Angst, psychischer Stress und Sorgen: Phytotherapeutika abseits der bekannten Klassiker

Seit Beginn der Coronakrise ist das Interesse an pflanzlichen und alternativmedizinischen Präparaten zur Behandlung von leichten Angst- und Unruhezuständen merkbar angestiegen. Emotionaler Stress, Unsicherheiten und Ängste versetzen den Körper durch Aktivierung des Sympathikus in einen „Fight or flight“-Zustand, wodurch Blutdruck, Atemfrequenz und Herzschlag ansteigen. Andere Körperfunktionen, wie zum Beispiel die Verdauung, werden dafür heruntergefahren. Wird die Stresssituation für den Körper allerdings zum Dauerzustand, so droht eine Reihe negativer Folgen. Durch die vermehrte Kortisolausschüttung werden weniger Zytokine produziert, die ihrerseits B-Lymphozyten aktivieren, was auf Dauer zu einer Schwächung der Immunantwort und höherer Infektanfälligkeit führt. Ebenso wirkt sich ein zu hoher Kortisolspiegel auf die Testosteronsynthese, die Libido und den weiblichen Zyklus aus. Menschen, die physischen und psychischen Dauerbelastungen ausgesetzt sind, leiden häufig an Unruhe, Nervosität, Angstzuständen, depressiven Verstimmungen und Schlafstörungen. Da die Angst einerseits vor dem Stigma der psychologischen oder psychiatrischen Behandlung in der Gesellschaft immer noch sehr ausgeprägt und andererseits die Ablehnung der Einnahme von Psychopharmaka groß ist, bieten pflanzliche Präparate eine gute Alternative für leichte Beschwerden wie Angstzustände, Unruhe und Schlafprobleme. Sollten die Beschwerden allerdings schon seit langer Zeit bestehen oder spricht der Patient auf die Phytopharmakatherapie nicht ausreichend an, so ist ein umgehender Arztbesuch anzuraten!

Neben den erprobten Klassikern wie Passionsblume, Orangenblüte, Hopfen und Baldrian werden seit einiger Zeit auch andere, teilweise nicht so bekannte pflanzliche Wirkstoffe verwendet. Safranextrakt, der aus den getrockneten Narben der Blüten von Crocus sativus gewonnen wird, ist einer dieser derzeit beliebten Phytotherapeutika. Zu den wichtigsten Inhaltsstoffen gehören unter anderem die Farbstoffe Crocin und Crocetin. Crocine werden während der Darmpassage zu freiem, pharmakodynamisch aktivem Crocetin hydrolysiert, das die Blut-Hirn-Schranke problemlos überwinden kann. Hier wird dann über glutaminerge Neurotransmission die antidepressive, antriebssteigernde Wirkung ausgelöst. Verschiedene Studien, vorwiegend aus dem Iran, dem weltweit größten Safranproduzenten, sprechen für eine Anwendung von Safranextrakten zur Förderung einer positiven Stimmungslage.
Einen großen Hype hat das aus weiblichen Hanfpflanzen gewonnene Cannabidiol (CBD) ausgelöst. Man darf allerdings CBD nicht mit Dronabinol (THC, Tetrahydrocannabinol) verwechseln, da sie sich in ihrer Wirkungsweise stark unterscheiden. Dronabinol, der Hauptinhaltsstoff der Hanfpflanze, unterliegt dem Suchtgiftgesetz und wirkt appetitsteigernd, antiemetisch, analgetisch und psychotop. Es wird vor allem bei Gewichtsverlust bei Chemotherapie- und AIDS-Patienten eingesetzt sowie bei Krampfanfällen, neuropathischen und starken chronischen Schmerzzuständen. CBD hingegen ist nicht psychoaktiv und auch kein Agonist an CB1- und CB2-Rezeptoren. Das genaue Wirkungsspektrum ist noch nicht vollständig bekannt und hängt auch sehr stark von der jeweiligen Qualität des Extraktes ab. Am häufigsten wird CBD als Einschlafhilfe, bei Kopfschmerzen und Migräne, bei Angstzuständen und bei chronisch entzündlichen Erkrankungen eingesetzt.

Wenn es sich allerdings um das Thema Beruhigung und Angst dreht, so ist der Lavendel sicherlich eine der bekanntesten und beliebtesten Arzneipflanzen. Da Lavendel schon in der Antike bekannt war und vor allem Wasch- und Badewasser zugesetzt wurde, ist auch die Abwandlung seines Namens vom lateinischen Verb lavare (waschen) nicht weiter verwunderlich. Hildegard von Bingen empfahl Lavendel als Küchenkraut und auch gegen Ungeziefer. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wird Lavendel als Anxiolytikum, als sanftes Beruhigungsmittel und als Einschlafhilfe verwendet. Ein qualitativ hochwertiger Lavendelextrakt sollte einen standardisierten Linalool- und Linalylacetatgehalt aufweisen. Die Anwendung kann auf vielfältige Weise erfolgen, so zum Beispiel als Duft- oder Massageöl in der Aromatherapie, als Teedroge oder als Extrakt in Form von peroralen Zubereitungen.


Literatur:

  • Lopresti AL, Drummond PD, Saffron (Crocus sativus) for depression: a systematic review of clinical studies and examination of underlying antidepressant mechanisms of action. Hum Psychopharmacol Clin Exp 2014; 29:517–527
  • Hausenblas HA, Saha D, Dubyak PJ et al., Saffron (Crocus sativus L.) and major depressive disorder: a meta-analysis of randomized clinical trials. J Integrative Med 2013; 11:377–383
  • Kasper S, Müller WE, Volz HP et al., Silexan in anxiety disorders: Clinical data and pharmacological background. World J Biol Psychiatry 2018 Sep; 19(6):412–420
AutorIn: Mag. pharm. Karoline Sindelar, MSc

Apo-K 02|2021

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2021-02-05