Screeninguntersuchungen im Hinblick auf Diabetes mellitus Typ 2

Für die Prävention der Entwicklung ­einer diabetischen Stoffwechsellage zeugen primär Lebensstilinterventionen (körperliche Aktivität und bewusste Ernährung) von nachhaltiger Wirkung. Hier existieren auch hinsichtlich der Evidenz zahlreiche Programme im Rahmen prospektiver Studien (DPS [Diabetes Preven­tion Study]und DPP [Diabetes Prevention Program]), die zeigen konnten, dass eine langfristige Reduktion des Diabetesrisikos in erster Linie durch Lebensstilmodifikation (–28 % über einen Gesamtbeob­achtungszeitraum von durchschnittlich ­7,2 Jahren) erreicht werden kann. Auch medikamentöse Maßnahmen können eine präventive Intervention darstellen, hier sind vor allem Metformin und ­die Gruppe der Glitazone (sowohl Pioglitazon als auch das aktuell nicht mehr am europäischen Markt befindliche Rosiglitazon) anzuführen, jedoch hat sich gerade ­bei diesen Präventionsstudien gezeigt, dass Lebensstilmodifikation den Schlüsselpunkt einer erfolgreichen Prävention darstellt.Sobald ein Prädiabetes – einem HbA1c zwischen 5,7 % und 6,4 % entsprechend – vorliegt, sind nicht nur der Blutzucker, sondern auch die begleitenden Risikofaktoren wie Blutdruck und Lipidprofil in regelmäßigen Abständen zu kontrollieren.

Screening von Spätfolgen

Nach Manifestation der Diagnose Diabetes mellitus sollte auch das Screening hinsichtlich Begleiterkrankungen beginnen und mit dem Betroffenen ein Fahrplan für die weiteren Schritte im Screening von Spätfolgen vereinbart werden. Dazu gehören:

  • arterielle Hypertonie und Hyperlipidämie
  • koronare Herzkrankheit (KHK) und Herzinsuffizienz
  • PAVK
  • diabetischer Fuß
  • diabetische Augen- und Nierenerkrankung
  • Osteoporosescreening
  • psychische Erkrankungen

Arterielle Hypertonie und Hyperlipidämie.

Die häufigsten Begleiterkrankungen umfassen arterielle Hypertonie und Hyperlipidämie. Hier ist die Bewusstseinsbildung, ab wann einerseits ein Interventionsbedarf gegeben ist, andererseits, welche Zielbereiche angestrebt werden sollten, besonders wichtig und sollte daher aktiv mit dem Patienten erörtert werden. Da Diabetespatienten nicht selten erst im Rahmen makroangiopathischer Komplikationen wie Myokardinfarkt oder zerebralischämischer Ereignisse mit der Tatsache ihrer Diagnose Diabetes konfrontiert werden, ist dem anschließenden Risikomanagement besondere Beachtung zu schenken.

KHK und Herzinsuffizienz

Neben den zuvor genannten bekanntesten Risikofaktoren Hypertonie und -lipidämie sind Marker wie NT-pro-BNP und Albuminurie für die Risikostratifizierung im Rahmen des KHK- und Herzinsuffizienz-Screenings bei Diabetespatienten ein uns zur Verfügung stehendes Hilfsmittel. Dieses Risikoscreening kann individuell durchgeführt werden, muss aber mindestens einmal jährlich erfolgen. Allerdings stellt die Anamnese, das bewusste Nachfragen nach klinischen Symptomen wie Belastungsdyspnoe oder Angina Pectoris, weiterhin den zentralen Punkt im Screening von kardialen Folgeproblemen dar.

PAVK und diabetischen Neuropathie

Auch beim nächsten Punkt im Rahmen des Screenings, der PAVK, ist wiederum das aktive Nachfragen nach klinischen Symptomen und die Fußinspektion einer der entscheidendsten Punkte im Diabetesmanagement gemeinsam mit unseren Patienten. Gerade hinsichtlich des langfristigen Outcomes unserer Patienten ist es entscheidend, die Entwicklung eines diabetischen Fußes zu verhindern, da dieser nicht nur mit einer deutlichen Reduktion der Lebensqualität, sondern auch langfristig mit einer erhöhten Mortalität einhergeht. Hier treffen oft makro- und mikrovaskuläre Problematik aufeinander, sodass nicht nur das Gefäßscreening, sondern auch die Diagnostik einer diabetischen Neuropathie Teil der aktiven Abklärung sein muss. Die Sensibilisierung hinsichtlich dieses Problems sollte auch nicht nur dem Betroffenen selbst gelten, sondern es ist – wie in manch anderen Bereichen der diabetischen Therapiestrategie auch – das unmittelbare Umfeld (Familie, eingebundene Betreuungsdienste et cetera) miteinzubeziehen. Die regelmäßige Fußinspektion muss daher Teil unseres Betreuungsprofiles sein (Vibrations-, Temperaturempfindung, Tasten der Fußpulse et cetera).

Augen und Nieren

Das Bewusstsein hinsichtlich mikrovaskulärer diabetischer Folgen ist bei Betroffenen häufig etwas stärker ausgeprägt, und der Thematik „Vorsorge für Spätfolgen bei Augen und Nieren“ wird höhere Bedeutung beigemessen. Das Screening hinsichtlich diabetischer Retinopathie, Makulopathie und diabetischer Nephropathie sollte bei bisher in diesem Zusammenhang gesunden Menschen mit Diabetes einmal jährlich erfolgen. Hierbei sind die Augenuntersuchung (Fundus, Augendruck et cetera) und die Bestimmung der Albumin-Kreatinin-Ratio aus dem Spontanharn als erste jährliche Screeningmaßnahmen anzuführen. Sobald hier positive Befunde zu beobachten sind, verkürzen sich die vorgegebenen Kontrollintervalle.

Knochenstoffwechsel

Ein weiterer Bereich, dem eine besondere Aufmerksamkeit hinsichtlich des Screenings zukommt, ist bei älteren Menschen mit Diabetes der Knochenstoffwechsel. Schlechte glykämische Kontrolle ist mit einem Anstieg des Frakturrisikos verbunden. Fragilitätsfrakturen sind gehäuft zu beobachten. Daher kommt sowohl der Diagnostik im Osteoporosescreening als auch der Prophylaxe in der Therapie eine besondere Bedeutung zu. Vor allem ist die Interpretation der DXA + TBS bei Diabetespatienten je nach Frakturanamnese unterschiedlich vorzunehmen, und auch für eine optimierte Therapieanpassung wird eine regelmäßige Screeningdiagnostik (in der Regel alle 2 Jahre) empfohlen.

Diabetes und Psyche

Zuletzt möchte ich noch auf einen häufig nicht unmittelbar mit Diabetes assoziierten Krankheitskomplex hinweisen: die Gruppe der psychischen Erkrankungen, mit denen Diabetes häufig verbunden ist. Hier stehen vor allem „Diabetes-Disstress“, Depressionen und Angststörungen im Vordergrund. Im Hinblick auf eine verbesserte Lebensqualität sind hier eine Bewusstseinsbildung und eine damit verbundene Unterstützung für Betroffene zur Verbesserung der Therapieadhärenz und Effizienz sicherlich von großer Bedeutung.Durch die 2018/2019 national und international neu definierten Leitlinien kommt der zeitgerechten Erfassung von Risikogruppen sowie von Folge- und Begleiterkrankungen eine therapieentscheidende Bedeutung zu. In der Vergangenheit konnte in Ermangelung von Studienevidenz hinsichtlich neuer antidiabetischer Strategien keine so differenzierte Therapie angeboten werden. Dies ist heute möglich und sollte auch Eingang in unseren klinischen Alltag finden.

Quellen: Leitlinien ÖDG 2019

AutorIn: Prim. Dr. Christian Schelkshorn

Vorstand 1. Medizinische Abteilung
Landesklinikum Korneuburg-Stockerau


AEK 11|2020

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2020-05-29