Phytotherapie bei urologischen Erkrankungen

Erkrankungen der Blase und der Prostata gehören zu den häufigsten überhaupt. Viele Frauen haben schon einmal Erfahrungen mit Harnwegsinfekten, überaktiver Blase oder Harninkontinenz gemacht. Bei Männern stehen Prostataprobleme im Vordergrund, die sich aber aufgrund der anatomischen Nähe und physiologischer Zusammenhänge ähnlich wie Blasenerkrankungen äußern können. Häufiger, plötzlicher, befehlsartiger, nächtlicher Harndrang sind oft dominante Symptome, dazu kommen dumpfe, ziehende Schmerzen im Becken oder im Dammbereich, die auch in die Leisten, Hoden oder in die Harnröhre ausstrahlen können, gelegentlich auch als solche oligosymptomatisch erscheinen.

 

 

Möglichkeiten und Grenzen der Phytotherapie

Die Anwendung von Phytopräparaten ist bei urologischen Erkrankungen weit verbreitet, nicht zuletzt, da diverse Nahrungsergänzungsmittel von jedermann rezeptfrei bezogen werden können und auch von Apotheken empfohlen werden. Natürlich wird diese Behandlungsform aufgrund der meist guten Verträglichkeit auch von zahlreichen Ärzten als Therapie der ersten Wahl im Anfangsstadium, bei mäßiger Symptomausprägung oder bei chronischen Krankheitsverläufen angesehen.
Heinz Schilcher definierte die Phytotherapie als die Behandlung und Vorbeugung von Krankheiten bis hin zu Befindlichkeitsstörungen durch Arzneipflanzen, deren Teile oder Bestandteile und deren Zubereitung. Leider wird diese pflanzliche, wissenschaftlich nachvollziehbare Behandlungsmethode von Laien sehr häufig mit der Homöopathie verwechselt; die Unkenntnis der gänzlich unterschiedlichen Ansätze der beiden Behandlungsformen ist weit verbreitet. Während die Homöopathie es ja bekanntlich noch immer nicht geschafft hat, wissenschaftlich nachvollziehbare Evidenz für ihre Wirksamkeit zu etablieren, sieht das bei der Phytotherapie ganz anders aus.

Studien. Hier gibt es zahlreiche, vor allem pharmakologische Untersuchungen, aber zunehmend auch klinische Studien, wenngleich deren Qualität, Beobachtungszeitraum und Umfang nicht selten unzureichend sind. Das liegt vor allem an den eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten der Hersteller, die enormen Kosten für breit angelegte Studien zu übernehmen. Aber auch die Inhaltsstoffe der einzelnen Phytopräparate mit demselben Hauptwirkstoff selbst können je nach Gewinnungs- beziehungsweise Herstellungsverfahren durchaus heterogen sein, was einen Vergleich unter ihnen schwierig macht. Leider wird in diversen pseudowissenschaftlichen Publikationen der Phytotherapie eine im wahrsten Sinn des Wortes „unglaubliche Wirkung“ zugeschrieben; dem ist selbstverständlich nicht so.
Die wissenschaftlich orientierte Phytotherapie versteht sich in erster Linie als komplementäre oder auch alleinige Therapie in frühen Stadien, bei funktionellen Störungen beziehungsweise chronischen Erkrankungen, oder auch dann, wenn synthetische Präparate nicht vertragen werden oder unzureichende Effekte aufweisen.

Benignes Prostatasyndrom

Am Beispiel des benignen Prostatasyndroms zeigt sich, dass die Phytotherapie vor allem im frühen Erkrankungsstadium beziehungsweise bei dominierenden irritativen Symptomen eine gute Behandlungsoption darstellt.

Nebenwirkungen synthetischer Präparate. Das gilt analog auch für die ebenfalls sehr häufige Prostatitis, deren Behandlung mit synthetischen Präparaten oftmals nicht zielführend erscheint, zumal die Nebenwirkungen die gewünschten Effekte übertreffen können. Dazu kommen in letzter Zeit zunehmend Berichte, die bisher sehr breit eingesetzte synthetische Medikamente in Verruf bringen, schwerwiegende Nebenwirkungen zu erzeugen. Allen voran sind hier die 5α-Reduktase-Inhibitoren Finasterid und Dutasterid zu nennen, denen neurologische Langzeiteffekte auf Kognition und Depression nachgesagt werden. Und so wurde mittlerweile schon der Begriff des „Finasteridsyndroms“ geprägt. Aber auch die Anwendung von α1-Blockern, wie dem Tamsulosin, steht unter Verdacht, mehr Nebenwirkungen als jene zu beinhalten, die man ohnedies bei jeder Behandlungsintention mit dem Patienten besprechen sollte, wie Anejakulation, Blutdrucksenkung, Schwellung der Nasenschleimhäute, dem „floppy iris syndrome“ oder Auswirkungen auf den Verdauungstrakt.

Phytotherapeutika meist besser verträglich. Phytotherapeutika sind freilich auch nicht frei von Nebenwirkungen, insgesamt aber wohl doch deutlich besser verträglich als synthetische Präparate. Natürlich gilt auch hier der alte Satz „Dosis sola facit venenum“ also die entscheidende Bedeutung der Dosierung. Das mag auch auf die so genannte pleiotrope Wirkung zurückzuführen sein, da es sich oft um Stoffgemische handelt, die über mehrere Ansatzpunkte ihre Wirkung entfalten. Und nicht zuletzt kann an dieser Stelle auch der Kostenfaktor genannt werden, denn Phytopräparate sind generell meist billiger als ihre synthetischen Gegenspieler.

Berücksichtigung in Leitlinien. Jedenfalls beginnen in der letzten Zeit Phytopharmaka auch ihren Einzug in die Welt der Leitlinien. Die wenig aktuelle S2e-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Urologie zieht Phytoterapeutika wegen ihrer dem Placeboeffekt überlegenen Wirkung dann in Betracht, wenn synthetische Medikamente abgelehnt werden. Freilich ist diese Leitlinie seit mehr als 5 Jahren nicht überarbeitet worden, zahlreiche wissenschaftliche Studien aus jüngerer Zeit fehlen daher bei dieser Beurteilung.

Sägepalmenextrakt. Eine Ende 2018 veröffentlichte Metaanalyse von 15 randomisierten, placebokontrollierten Studien

über die Wirkung, Sicherheit und Verträglichkeit von Sägepalmenextrakt (Permixon®) im Vergleich zu Tamsulosin hat vergleichbar gute Effekte auf die Verbesserung der Symptome, aber auch der Harnflussrate ergeben, wobei die Verträglichkeit derjenigen von Tamsulosin deutlich überlegen war und das Prostatavolumen signifikant abgenommen hatte.

Auch zu anderen Wirksubstanzen, wie die Extrakten aus Brennnesselwurzel, Kürbiskernen oder der Afrikanischen Lilie, werden hier verschiedene Effekte beschrieben, wenngleich sie eine nicht so solide Studienlage aufweisen. Die beschriebenen Effekte reichen von antiinflammatorischen bis hin zu antiproliferativen Effekten auf die Prostata. Manche der bei uns bisher erhältlichen Präparate mit solchen Inhaltsstoffen sind wieder vom Markt verschwunden, was insofern schade ist, als weniger sorgfältig überprüfte Nachfolger aus dem Bereich der Nahrungsergänzungen auf den Markt drängen und in Drogerien frei erhältlich sind. Für andere Präparate gibt es zurzeit noch zu wenig Evidenz, um sie generell zu empfehlen, wie zum Beispiel für Granatapfelextrakt, dem wachstumshemmende und PSA-reduzierende Wirkungen beim biochemischen Progress des Prostatakarzinoms zugeschrieben werden.

Harnwegsinfekte

Auch bei Harnwegsinfekten spielt die pflanzliche Behandlungsschiene eine große Rolle. Die zunehmende Resistenzentwicklung, die dem breiten Einsatz von Antibiotika zu verdanken ist, mag dazu beigetragen haben, dass pflanzliche Therapieansätze auch hier den Weg in die wissenschaftlichen Leitlinien gefunden haben. So wird der Einsatz von D-Mannose und Bärentraubenblättern mittlerweile in der Behandlung unkomplizierter Harnwegsinfekte durchaus empfohlen. Besonders häufig werden bei Harnwegsinfekten Extrakte aus der Preiselbeere oder der mit ihr eng verwandten Cranberry angewendet. Diese miteinander verwandten Beerenpflanzen enthalten Arbutin, ein antibakteriell wirksames Phenoglykosid, sowie Proacanthocyanide (PAC), die als Adhäsionshemmer für uropathogene Stämme von E. coli wirken.

Aber auch die Anwendung einer Kombination aus Kapuzinerkresse und Krenwurzelextrakt ist sehr effektiv und der Antibiotikatherapie zumindest ebenbürtig, allerdings ohne deren Nebenwirkungen und Resistenzentwicklungen, sogar bei Dauerkatheterträgern! Sehr interessant erscheint auch eine prospektive, randomisierte Doppelblindstudie, in der ein Kombinationspräparat aus Tausendgüldenkraut, Rosmarin und Liebstöckel im direkten Vergleich mit einer Antibiotikatherapie bei Patienten mit Harnwegsinfekt untersucht wurde. Dabei war die Kräuterextraktmischung dem Antibiotikum Fosfomycin in Wirkung und Rezidivwahrscheinlichkeit ebenbürtig.

Aquaresefördernde Pflanzen. Daneben gibt es eine ganze Reihe von Pflanzen, die entweder einzeln oder in Mischrezepturen für die so genannte Aquarese eingesetzt werden können. Dazu gehören beispielsweise Goldrute, Birkenblätter, Hauhechel, Brennnessel und viele andere mehr. Sie werden zumeist in Form von Kräutertees hergestellt, die allerdings den strengen Regeln des Arzneibuches entsprechen müssen. Es gibt auch Fertigpräparate, die leichter verfügbar und anwendbar sind.

 

 

Resümee

Die Phytotherapie hat einen festen Platz in der Behandlung urologischer Erkrankungen, allen voran dem Harnwegsinfekt oder dem benignen Prostatasyndrom. Sie ist in der Behandlung gravierender oder gar lebensbedrohender Symptome ungeeignet. In den frühen Stadien der Erkrankung mit überwiegend funktionellen Störungen ist sie als alleinige oder komplementäre Behandlungsform gut etabliert und wird auch von den Patienten gerne angenommen. Sie sollte, wie jede andere Therapie, mit Maß und Ziel eingesetzt werden, um dem allzeit gültigen Grundsatz aus der Medizinethik „Primum non nocere“, also vor allem Schäden durch die gewählte Therapie zu vermeiden, gerecht zu werden. Beachtet man diese Grundsätze, so kann man Patienten zufriedenstellende Behandlungsangebote machen, die meist eine bessere Verträglichkeit und womöglich weniger unerwünschte Langzeiteffekte als synthetische Präparate mit sich bringen.

Es wäre höchste Zeit, dass sich die akademische Forschung dieser durchaus interessanten Behandlungsform näher annimmt, um qualitativ hochwertige Studien zu veröffentlichen, die unser ärztliches Wissen und unsere Entscheidungsfindung bereichern und unterstützen können.

AutorIn: Dr. Karl Dorfinger

Präsident des Berufsverbandes der Österreichischen Urologen, BvU


AEK 08|2020

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2020-04-17