Zielwerte auch bei Frauen essenziell

Frauen haben eine längere Lebenserwartung, gelten als robuster. Gleichzeitig zeigen neuere Daten, dass Frauen mehr Lebensjahre in schlechter Lebensqualität beziehungsweise nicht in Gesundheit verbringen. Wie lässt sich das erklären?

Dr. Alexandra Kautzky-Willer: Wir sehen hier im Hinblick auf Lebenserwartung und gesunde Lebensjahre gewissermaßen ein Paradoxon: Österreich steht hier im Vergleich mit anderen Ländern besonders schlecht da. Die Zahl gesunder Lebensjahre liegt in Österreich für Frauen – übrigens gleichauf wie für Männer – bei nur 57 Jahren, während im EU-Durchschnitt Frauen mehr als 64 Lebensjahre und Männer um die 63 Lebensjahre in Gesundheit verbringen.

Wie werden diese Daten erhoben? Sind die objektiviert?

Sicher ist es auch eine kulturelle und gesellschaftliche Frage, da Lebensqualitätsdaten ja hauptsächlich durch Befragungen erhoben werden. Es fällt auf, dass Frauen in Österreich bereits ab der Pubertät angeben, sich weniger oft umfassend gesund und fit zu fühlen und damit statistisch ihr Wohlbefinden – physisch und psychisch – als schlechter beschreiben als gleichaltrige Männer.

Könnte das auch an einer anderen Selbstwahrnehmung liegen?

Das kann natürlich an der Selbstwahrnehmung liegen, auch am Selbstbewusstsein, Gleichbehandlung, am Standing von Frauen in der Gesellschaft … Bezeichnend ist, dass der Unterschied bereits in der Pubertät beginnt und sich fortzieht. Besonders große Unterschiede zeigen sich dann in der reproduktiven Phase, bedingt durch Schwangerschaft, Stillperiode et cetera. Diese Unterschiede verstärken sich dann noch einmal, wenn der hormonelle Schutz durch Östrogen wegfällt und dadurch auch Gefäßprobleme, Krebserkrankungen und Stoffwechselerkrankungen zunehmen.

 

 

Tatsächlich sind Frauen aber gesünder?

Frauen leben prinzipiell achtsamer, sie ernähren sich gesünder, betreiben weniger risikoreiche Sportarten als Männer, sie haben einen gesünderen Lebensstil. Das ändert sich allerdings auch gerade. Der psychosoziale Stress durch Mehrfachbelastungen steigt, Frauen rauchen – gerade Rauchen ist für Frauen ein besonders hoher Risikofaktor – und trinken zunehmend auch mehr Alkohol. Auch das ist vermutlich eine – wenn auch falsche – Art der Stressbewältigung.

Es gibt zunehmend Daten, dass beispielsweise Herzinfarkte auch bei jüngeren Frau en im Zunehmen sind, Frauen haben dann ein schlechteres Outcome und eine höhere Mortalität. Kausal dürften hier Rauchen, Bewegungsmangel, zunehmendes Übergewicht, Diabetes, aber auch zunehmende Stressbelastung eine Rolle spielen.

Kardiovaskuläre Erkrankungen treten bis zur Menopause seltener auf als bei Männern?

Frauen sind von Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Schnitt um 10 Jahre später betroffen als Männer – und zwar aufgrund des hormonellen Schutzes, aber auch des Lebensstils. Das Risiko für diese Erkrankungen steigt ab der Menopause, gleichzeitig nimmt aber offenbar auch die Achtsamkeit ab, Vorsorgeuntersuchungen werden ab 50 eher rückläufig.

Beim Herzinfarkt sind geschlechtsspezifische Unterschiede bei den Symptomen beschrieben. Wird Herzinfarkt bei Frauen auch seltener diagnostiziert?

Wir wissen, dass Frauen mit Herzinfarkt nach wie vor nicht so häufig diagnostiziert werden wie Männer, weil sich die Symptome etwas anders präsentieren – wobei es übrigens auch Meta-Analysen gibt, die zeigen, dass auch Männer atypische Symptome mit Erbrechen, Übelkeit haben können und dass die Unterschiede nicht so groß sind. In Summe ist das Bild jedoch bei Frauen bunter, es gibt nicht den Prototyp für Herzinfarkt-Symptome, was die Diagnose erschwert.

Darüber hinaus stellt sich auch die Frage, ob die Cut-offs für die kardialen Marker wirklich für Männer und Frauen gleich sein sollten. Es gibt bereits Daten, die niedrigere Cut-offs für Troponin-T oder Troponin-I für Frauen nahelegen. Und auch andere diagnostische Tests sind bei Frauen weniger sensitiv. Sicher braucht es hier noch mehr Forschung in Pathophysiologie und Diagnostik. Geschlechtsspezifische Unterschiede sehen wir auch in der Dia-gnose von Diabetes.

Wo sehen Sie geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Diagnose von Diabetes?

Diabetes wird bei Frauen oft nicht im Frühstadium erkannt wie bei Männern, weil Männer bereits früher eine gestörte Nüchternglukose zeigen und auch im HbA1c höher sind als Frauen. Glukosetoleranztests sollten generell bei Risikopatienten und gerade bei Frauen öfter veranlasst werden, weil Frauen oft schon einen pathologischen 2-Stunden-Wert haben, obwohl die Nüchternglukosewerte noch im Normalbereich und auch HbA1c noch im Prädiabetes-Bereich oder sogar noch im normalen Bereich liegen. Prädiabetes wird leider insgesamt noch nicht ausreichend ernst genommen, obwohl dieses Stadium entscheidend ist, um mit Lebensstiländerungen einen Rückgang zu erreichen.

Welchen Einfluss haben Stress und psychische Belastungen?

Stress und psychische Erkrankungen sind sicher relevante Faktoren, da Frauen oft Vielfachbelastungen ausgesetzt sind, wie wir es ja auch gerade jetzt in COVID-Zeiten sehen – mit Home-Office, Home-Schooling und mitunter auch noch zu betreuenden Familienangehörigen. Nach wie vor sind hauptsächlich Frauen von – unbezahlter – Familienarbeit betroffen. Das führt oft auch zu einer Überforderung, weil Frauen trotzdem alles erfüllen wollen.

Wir wissen, dass dieser psychosoziale Stress gerade bei Frauen oft mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen einhergeht, auch mit Adipositas verbunden ist und letztlich auch mit Diabetes. Daten zum Broken-Heart-Syndrom zeigen, dass eine Hirn-Herz-Achse besteht und dass letztlich chronische Stress-Level auch im Gehirn zu veränderter Gehirndurchblutung und zu strukturellen Veränderungen führen können.

Frauen leiden doppelt so häufig unter Angstzuständen und Depressionen. Diese Erkrankungen reduzieren natürlich per se die Lebensqualität, sie gehen aber auch mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und erhöhter Mortalität einher. Dazu kommt möglicherweise, dass Frauen auch öfter Fehldiagnosen erhalten, über- oder untertherapiert sind, oder nicht entsprechend den Leitlinien therapiert sind.

Auch Autoimmunerkrankungen sind bei Frauen häufiger als bei Männern.

Das lässt sich mit ihrem stärkeren und aktiveren Immunsystem erklären. Sie sind daher auch weniger anfällig für bakterielle und virale Infektionen, möglicherweise sehen wir deswegen auch weniger schwere COVID-19-Infektionen. Frauen haben eine bessere Antikörperbildung und eine bessere T-Zell-Immunität. Der Preis dafür ist, dass das Immungeschehen auch häufiger gegen körpereigene Zellen gerichtet ist und alle Autoimmunerkrankungen – mit Ausnahme des Typ-1-Diabetes – bei Frauen

sei es multiple Sklerose, rheumatische Erkrankungen wie die rheumatoide Arthritis oder Lupus et cetera und ganz typisch Schilddrüsenerkrankungen, die bei Frauen um ein Vielfaches häufiger sind als bei Männern.

Welche Schilddrüsenerkrankungen sind bei Frauen häufiger?

Sowohl die Überfunktion, also die Basedow-Hyperthyreose, als auch insbesondere die Unterfunktion, die Hashimoto-Thyreoiditis, sind bei Frauen sehr häufig. Das Risiko für die Hashimoto-Thyreoiditis nimmt auch mit zunehmendem Alter noch zu. Die Herausforderung liegt darin, dass die Symptome breitgefächert und unspezifisch sind, von Gewichtsproblemen, Abgeschlagenheit, Müdigkeit, Verdauungsstörungen bis zur depressiven Symptomen.

Insgesamt werden bei Frauen diffuse Symptome übrigens auch leichter einer psychischen Ursache zugeschrieben als bei Männern. Schlaf- und Angststörungen – und damit assoziiert der Konsum von Benzodiazepinen – sind ebenfalls bei Frauen häufiger. Von den Sucherkrankungen, die insgesamt bei Männern häufiger sind, ist die Benzodiazepin- und insgesamt die Medikamenten-Abhängigkeit die einzige Suchterkrankung, von der Frauen häufiger betroffen sind als Männer.

Frauen ab der Menopause nehmen weniger Vorsorge in Anspruch. Werden sie im Gesundheitssystem überhaupt ausreichend wahrgenommen?

Insgesamt glaube ich, dass Frauengesundheit mit der Fokussierung auf die Geschlechtsorgane und die Reproduktion zu kurz greift. Das trifft dann vor allem ältere Frauen. Vor allem ältere Frauen könnten durch eine verstärkte Gesundheitsvorsorge viel dazugewinnen. Viele glauben, sie hätten noch einen niedrigen Blutdruck wie früher, nur nach der Menopause leiden auch immer mehr Frauen unter Bluthochdruck, im hohen Alter sogar Frauen mehr als Männer! Die Risikofaktoren sind jedoch auch bei Frauen die gleichen.

Auffällig ist, dass Frauen – insbesondere im zunehmenden Alter – die Zielwerte für Blutdruck, HbA1c, LDL-Cholesterin seltener erreichen als Männer.

Sind sie schwerer einstellbar?

Auch das ist theoretisch denkbar. Nur müsste man dann die Medikation entsprechend titrieren und andere Medikationen dazugeben. Ich fürchte, es wird offenbar bei der älteren Frau auch weniger konsequent verfolgt. Vielleicht wirken sie gebrechlicher, oder vielleicht schildern Männer ihre Beschwerden dramatischer und erreichen somit mehr. Hier spielen sicher viele Faktoren mit. Vielfach beachten Frauen im Alter auch ihre Gesundheit vielleicht nicht ausreichend. In jüngeren Jahren leben Frauen achtsamer und kümmern sich um die ganze Familie, nur wenn es dann um sie selbst geht, scheint es, als ob sie sich selbst nicht so wertschätzen … Die Gesellschaft tut es leider offenbar auch nicht, denn bei der älteren Frau gibt es viel weniger Studien.

Frauen nehmen übrigens nach Schlaganfall oder Herzinfarkt auch um 30 % seltener eine Rehabilitation in Anspruch als Männer.

Wird ihnen auch seltener Rehabilitation angeboten?

Ich hoffe, nicht! Aber wir wissen die Gründe dafür nicht. Eine aktuelle Studie (Zentrum Gmundnerberg) mit 2.000 Personen zeigt übrigens, dass Frauen trotz sogar etwas besserer Erfolge während der Rehabilitation dann letztlich bei der Entlassung einen schlechteren funktionellen Status mit schlechterem Barthel-Index haben als Männer. – Warum? Weil sie einfach schon mit deutlich schlechterem Status und auch etwas später nach ihrem Schlaganfall zur Reha kamen als Männer. Das Problem liegt also schon ganz am Anfang: Wenn Frauen einen Schlaganfall erleiden, sind sie in der Regel auch bereits älter als Männer und in einem schlechteren Allgemeinzustand. Das zieht sich dann weiter.

Wo sehen Sie jetzt Ansatzpunkte?

Es beginnt in der Erziehung: Mädchen sollten in der Entwicklung des Selbstbewusstseins unterstützt werden, Bewegung sollte zugelassen und gefördert werden. Ernährung würde ich nicht überbewerten; gesunde Ernährung und Normalgewicht sind wichtig, aber dem insbesondere bei Mädchen häufig verbreiteten Diätwahn sollte entgegengewirkt werden.

Was wünschen Sie sich im Primärversorgungsbereich?

Frauen brauchen mehr Zeit als Männer, eine gute Vertrauensbasis und fixe Ansprechpartner. Auch deshalb ist eine gute hausärztliche Versorgung für Frauen so essenziell. Es ist wichtig, bei Frauen genauso auf die Zielwerterreichung zu achten wie bei Männern! Auch die Frau soll LDL, Blutzucker, HBA1c und Blutdruck im Zielbereich haben wie der Mann. Wichtig ist auch, die Therapieadhärenz zu hinterfragen – werden die Medikamente überhaupt genommen? – und die Medikation gerade mit Schlaf/Beruhigungsmitteln regelmäßig zu reevaluieren. Diffuse Beschwerden sollten nicht vorschnell auf die Psyche abgestellt werden.

Ist Frauengesundheit ein sozioökonomisches Thema?

Das Thema Frauengesundheit und -förderung betrifft alle Frauen, unabhängig von Beruf oder Status. Ich glaube auch, dass Institutionen wichtig sind, wo Frauen sich für ihre Gesundheit Zeit nehmen können und völlig ohne Tabuthemen auch mit gleichgesinnten, gleichgeschlechtlichen Personen austauschen können. In Wien gibt es hier hervorragende Institutionen wie beispielsweise FEM, wo auch Frauen aus schwierigeren sozioökonomischen Verhältnissen erreicht werden.

Bedarf sehe ich bei allen Frauen in allen sozioökonomischen Schichten – auch bei der berufstätigen, super erfolgreichen Frau. Auch wenn sie bei der Kinderbetreuung vielleicht auf mehr Ressourcen zugreifen kann, ist sie mehrfach belastet und hat mitunter noch weniger Zeit für sich selbst und ihre Gesundheit. Deshalb ist es wichtig, unterschiedliche Angebote zu haben. Im Mittelpunkt sollte Bewegung, gesunde Ernährung und Resilienz stehen, die erlebt wird und letztlich in den Alltag integriert wird. Das ist beispielsweise auch ein Grund, warum „La Pura – women only“, in Gars am Kamp ins Leben gerufen wurde.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview mit: Univ.-Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer

Leiterin der Klinischen Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechsel, Leiterin der Gender Medicine Unit, Medizinische Universität Wien


AutorIn: Susanne Hinger

AEK 18|2020

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2020-09-18