175 Millionen Euro für Apotheken

 

Apotheken suchen neue Einnahmequellen wie impfen, beraten, testen. Was ist gesundheitspolitisch sinnvoll?

Grundsätzlich kann man sich bei jeder medizinischen Leistung fragen, auf welcher Ebene sie angeboten werden kann und wer sie anbietet. Das ist ein normaler Prozess. Ich denke aber, dass es während einer Pandemie nicht sinnvoll ist, ein System umzustellen, und daher bin ich jetzt einmal nicht fürs Impfen in der Apotheke. In der Zukunft müssen wir uns das ganz genau ansehen. Das Testen war sicher eine gute Idee, und das haben die Apotheken auch sehr gut durchgeführt. Sie sind von der Organisationseinheit her meist auch größer als Ordinationen. Generell gibt es aber ein Vier-Augen-Prinzip – der Arzt verordnet, die Apotheke kontrolliert. Das ist eine qualitativ hochwertige Arbeit; wenn man etwa an Fälschungen denkt. Die Apotheken haben ein hohes Fachwissen in der Beratung – das ist ihre Stärke.

 

Was lässt sich gegen sinkende Spannen und Onlinekonkurrenz tun?

Apotheken haben ja einen Gebietsschutz und werden mit einer qualitativ hochwertigen Arbeit auch weiterhin ihr Geld ­verdienen können. Mit abnehmenden ­Margen kämpfen alle und das überall. Es gibt aktuell keine konkreten Pläne, neue Einnahmequellen für Apotheken zu erschließen.
Aber noch einmal: Die Testungen haben sie gut gemacht.

 

Wie viel wurde bisher für Antigentests in Apotheken ausgegeben?

Die Apotheken haben über sieben Millionen Tests durchgeführt. Bei 25 Euro pro Test sind das rund 175 Millionen Euro.

 

Sie haben zu Fehlern im Pandemiemanagement des vergangenen Sommers kürzlich gesagt, dass Sie garantieren, dass das heuer anders gemanagt wird. Nun rollt die Deltavariante auf uns zu: Welche Fehler des Vorjahres sollten heuer nicht mehr gemacht werden?

Zum einen haben wir jetzt schon eine ganz andere Situation als vor einem Jahr. Ich kann mich erinnern, dass wir am Anfang in der Ordination RPR-Tests hatten, die 100 Euro gekostet haben, drei Tage gedauert haben, und dass mit dicken, fast gemeingefährlichen Staberln getestet wurde. Die Schnelltests und Gurgeltests haben wir seit Ende Oktober, geimpft wird seit Ende Dezember. Wir haben jetzt also eine andere Situation, weil wir zum einen die Impfungen und zum anderen ein breites Testangebot haben. 60 % der PCR-Proben werden auch sequenziert, und wir haben die 3-G-Regel. Wir wissen aber auch, dass die Deltavariante in Österreich bereits dominiert. Dann werden auch die Zahlen der Ansteckungen unter den einmal Geimpften und Nichtgeimpften steigen. Wie rasch sie steigen, wird nicht unwesentlich davon abhängen, wie viele Menschen sich in Österreich impfen lassen. Wobei wir hier auch schon eine beginnende Impfmüdigkeit feststellen, wie in anderen Ländern auch.

 

Was kann hier helfen?

Wir haben wie gesagt eine sehr gute Ausgangssituation, praktisch leere Intensivstationen und eine relativ niedrige Sieben-Tage-Inzidenz. Aber wir wissen, die Deltavariante breitet sich aus. Sie ist ansteckender, führt aber vermutlich nicht zu einer höheren Spitalshäufigkeit. Das hat sicher auch damit zu tun, dass der Altersschnitt bei den Infektionen jetzt bei rund 30 liegt – das war vor einem Jahr noch anders. Unsere Chance, mit der Deltawelle vernünftig umzugehen, ist rasch zu impfen. Wir haben jetzt die Impfintervalle maximal verkürzt, und auch das heterologe Impfen ist mittlerweile möglich, weil wir Doppeltgeimpfte brauchen. Wir sind da noch ein bisschen vorsichtig, aber es zeigt sich bei zunehmender Datenlage, dass das heterologe Impfen eine gute Idee ist. Dieser „off-label use“ kann allerdings nur nach besonderer Aufklärung des Arztes oder der Ärztin erfolgen. Wenn etwas „off-label“ verwendet wird, dann muss die Aufklärung besonders genau sein, muss besonders genau dokumentiert werden, bis die Wissenschaft am Ende durch Studien belegen kann, dass es sicher ist und dass daraus auch eine Empfehlung hervorgeht.

 

Was hat Sie in der Politik bisher unerwartet getroffen beziehungsweise überrascht?

Als Arzt habe ich die Gesundheitspolitik und Coronapolitik wie viele von außen beobachtet. Jetzt habe ich in den vergangenen zehn Wochen schon gesehen, dass es unglaublich viel Detailarbeit ist und dass viele Menschen viele Stunden sehr akribisch arbeiten – etwa damit Verordnungen, Einreiseverordnungen entstehen – und dass auch alles mit dem Koalitionspartner akkordiert werden muss. Denn ohne Einigung mit dem Koalitionspartner kann auch keine Verordnung erlassen werden. Ich habe einen tiefen Respekt vor der Arbeit gewonnen, die hier im Haus gemacht wird – das ist alles sehr viel und fordernd. Ich kann jetzt einschätzen, was die Beamten hier im Haus und Rudi Anschober in den vergangenen Monaten geleistet haben – die hatten es sicher viel schwerer als ich jetzt. Da war die Medizinrechtssektion noch nicht aufgestockt, es gab noch vakante Sektionen, und es war alles neu. Im März 2020 musste plötzlich alles rasch funktionieren in einem Haus, das natürlich nicht für die Pandemie gebaut wurde.

 

Was kam seit der Angelobung am 19. April in Ihrem Leben zu kurz?

Es ist äußerst fordernd und „durchgetaktet“. Das ist neu, es macht aber auch Freude. Mir ist aber nicht viel Zeit für Familie und Freunde geblieben, das wird im Sommer jetzt hoffentlich etwas leichter. Ich fahre auch einige Tage auf Urlaub. Es ist auch wichtig, dass man sich nach den vergangenen 16 Monaten eine Auszeit nimmt.

 

Welche Bilanz ziehen Sie nach fast 100 Tagen? Was wurde erreicht, was nicht? Und wo hätten Sie sich mehr erhofft oder gewünscht?

Wie ist das mit der Schonfrist? Ich dachte, die ersten 100 Tage wird man in Frieden gelassen (lacht). Wir haben die ersten wichtigen Öffnungsschritte gemacht. Den von Rudi Anschober begonnenen Ausbau des Ministeriums haben wir fortgesetzt, in die abflauende dritte Welle hinein, was es sicher leichter gemacht hat. Dazu kamen die Impfungen. Drei Wochen nachdem ich Minister wurde, hat BioNTech/Pfizer angekündigt, dass eine Million Impfdosen vom vierten Quartal vorgezogen werden, die auch tatsächlich gekommen sind. Das war wie eine Morgengabe.

 

Und abseits von Corona?

Im sozialen Bereich kann man momentan nur löschen, wo es am schlimmsten brennt – da haben wir 25 Millionen für die Absicherung von Wohnungslosigkeit beschlossen, um etwas gegen die drohende Delogierungswelle zu tun, weil viele Mietzinsstundungen auslaufen. Dann haben wir ein nicht unbeträchtliches Gewaltschutzpaket nach dem 13. Femizid beschlossen, 24 Millionen Euro – wovon vier Millionen in meinem Ministerium liegen für die Gewaltprävention bei Männern. Weitere 12 Millionen wurden als Soforthilfen für psychische Gesundheit bei Kindern bereitgestellt. Das ist noch nicht die große Systemumstellung, die braucht noch länger.

© Richard Tanzer