Förderung der medikamentösen Adhärenz

In der Schweiz erkranken schätzungsweise jedes Jahr 42.000 Menschen an Krebs, davon sind rund 200 Kinder betroffen. Durch die immer älter werdende Bevölkerung steigt das Risiko, an einem Tumor zu erkranken. Gleichzeitig sank die Mortalitätsrate bei den meisten Krebserkrankungen in den letzten Jahren. Dieser demografische Wandel sowie eine zielgerichtete Medizin oder Präzisionsmedizin stellen für das ganze Gesundheitssystem eine Herausforderung dar. Fortschritte in den gezielten Therapien haben die Behandlung vieler maligner Erkrankungen in den vergangenen 20 Jahren substanziell verändert und stellen mittlerweile einen wichtigen Pfeiler in der Onkologie dar. Diese gezielten Therapien inklusive Immuntherapien werden, wie zahlreiche andere Zytostatika, intravenös appliziert. Bei diversen Tumorkrankheiten kommen immer mehr orale Medikamente zum Einsatz. In Europa sind über 60 tumorwirksame orale Medikamente auf dem Markt, bis 2020 werden mindestens 25 neue orale Krebsmedikamente (EMA- und Swissmedic-registriert) erwartet. Definitiv wird diese Entwicklung eine große Herausforderung für das Gesundheitspersonal darstellen, das sich um KrebspatientInnen und deren Angehörigen kümmert.

Orale Tumormedikamente

Viele PatientInnen begründen ihre Präferenz zur oralen Applikation mit der Annahme, dass oral eingenommen Medikamente einerseits weniger toxisch sind, weniger unerwünschte Arzneimittelwirkungen haben als intravenöse und daher harmloser sind. Andererseits entfallen häufige Konsultationen und mögliche beschwerliche Anreisen. Diese Aspekte haben sich jedoch mit zunehmender Erfahrung im klinischen Alltag relativiert. Bedingt durch unerwünschte Arzneimittelwirkungen und deren Symptomatik sind unter Umständen, vor allem in der initialen Therapiephase, häufige klinische Kontrollen – inklusive Blutentnahmen – notwendig, um allfällige Dosismodifikationen vorzunehmen. Weiters haben orale Tumortherapien andere und bisweilen die Lebensqualität stark beeinträchtigende Toxizitäten, die aufgrund ihrer Chronizität besonders belastend sind (wie etwa Fatigue, Inappetenz, Asthenie, orale Mukositis, Diarrhö).

Herausforderungen: Bei vielen chronischen Krankheiten zeigt sich, dass eine perorale medikamentöse Therapie eine Herausforderung an die Adhärenz stellt. Mit der Zunahme von oralen Tumormedikamenten ist dieses Thema auch in der Onkologie ins Zentrum gerückt. In den letzten Dekaden wich der Begriff Compliance zusehends dem Begriff der Adhärenz. Im Zusammenhang mit der Therapietreue verwendet die Literatur noch weitere zentrale Begriffe (Tab.). Eine zusätzliche Herausforderung bei oralen Tumortherapien stellt die Eigenverantwortung der PatientInnen dar. Um bei der oralen Tumortherapie einen korrekten Behandlungsplan einhalten zu können, müssen die Betroffenen sehr gute Informationen zu den Medikamenten, zur Galenik, zum Einnahmemodus sowie zu den erwünschten und unerwünschten Wirkungen erhalten. Außerdem müssen sie lernen, die möglichen Symptome unerwünschter Wirkungen zu erkennen und richtig zu deuten, um adäquat reagieren und handeln zu können. Das Selbstmanagement tritt in den Vordergrund. Die PatientInnen und ihre Bezugspersonen müssen ein möglichst exaktes Einhalten des Medikamentenregimes erlernen, damit die richtige Dosis zur richtigen Zeit eingenommen wird. Dazu brauchen die PatientInnen auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Information und Unterstützung, ergo eine gute PatientInnen- und Familienedukation.

 

 

Adhärenz

„adhärent sein“: Adhärenz ist ein multidimensionales und dynamisches Phänomen. Sie wird durch individuelle, therapie- und krankheitsbezogene Faktoren, aber auch durch das Gesundheitssystem und -personal beeinflusst. „Adhärent sein“ hat viele Schattierungen und kann ein Spektrum von optimal adhärent bis hin zu kaum adhärent, respektive nichtadhärent, umfassen. Betroffene können im Sinne dieses multidimensionalen und dynamischen Phänomens in ihrem Krankheits- und Therapiemanagement in unterschiedlichen Facetten adhärent oder nichtadhärent sein.

„Nichtadhärentsein“ bedeutet, die Medikamente nicht genau so einzunehmen wie verordnet. Eine Nichtadhärenz kann beabsichtigt oder unabsichtlich erfolgen. Ein „Nichtadhärentsein“ ist nicht nur ein PatientInnenproblem, sondern es betrifft die ganze Familie und das soziale Umfeld. Es bedarf einer gezielten, auf sie und ihren Veränderungsstatus zugeschnittenen Schulung sowie motivierender und wertschätzender Kommunikation und Beratung.

Unterstützung der Adhärenz: Fachpersonen im Gesundheitswesen sind sich nicht immer bewusst, dass PatientInnen ihre Medikamente nicht immer genau so einnehmen wie diese verschrieben wurden. Daher ist es unerlässlich, alle PatientInnen bezüglich einer adhärenten Ein nahme zu unterstützen. Dieser Prozess beginnt mit einer partizipativen Entscheidung zu einer oralen Tumormedikation. Das Gesundheitspersonal trägt eine Verantwortung in der Sicherstellung eines ungefährlichen Umgangs mit oralen Medikamentenregimen. Dabei ist es besonders wichtig, gezielte Informationen, Beratungen und Schulungen zur Einnahme und zum Management der unerwünschten Arzneimittelwirkungen zu liefern, um die PatientInnen zur korrekten Medikamenteneinnahme zu befähigen.

Merkblätter/Projekt zur MitarbeiterInnenschulung

Die Arbeitsgruppe „Adhärenz bei oraler Tumortherapie“ entwickelte unter der Schirmherrschaft von SGMO und OPS Ansätze, damit Fachpersonen ihre PatientInnen besser anleiten und instruieren können, tumorwirksame Medikamente gemäß der Verordnung korrekt und sicher einzunehmen. Zudem sollen PatientInnen gezielte Information erhalten, um unerwünschte Arzneimittelwirkungen frühzeitig zu erfassen, darauf angemessen und prompt zu reagieren. Schwerpunkt der Tätigkeit dieser Arbeitsgruppe ist die Erstellung von Merkblättern zu den in der Schweiz verfügbaren oralen Tumortherapien. Auf unserer Internetseite https://oraletumortherapie.ch finden sich derzeit 71 Merkblätter in deutscher, 50 Merkblätter in französischer und 10 Merkblätter in italienischer Sprache. 8 neue Merkblätter in deutscher Sprache sind seit Kurzem online. Weitere 9 Merkblätter werden erstellt oder ins Französische und Italienische übersetzt. Die Website wird vor allem durch die Sichtung der Merkblätter rege genutzt. Im Oktober 2019 besuchten 900 NutzerInnen unsere Website, die 3.386 unterschiedliche Seiten in 1.224 Sitzung aufriefen. Die durchschnittliche Sitzungsdauer betrug rund 2 Minuten. Im Jahr 2019 besuchten bis dato 8.204 NutzerInnen unsere Website. Zudem stehen auf dieser Plattform auch weitere Ressourcen zur Verfügung: Literatur zu Fachwissen, Abstracts von aktuellen Studien zum Thema, Links zu weiteren relevanten Internetseiten.

Fazit

Mangelnde Adhärenz bei der Einnahme von oralen Tumormedikamenten kann einerseits Auswirkungen auf den Verlauf von Krankheit und Therapie haben, andererseits können die Konsultationen und die Gesundheitskosten ansteigen. Um über die individuellen Bedürfnisse und Ressourcen der PatientInnen bezüglich ihres Adhärenzmanagements informiert zu sein, müssen Pflegende von Therapiebeginn an involviert sein, Gespräche initiieren sowie eine proaktive Pflege anbieten. Â

Website „Adhärenz und Sicherheit bei oraler Tumortherapie“

 

Literatur bei den Verfassern

AutorIn: Evelyn Rieder

Institut für Pflege, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Winterthur, Schweiz


KoautorInnen: Priv.-Doz. Dr. Christian Rothermundt Klinik für Medizinische Onkologie und Hämatologie, Kantonsspital St. Gallen, Schweiz; Dr. Mark Haefner, Praxis Onkologie, Bülach, Schweiz; Anita Margulies, BSN RN, Freischaffend, Zürich, Schweiz; Dr. Vlasta Zavadova, Spitalapotheke, Kantonsspital Olten, Schweiz

AHOP-News 02|2019

Herausgeber: Arbeitsgemeinschaft hämatologischer und onkologischer Pflegepersonen in Österreich (AHOP)
Publikationsdatum: 2019-12-18