Der Reizdarmpatient an der Tara

Beschwerden wie Schmerzen, Blähungen, Durchfall oder Verstopfung sind unangenehm und beeinträchtigen die Lebensqualität der Betroffenen zum Teil immens. Die Prävalenz für das Reizdarmsyndrom liegt weltweit bei 11 %, Frauen sind vor allem in jüngeren Jahren etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer. Laut den 2016 veröffentlichten Rom-IV-Kriterien liegt ein Reizdarmsyndrom vor, wenn die Betroffenen in den letzten drei Monaten wiederholt an mehr als einem Tag pro Woche Bauchschmerzen hatten, die im Zusammenhang mit der Stuhlentleerung standen oder mit einer Änderung der Stuhlfrequenz oder -konsistenz einhergingen. Zusätzlich muss der Beginn der Beschwerden mindestens ein halbes Jahr zurückliegen. Die deutsche S3-Leitlinie, deren überarbeitete Version im Laufe dieses Jahres veröffentlicht wird, führt als zusätzliches Kriterium an, dass die Beschwerden so stark sein müssen, dass die Lebensqualität der Betroffenen beeinträchtigt ist und sie aus diesem Grund ärztliche Hilfe suchen. Die Diagnostik basiert nach wie vor auf dem Ausschlussprinzip, dass keine charakteristischen Veränderungen, die auf ein anderes Krankheitsbild hinweisen, vorhanden sein dürfen. Bei anhaltenden schweren Durchfällen, Blut im Stuhl, ungewolltem Gewichtsverlust, Fieber, Nachtschweiß oder vorwiegend nächtlichen Bauchschmerzen sollte dringend ein Arztbesuch empfohlen werden.

Der Entstehungsmechanismus des Reizdarmsyndroms ist noch nicht voll erforscht. Klar ist, dass der Darmtrakt überempfindlich auf chemische und mechanische Reize, wie zum Beispiel eine Dehnung der Darmwand, reagiert. Zusätzlich dürften Störungen bei der Darmmotilität, der Sekretion und bei der Kommunikation zwischen Gehirn und Verdauungstrakt sowie psychische und genetische Faktoren und ein gewisses Entzündungsgeschehen eine Rolle spielen, aufgrund dessen vermehrt Histamin und Serotonin freigesetzt werden.

Medikation und Psychotherapie

Die Therapie baut auf drei Säulen auf: Allgemeinmaßnahmen, Psychotherapie und eine Medikation, welche auf die vorherrschenden Symptome abgestimmt ist. Die Allgemeinmaßnahmen umfassen eine ausreichende Flüssigkeitsmenge, körperliche Bewegung und Ernährungsberatung. Betroffene können von einer FODMAP-armen Diät profitieren. Durch das Weglassen von fermentierbaren Oligo-, Di- und Monosacchariden sowie Zuckeralkoholen wird das Darmmikrobiom modifiziert und die Gasproduktion im Darm vermindert. Da der Begriff Psychotherapie für die Betroffenen eher abschreckend wirken kann, wenn keine psychischen Begleiterkrankungen auftreten, sollte diese eher nur bei starken Auswirkungen angesprochen werden. Trotzdem sollten Tipps zum Stressmanagement oder zur Ressourcenaktivierung genauso wenig fehlen wie eine Dokumentation der (Ess-)Gewohnheiten.

Das medikamentöse Behandlungskonzept sollte individuell an die Symptome angepasst werden. Da bei Reizdarmpatienten das Darmmikrobiom häufig anders zusammengesetzt ist, können Probiotika die Symptomatik verbessern und werden deshalb von der Leitlinie immer als First-Line-Option genannt, wobei der Stamm je nach Symptom ausgewählt wird. Auch verkapseltes Pfefferminzöl wirkt aufgrund seines spasmolytischen Effekts auf die glatte Darmmuskulatur gegen die Hauptsymptome des Reizdarms, wie Bauchkrämpfe, Schmerzen und Blähungen. Wichtig ist eine magensaftresistente Formulierung, da es ansonsten zu mentholischem Aufstoßen, Sodbrennen oder Reflux kommen kann. Bereits nach 1–2 Wochen sollten sich die Symptome verbessern oder diese sogar abgeklungen sein.

Zur Bedarfsmedikation bei Diarrhö empfiehlt die Leitlinie den Einsatz von Loperamid. Zur Daueranwendung können an der Tara zusätzlich lösliche Ballaststoffe angeraten werden, die sich auch bei Verstopfung eignen. Außerdem bewähren sich Macrogole und pflanzliche Vielstoffpräparate zum Auflockern des festen Stuhls. Zur kurzfristigen Anwendung können auch stimulierende Laxanzien zum Einsatz kommen.

Bei Schmerzen

Gegen Schmerzen werden in erster Linie Spasmolytika wie Butylscopolamin, Pfefferminzöl und ausgewählte Pflanzenmischungen empfohlen. Blähungen sind jenes Symptom, welches die Betroffenen häufig am meisten beeinträchtigt. Akut können sich Entschäumer wie Simeticon positiv auswirken, zur regelmäßigeren Anwendung eignen sich STW-5 und Spasmolytika. Die Einnahme sollte bei allen Medikamenten so kurz wie möglich erfolgen (4–12 Wochen). Stellt sich ein Mittel als nichtwirksam heraus, sollte dieses spätestens nach 3 Monaten abgesetzt werden.

 

Literatur:

S3-Leilinie Reizdarmsyndrom, AWMF-Reg.Nr.: 021/016, derzeit in Überarbeitung

https://www.pharmazeutische-zeitung.de/ausgabe-142017/reizmagen-und-reizdarm-belastende-syndrome/

https://www.unispital-basel.ch/fileadmin/unispitalbaselch/Bereiche/Medizin/Psychosomatik/Fortbildungen/Dienstagmittag-Fortbildung/pdf/20170919_Schaefert.pdf

https://www.pharmazeutische-zeitung.de/hoch-dosiertes-pfefferminzoel-beruhigt-den-darm/

AutorIn: Mag. pharm. Katharina Ender

Apo-K 13|2020

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2020-07-03