Reizdarmsyndrom – so alt wie die Menschheit

Die geschätzte Prävalenz des RDS liegt bei 11 % und tritt zumeist in der 2. und 3. Lebensdekade auf, bei Frauen 2-mal häufiger als bei Männern. Es besteht keine erhöhte Koprävalenz mit anderen Erkrankungen des Gastrointestinaltraktes, allerdings eine deutlich gehäufte Assoziation mit somatoformen und psychischen Störungen, weshalb diese Patient:innen eine große Herausforderung in der Betreuung darstellen.

Definition

Definiert wird das Reizdarmsyndrom durch die ROM-IV-Kriterien:
Wiederkehrende, zumindest seit drei Monaten bestehende rezidivierende abdominelle Schmerzen in Zusammenhang mit der Defäkation und assoziiert mit veränderter Stuhlfrequenz und Stuhlkonsistenz. Je nach Stuhlverhalten werden vier Subtypen unterschieden:
der obstipationsdominante, der diarrhödominante, der gemischte Typ mit Wechsel zwischen Obstipation und Durchfall und der unspezifische Typ, bei dem vor allem Schmerzen und Blähungen im Vordergrund stehen.

Ursachen

In den letzten Jahren war die Forschung bezüglich RDS sehr aktiv, und wir wissen zunehmend mehr über dessen Ursachen. Eine zentrale Rolle spielt das sogenannte „Microenvironment“, der Mikrokosmos des Darms. Es besteht auf der luminalen Seites des Darms eine enge Wechselwirkung zwischen Mikrobiom, der zugeführten Nahrung und den körpereigenen Gallensäuren. Eine gestörte Interaktion führt über eine Dysbiose zu einer erhöhten mukosalen Permeabilität, häufig als „leaky gut“ bezeichnet. Dadurch wiederum dringen vermehrt Antigene in die Submukosa ein und bewirken eine Immundysregulation. Eine niedriggradige Aktivierung von Mastzellen und eine vermehrte Freisetzung von proinflammatorischen Zytokinen führen zu einer veränderten Rezeptorsensitivität am enterischen Nervensystem und verursachen so über die Darm-Hirn-Achse eine viszerale Hypersensitivität. Diese erhöhte Wahrnehmung normaler intestinaler Funktionen spielt eine zentrale Rolle. Vergleichbar ist sie mit einer Allodynie, bei der Reize, die sonst keine Schmerzen auslösen, zu Schmerzempfindungen führen, wie das z. B. auch bei einer diabetischen Polyneuropathie der Fall ist, bei der das Aufliegen einer Bettdecke auf den Beinen Schmerzen verursachen kann.

Abklärung

Um zu einer möglichst frühen Diagnosestellung zu gelangen, müssen schwerwiegende Krankheiten ausgeschlossen werden. Eine einmalige Basisdiagnostik sollte eine detaillierte Anamnese mit Abfragen von Alarmsymptomen, eine körperliche – einschließlich rektale – Untersuchung, ein Basislabor einschließlich Zöliakiescreening und Calprotectin im Stuhl, einen abdominellen Ultraschall und eine gynäkologische Abklärung umfassen. Weitere Untersuchungen empfehlen sich insbesondere beim diarrhödominanten RDS mit Gastroskopie inklusive Duodenal-PE, Koloskopie bis ins terminale Ileum mit Stufen-PE, Funktionstest auf KH-Malabsorptionen oder andere bildgebende Verfahren. Bei Alarmsymptomen wie kurzer Anamnese in höherem Alter, Gewichtsverlust, nächtlichen Beschwerden, Blutabgängen und Fieber muss umgehend eine weitreichende Abklärung erfolgen.

Therapie

Aufgrund der Heterogenität gibt es keine Standardtherapie bei RDS. Die Therapie sollte sich nach Schweregrad und individuellen Symptomen der Patient:innen richten. Bei milden Formen reicht nach einer umgehenden Aufklärung der Betroffenen oft eine Lebensstil- und Diätmodifikation. Bei schwereren Formen können nichtmedikamentöse Therapien angeboten werden, eine bauchgerichtete Hypnosetherapie bewirkt langfristig eine signifikante Reduktion der RDS-Beschwerden.
Eine weitere nichtmedikamentöse Option stellt die FODMAPs-(Fermentable Oligosaccharides Disaccharides Monosaccharides And Polyols-)arme Diät dar, die unbedingt unter diätologischer Begleitung erfolgen sollte.
Das Spektrum der medikamentösen Therapie ist breit. Altbewährt sind das spasmolytisch wirksame Mebeverin, Karminativa wie hochdosiertes Pfefferminzöl und STW 5, Abführmittel und auch Probiotika. Neuere Substanzgruppen stehen bei therapierefraktärem obstipationsdominantem RDS mit Linaclotid und Prucaloprid zur Verfügung. Beim diarrhödominanten RDS können das Breitbandantibiotikum Rifaximin oder der 5-HT3-Antagonist Ondansetron verabreicht werden, obgleich beide Substanzen mit der Indikation RDS in Österreich nicht zugelassen sind. Bei hartnäckigen Beschwerden, vor allem wenn Angststörungen und Depressionen im Vordergrund stehen, kommen Antidepressiva – insbesondere Trizyklika – zum Einsatz. Ultima ratio ist die Überweisung an eine Spezialabteilung bzw. an eine Klinik mit einer Abteilung für Psychosomatik.

Wissenswertes für die Praxis
  • Das Reizdarmsyndrom stellt einen häufigen Grund für den Besuch in Allgemeinordinationen dar und ist oft mit Depressionen und Angststörungen assoziiert.
  • Eine einmalige umfassende Diagnostik wird insbesondere beim diarrhödominanten RDS empfohlen. Alarmsymptome müssen umgehend abgeklärt werden.
  • Neben altbewährten stehen neue medikamentöse Therapieoptionen zur Verfügung. Nichtmedikamentöse Therapien stellen eine FODMAPs-arme Diät und eine bauchgerichtete Hypnosetherapie dar.
AutorIn: OA Priv.-Doz. Dr. Christine Kapral

4. Interne Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie, Endokrinologie, Ernährungsmedizin, Stoffwechsel, Ordensklinikum Linz GmbH, Barmherzige Schwestern
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AEK 18|2021

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2021-09-24