Vegane Arzneimittel und Nahrungsergänzungen (Teil 1)

Den Begriff des „Veganismus“ gibt es erst seit dem Jahr 1944. Davor wurden Menschen, die ausschließlich Pflanzliches zu sich nahmen oder verwendeten, den Vegetariern zugeordnet.1 Heute ist die vegane Bewegung eine zahlenmäßig wachsende. Die Schätzungen zum Anteil in der Bevölkerung gehen etwas auseinander. Während die Agrarmarkt Austria (AMA) von einem Wert von 2 % ausgeht,2 nennt die Vegane Gesellschaft Österreichs mit Stand 2017 einen Anteil von 9 % der heimischen Bevölkerung, verglichen mit nur 2,9 % im Jahr 2005.3

Der Veganismus wird oft nur als Ernährungsform gesehen, ist jedoch ein umfassendes Lebensstilkonzept, das alle Produkte vermeidet, für die Tiere herangezogen oder getötet werden.1 Dies führt auch in der Apotheke dazu, dass Veganer eine anspruchsvolle Kundengruppe sind. Sowohl die Herkunft der Wirk- als auch jene der Hilfsstoffe eines Produktes muss unter die Lupe genommen werden, zudem dürfen für die Entwicklung keinerlei Tierversuche durchgeführt worden sein. Es ist somit nicht immer einfach für einen Veganer, das seinem Lebensstilkonzept entsprechende und der Situation angepasste Präparat zu finden. Zudem fallen nicht alle Inhaltsstoffe beim Scannen der Zutatenliste ins Auge.

Einige Beispiele für tierische Inhaltsstoffe:

  • Gelatine: wird durch partielle saure, alkalische, enzymatische oder thermische Hydrolyse aus tierischem Kollagen hergestellt.4 In diesem Fall ist die Lage eindeutig. Als Alternative können Kapseln auf Basis von Stärke oder Hydroxymethylpropylcellulosen empfohlen werden. Es kann auch auf andere Darreichungsformen ausgewichen werden – flüssige Zubereitungen sind zum Beispiel oft vegan.5, 6
  • Laktose, Laktose-Monohydrat: Füllstoff, gewonnen durch Umkristallisieren des Produktes, das durch Eindampfen der von Lipiden, Proteinen und Mineralstoffen gereinigten Molke erhalten wurde. Stattdessen können Arzneimittel oder Nahrungsergänzungsmittel mit Kartoffelstärke oder Saccharose als Füllstoffe empfohlen werden. Auch in homöopathischen Zubereitungen ist Laktose als Füllstoff oftmals enthalten. Alternativ setzen Hersteller Saccharose ein.4, 5
  • Schellack: Das Überzugsmittel stammt aus den Abscheidungen der Lackschildlaus und ist somit tierischen Ursprungs. Die Läuse nützen in der Natur Bäume als Wirt und ernähren sich von deren Pflanzensaft. Das von den Tieren abgeschiedene Harz wird von den Bäumen abgekratzt und zur Gewinnung von Schellack verwendet.7
  • Wollwachs/Lanolin: ist der wachsartige Bestandteil der Rohschafswolle. Das wasserhaltige Wollwachs stellt eine Mischung aus 75 % (m/m) Wollwachs und 25 % (m/m) Wasser dar und darf höchstens 150 ppm Butylhydroxytoluol enthalten.6, 8
  • Hartfett: wird durch Veresterung von Fettsäuren mit Glycerol oder durch Umesterung von Fetten natürlichen Ursprungs erhalten. Die Verwendung tierischer Fette ist dabei nicht ausgeschlossen.4

Ein Fragzeichen ob des Einsatzes bei Veganern steht hinter dem Stoff Magnesiumstearat. Auch die in der Österreichischen Zusatzstoffverordnung festgelegte Kennzeichnung9 als „Magnesiumalze von Speisefettsäuren“ gibt diesbezüglich keine weitere Auskunft. Die Stearinsäure kann nämlich pflanzlichen oder tierischen Ursprungs sein. In diesem Fall kann nur der Hersteller darüber Auskunft geben, ob das Präparat tatsächlich vegan ist oder nicht.

Homöopathie, Enzyme und Vitamin D

Neben dem bereits erwähnten Einsatz von Laktose in der Homöopathie sind noch weitere tierische Inhaltsstoffe in den Zubereitungen enthalten. Als bekanntes Beispiel sei auf Apis mellifica verwiesen.10 Auch Enzympräparate sind oftmals tierischer Herkunft. In vielen Fällen werden die Präparationen aus tierischem Pankreas (zumeist vom Schwein) gewonnen.11 Als Alternative zur Unterstützung der Verdauung dienen pflanzenbasierte Enzympräparate.

Nicht geeignet für Veganer sind Nahrungsergänzungsmittel und diätetische Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke, welche Glucosamin und Chondroitin enthalten. Glucosamin wird aus Schalen von Krebstieren hergestellt12, Chondroitin aus Fischgewebe gewonnen.13

Die Versorgung von Veganern mit Vitamin D ist äußerst kritisch (noch kritischer als bei der Allgemeinbevölkerung, da keine Milchprodukte konsumiert werden). Eine Ergänzung der Nahrung sollte daher vor allem in den Herbst- und Wintermonaten erfolgen, wenn die Eigensynthese durch Sonnenlicht nicht ausreicht. Vitamin D3 in Supplementen wird oftmals aus Wollwachs von Schafen gewonnen, ist also nicht vegan. Mittlerweile gibt es jedoch Nahrungsergänzungsmittel mit veganem Vitamin D3, das aus Flechten stammt.14

Im zweiten Teil der Reportage in der kommenden Ausgabe wird auf den Umgang mit veganen Kunden aus apothekerlicher Sicht näher eingegangen.

 

Literatur:

1 Leitzmann C, Veganismus. Verlag C.H. Beck 2018

2 https://www.derstandard.at/story/2000099556546/vegetarier-bleiben-in-oesterreich-eine-minderheit, 14. 3. 2019

3 Vegane Gesellschaft Österreich

4 Roth HJ, Arzneimittel – vegan oder nicht vegan? Ein Überblick über Tierisches und Menschliches im aktuellen Arzneischatz. DAZ 2015, Nr. 40, S. 81, 1. 10. 2015

5 Schuster N, Vegane Arzneimittel. Anspruchsvolles Beratungsfeld. Pharmazeutische Zeitung, 8. 2. 2019

6 Vegan Society: Is my medication vegan? 13th October, 2017.

7 Ternes W et al., Lebensmittellexikon. Behr’s Verlag 2005

8 Nürnberg E et al., Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis, Band 2

9 Verordnung der Bundesministerin für Frauenangelegenheiten und Verbraucherschutz über andere Zusatzstoffe als Farbstoffe und Süßungsmittel (ZuV) idF BGBl. I 67/2014

10 Wetzig PM, Vegane Medizin. Ein naturheilkundlicher Ratgeber. 2015

11 Schmidt H, Pharmakologie und Toxikologie. Schattauer Verlag 2007

12 Bundesinstitut für Risikobewertung: Glucosamin.

13 Bundesinstitut für Risikobewertung 2018: Risikobewertung von Chondroitinsulfat in Nahrungsergänzungsmitteln.

14 Vegane Gesellschaft Österreich

AutorIn: Mag. Martin Schiller

Apo-K 13|2020

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2020-07-03