetrieben und Pflegeeinrichtungen begonnen hat. Die wichtigste Aufgabe bestand in den ersten Jahren darin, das Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Aggressionsereignisse in Spitälern vorkommen, und eine „Null-Toleranz-Kultur“ zu etablieren. Wichtigster Ansatz dabei war die Konzeption einer Trainer-Innen-Ausbildung für Mitarbeitersicherheit und Gewaltprävention. Bis jetzt wurden über 60 TrainerInnen ausgebildet. Die Verankerung dieser Thematik in der Unternehmenskultur war die Voraussetzung dafür, dass über die Jahre mit der Erhebung von Aggressions-ereignissen begonnen werden konnte.

Gibt es konkrete Zahlen?

Im Rahmen ihrer Abschlussarbeit in der Ausbildung erstellen die TrainerInnen Arbeitssicherheitsanalysen. Dabei handelt es sich um Vollerhebungen von Aggressions- und Gewalt-ereignissen in ihrem Bereich. Ein Beispiel aus dem Kaiser-Franz-Josef Spital, SMZ Süd: Von 1. 3. bis 26. 4. 2019 wurden auf der internen Aufnahmestation bei 5.017 behandelten PatientInnen 54 Aggressionsereignisse registriert.

In welchem Ausmaß steigt in Ihrer Wahrnehmung die Gewaltbereitschaft?

Nach unserer Datenlage können wir einen solchen generellen Trend nicht bestätigen. Was wir aber sagen können ist, dass es bestimmte Bereiche gibt, in denen Aggressionsereignisse häufiger vorkommen als in anderen. Das sind neben dem Psychiatrischen Bereich auch der geriatrische Bereich sowie Abteilungen mit Akutbereichen.

Sie wurden zitiert, dass weniger die Gewalt, als die Sensibilisierung dafür steige. Gibt es dafür konkrete Anhaltspunkte?

Dass die Sensibilität für das Thema steigt, bekommen wir im Rahmen unserer TrainerInnenausbildung gespiegelt. Eine gesteigerte Sensibilität ist auch das Ziel der Maßnahmen, die wir im KAV setzen.

AutorIn: Susanne Hinger

AEK 14-16|2019

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2019-07-26