Rauchstopp erfordert intensive Betreuung

Seit erstem November 2019 ist die österreichische Gastronomie rauchfrei. Diese Tatsache und die damit einhergehende öffentliche Debatte erhöhen den Druck auf Raucher, das Laster aufzugeben. Das ist in manchen Fällen leichter gesagt als getan. Während schwach abhängige Raucher es aus eigener Kraft schaffen können, zu Nichtrauchern zu werden, brauchen höhergradig abhängige Raucher Hilfe, um ihrer Suchterkrankung Herr zu werden. Sowohl niedergelassene Allgemeinmediziner als auch Apotheken können diese Hilfe anbieten.

Das Rauchverbot in der Gastronomie schränkt die Gelegenheiten zum Konsum ein und kann als Rückfallprophylaxe dienen. Gerade unter Alkoholeinfluss neigen Ex-Raucher zu Rückfällen: Nichtrauchen ist einfacher, wenn rundherum nicht geraucht wird. Bei höhergradigen Abhängigen ist allerdings medizinische Hilfe gefragt, um die Sucht zu überwinden, ist Univ.-Doz. Dr. Ernest Groman, der das Wiener Nikotin Institut leitet, überzeugt. „Die intensive Betreuung von Rauchern durch die Allgemeinmediziner ist sehr zeitaufwändig und wird nicht refundiert“, spricht Groman ein Grundproblem an. Die Voreingenommenheit im Gesundheitssystem sei groß, es herrsche die Meinung vor, dass Raucher eben einfach aufhören sollen. Auch eine gegebenenfalls indizierte medikamentöse Therapie wird von den Sozialversicherungsträgern nicht erstattet. Die Evidenz spricht jedenfalls für eine bessere Finanzierung der Rauchstopp-Initiativen. „Es gibt regionale Modelle, wie die Betriebsprogramme, die von der Niederösterreichischen Gebietskrankenkasse bezahlt werden. Wo sie finanziert werden, sind sie auch immer ausgebucht“, sagt der Experte für Nikotinentzug. Er ortet auch ein ethisches Problem: Rauchfreie Betriebsgelände würden den Druck auf Abhängige erhöhen, sie können ihren Nikotinbedarf nicht decken und bedürfen einer Therapie. Er appelliert an die Gesundheitspolitik, Angebote zu machen und die Abhängigkeit von der Zigarette nicht zu bagatellisieren. Nikotinabhängigkeit ist eine chronische Erkrankung, bei der vermehrt Nikotinrezeptoren im Gehirn gebildet werden. Diese bilden sich erst ein Jahr nach dem Beginn der Abstinenz zurück.

 

Medikamentöse Therapie bei starken Rauchern

Bei starken Rauchern ist möglicherweise auch eine medikamentöse Therapie indiziert. Das ist bei hochgradig abhängigen Rauchern der Fall, die unmittelbar nach dem Erwachen die erste Zigarette rauchen, nachts zum Rauchen aufstehen oder mehr als 30 Zigaretten pro Tag rauchen. In Österreich steht derzeit nur der Wirkstoff Vareniclin zur Verfügung, der durch eine partielle Rezeptorblockade die Wirkung der Zigarette abschwächt und das Verlangen unterdrückt. In der Praxis zeigen sich Probleme mit der Adhärenz. Der Raucher empfindet sich nicht als krank und sieht im Innersten nicht ein, warum er ein Medikament nehmen soll. „Wenn das kleinste Unwohlsein auftritt, wird es dem Medikament zugeschrieben. Wenn der Raucher aufhören möchte, beginnt er Ausreden zu entwickeln, um weiter zu rauchen. Da hilft es, wenn man Nebenwirkungen hat“, weiß Groman aus Erfahrung. Von großer Bedeutung ist die Überzeugungsarbeit, die gerade Allgemeinmediziner leisten können. Der Arzt habe immer noch eine gewisse Autorität. Raucher können regelmäßig daran erinnert werden, dass ihnen die Sucht schadet. Am effektivsten ist das anhand spezifischer Befunde wie chronischer Bronchitis oder Gefäßerkrankungen infolge eines Diabetes. Gromans Erfahrung zeigt, dass 30–50 % der Raucher mit ihrem Verhalten generell unzufrieden sind. Wenn der Patient gerade bereit ist, sein Verhalten zu ändern, könne man ihn über weitere Möglichkeiten informieren und das Rauchertelefon oder Ersatzprodukte empfehlen und den Patienten wiederbestellen.

Ein Hilfsmittel bei der Überzeugungsarbeit ist ein Kohlenmonoxid-Messgerät, das dem Raucher die gesundheitlichen Folgen seines Verhaltens veranschaulichen kann und durch die messbare Reduktion des Giftstoffes bereits unmittelbar nach dem Rauchstopp Erfolgserlebnisse bietet. Auch hier müssen Mediziner in die eigene Tasche greifen: finanzielle Unterstützung bei der Anschaffung gibt es nicht.

 

 

Nikotinersatztherapie

Darüber hinaus steht eine Reihe von rezeptfreien Präparaten in der Apotheke zur Verfügung. Pflaster und orales Nikotin in Form von Lutschtabletten, Inhalatoren, Kaugummis und Mundsprays können den Rauchstopp unterstützen. Nach Gromans Erfahrung sollen Raucher noch vor dem Verzicht auf die Zigaretten eines dieser Produkte versuchen, um damit vertraut zu werden. Bei hoch dosierten Präparaten, wie etwa 25-mg-Pflastern, besteht das Risiko einer Überdosis. Sie dürfen erst nach der letzten Zigarette zum Einsatz kommen. Ein häufiger Fehler sei hier eine zu hohe Erwartungshaltung. Während die Zigarette ihre Wirkung innerhalb weniger Sekunden entfaltet, wirken orale Ersatzpräparate erst nach 20 Minuten.

E-Zigaretten: Langzeitdaten fehlen

In zweiter Linie kann der Arzt auch zu einem Versuch mit oralem Nikotin raten, das von der tabakverarbeitenden Industrie angeboten wird. „Wenn man diese Produkte isoliert betrachtet, kann man sie nicht empfehlen. Es hat niemand gesagt, dass das gesund ist. Im Vergleich zur Zigarette ist das Gefährdungspotenzial allerdings um 90 Prozent geringer“, so Groman. An dieser Stelle sind auch E-Zigaretten zu erwähnen, die zuletzt in den USA mit Morbidität bis hin zu Todesfällen assoziiert waren. Diese Fälle dürften in der Beimischung von Cannabisprodukten und Vitamin-E-Öl begründet sein. Die in Europa als Lebensmittel zugelassenen Produkte enthalten Propylenglycol, Glycerin und Nikotin und können als schadstofffrei und relativ sicher gelten. Daten zur langfristigen Auswirkung ihrer Inhalation fehlen, weshalb sie von der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie abgelehnt werden. Groman rät zu einer pragmatischen Herangehensweise. E-Zigaretten würden der Nikotinsubstitution das Stigma nehmen und dabei helfen, den Zigarettenkonsum einzudämmen. „Einen Nikotinkaugummi hat noch niemand cool gefunden“, gibt Groman zu bedenken. Es gehe darum, einen Zugang zu finden, der dem Patienten gegenüber nicht belehrend ist. „Jeder vernünftige Mensch wird jemanden, der etwas Gefährliches tut, zu einer weniger gefährlichen Handlungsweise raten. Wir können die Raucher ja nicht im Regen stehen lassen.“

Interview mit: Univ.-Doz. Dr. Ernest Groman

Leiter des Wiener Nikotin Instituts


AutorIn: Mag. (FH) Axel Beer

AEK 23|2019

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2019-11-29