Psyche und Gastrointestinaltrakt

Bauchschmerzen und Durchfall sind häufige Beschwerden und können akut oder im Rahmen von chronisch entzündlichen Prozessen auftreten. Am häufigsten kommen die Beschwerden im Rahmen von funktionellen gastrointestinalen Störungen (FGIS) vor. Neue Erkenntnisse über die Bauch-Hirn-Mikrobiota-Achse haben das Verständnis für diese Störungen deutlich gesteigert. Psychosomatische Therapieformen sind nun wissenschaftlich gut belegt und in ein Gesamtbehandlungskonzept zu integrieren.

Störung der Bauch-Hirn-Achse

Funktionelle Bauchschmerzen und Durchfall können isoliert oder in Kombination als Reizdarmsyndrom (RDS) mit Durchfall (RDS-D) auftreten, wie in den Rom-Kriterien definiert (Tab.).

 

 

Eine häufig vorhandene viszerale Hypersensitivität kann sowohl durch eine schwere gastrointestinale Infektion (Veränderung der Mikrobiota) als auch durch massive, chronische Stressbelastungen getriggert werden. Psychische Traumatisierungen können die gesteigerte Wahrnehmung von viszeralen Reizen durch Aktivierung von Mastzellen im Darm triggern. Aufsteigende Signale ins limbische System, auch durch Metaboliten des intestinalen Mikrobioms, können Angststörungen oder depressives Verhalten verstärken beziehungsweise initiieren.

Vermittlung der Diagnose und psychosomatische Therapie

Die exakte Diagnosemitteilung mit Erklärung der Bauch-Hirn-Achse ist wichtig, da vor allem die Betroffenen durch die Unklarheit und das „Nicht-Stellen“ einer Diagnose (mit wiederholten Untersuchungen) erheblich leiden. Die alleinige Ausschlussdiagnostik mit der Aussage „Alles ist in Ordnung“ bringt keinen Nutzen und ist kontraproduktiv für ein adäquates Krankheitsverständnis. Das primäre Ziel der Behandlung ist die Steigerung der Lebensqualität und eine bessere Kontrolle über die Beschwerden. Betroffene mit FGIS weisen häufiger psychische, physische oder sexuelle Traumatisierungen in der Anamnese auf. Psychosomatische Behandlungsmethoden sind in das Behandlungskonzept einzubinden (Konsultationsfassung der Leitlinien zur Therapie des RDS, Update S3-Leitlinie derzeit in Bearbeitung). Am besten beforscht sind die Verhaltenstherapie, die psychodynamische Psychotherapie und eine spezifische, auf den Bauch gerichtete Hypnosetherapie. Mit Letzterer kann auch bei therapierefraktären Beschwerden in nur 10 wöchentlichen Sitzungen ein jahrelanger Langzeiterfolg – auch in der Gruppe – erzielt werden.1, 2 Es kommt zur Verbesserung der Lebensqualität, zur Verminderung von Bauchschmerzen und Durchfall, zur Steigerung der Resilienz und zur Reduktion einer depressiven oder ängstlichen Stimmung. Eine Liste von Bauch-Hypnose-Therapeuten ist unter www.gabrielemoser.at abrufbar. Antidepressiva können bei schweren, therapieresistenten Fällen ebenso zum Einsatz kommen und haben in Studien zur Behandlung des RDS ähnlich wie die Psychotherapie eine NNT („number needed to treat“) von 4.3 Eine integrierte psychosomatische Behandlung ist für Betroffene nicht nur erfolgreicher, sondern auch ökonomischer.4

Fazit

Eine integrierte psychosomatische Behandlung ist bei funktionellem Bauchschmerz und Durchfall langfristig erfolgreicher als eine alleinige symptomatische (medikamentöse oder diätetische) Therapie.


Literatur:

  1. Moser G, Peter J, Z Psychosom Med Psychother 2017; 63(1):5–19
  2. Moser G et al., Am J Gastroenterol 2013; 108(4):602–9
  3. Ford AC et al., Am J Gastroenterol 2019; 114(1):21–39
  4. Moser G (Hrsg). Psychosomatik in der Gastroenterologie und Hepatologie. Springer, Wien/New York 2007
Betroffene mit Reizdarmsyndrom und Durchfall, die an einer Studienteilnahme im AKH Wien interessiert sind, sollen sich bitte unter 01 404 00-49700 (Montag,
Mittwoch und Freitag von 8 bis 11 Uhr) melden.

AutorIn: Ao. Univ.-Prof. Dr. Gabriele Moser

Klinische Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie, Universitätsklinik für Innere Medizin III, Medizinische Universität Wien
© Foto: Steinbrecher MedUni Wien


AEK 24|2020

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2020-12-11