„Verhinderten Schaden sieht man nicht“ …

… das ist die Schwierigkeit, unter der alle präventiv Tätigen zu leiden haben.

Das betrifft alle Interventionen, die der Hygiene im Besonderen. Je besser Hygienemaßnahmen implementiert sind und je selbstverständlicher sie gelebt werden, je weniger Komplikationen und Infektionen es in der Folge gibt, umso schwieriger für die Fachrichtung, ihre Relevanz zu argumentieren. Der Doyen der österreichischen Krankenhaushygiene, Prof. Helmut Mittermayer († 2010), brachte es im Interview einmal mit dem in der Überschrift zitierten Satz auf den Punkt: Die Schwierigkeit für die Hygiene besteht darin, dass man verhinderten Schaden nicht sieht.

Letztlich trifft das auf alle Vorsorge- und Präventionsaspekte zu. Die Akzeptanz für eine Maßnahme erreicht man selten, indem man Schaden verhindert, sondern mit drastischen Fallzahlen. Auffällig in diesem Zusammenhang ist, wie schnell man offenbar auch drastische Fallzahlen vergisst, auch wenn wir sie in unserem Nachbarland sehen.

Ob die Virenverbreitung durch Masken in relevantem Maßstab verhindert wird, wird man vielleicht wissen, wenn es wissenschaftlich evaluiert wird. Ob das einen Einfluss auf die Erkrankungszahlen hatte, ob das gewählte Prozedere gleich effektiv, besser oder schlechter war als das in anderen Ländern – Antworten auf diese und viele andere Fragen wird man eventuell im Langzeitverlauf haben. Dazu braucht es (Langzeit-)Daten, wissenschaftliche Analysen und Auswertungen.

Bedenklich stimmt allerdings, wenn, kaum dass der erste schwere Schaden verhindert wurde, die übliche „Relativiererei“ beginnt. Wir werden mit Corona leben und umgehen müssen; wie gut uns das gelingt, hängt vor allem vom verantwortungsbewussten Verhalten jedes Einzelnen, ja der ganzen Bevölkerung ab. Das sollte man nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.

Vor kurzem ließen uns Wirtschaftsexperten wieder einmal wissen, dass wir zu viele Spitalsbetten haben und jetzt Betten abbauen sollten – weil wir sie jetzt in der Pandemie schließlich nicht ausgelastet haben. Das Timing dieser Aussage ist – interessant.

Ob einzelne Maßnahmen im Detail richtig oder überzogen waren, wird sich im Langzeitvergleich zeigen, die wissenschaftliche Bewertung auf solider Datenbasis wird zu gegebenem Zeitpunkt erfolgen müssen. Aber zu einem Zeitpunkt, zu dem gerade einmal klar ist, dass größerer Schaden fürs Erste verhindert wurde, zu einem Zeitpunkt, zu dem nebenbei erwähnt nicht einmal noch klar ist, welcher Kollateralschaden dadurch gesetzt wurde, ist dieser Schluss „interessant“. Immerhin war auch die ärztliche Versorgung im Shutdown: Alle nicht überlebensnotwendigen Eingriffe und Konsultationen waren verschoben, ganze Abteilungen zu COVID-Abteilungen umfunktioniert … Die Regelversorgung wird erst zögerlich und langsam wieder aufgenommen, die Wartelisten in den Ambulanzen sind enorm. Allgemeinmediziner warten auf fachärztliche Termine. Fachabteilungen werden langsam wieder „rückgebaut“ et cetera.

Noch sehen wir die durch den Shutdown (und auch durch die extra freigehaltenen Betten) gesetzten möglichen Folgen also noch gar nicht! Genau zu diesem Zeitpunkt eine Diskussion über nicht ausgelastete – weil frei gehaltene – Betten zu führen erscheint mir doch etwas zynisch.

AutorIn: Susanne Hinger

Redaktionelle Leitung, Ärzte Krone


AEK 10|2020

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2020-05-15