Cannabisproduktion auf pharmazeutischem Niveau

Welche Qualitäts- und Sicherheitsstandards gelten für den Anbau und die Verarbeitung von Cannabis bei der AGES, und wie unterscheiden sich diese von internationalen Vorgaben, etwa aus Deutschland oder Kanada?
Der Anbau von medizinischem Cannabis in Österreich erfolgt bei der AGES gemäß den pharmazeutisch relevanten Qualitätsstandards unter kontrollierten Produktionsbedingungen und strikten Hygienevorschriften mit lückenloser Dokumentation und Rückverfolgbarkeit. Die Standards umfassen definierte Spezifikationen gemäß pharmakopöischen Vorgaben wie Wirkstoffgehalt, Identität, Reinheit, mikrobiologische Qualität sowie Grenzwerte für Schwermetalle, Pestizide und Mykotoxine. Nachgelagerte Prozessschritte – Ernte, Trocknung und Lagerung – müssen diesen Anforderungen ebenfalls entsprechen.

Die Produktionsstätten sind kontinuierlich überwacht, und alle Mengen müssen bis aufs Hundertstelgramm aufgezeichnet und gemeldet werden. Seit mehr als 5 Jahren wird auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel verzichtet und Pflanzenschutz insbesondere mit Nützlingen wie Raubmilben betrieben. Zusätzlich wird mit der internen Analytik-Infrastruktur durch Flüssigkeits- und Gaschromatografie eine Vielzahl an Cannabinoiden und Terpenen umgehend bestimmt.

In Deutschland werden ebenfalls diese Standards angewendet, allerdings durch private Unternehmen, die über eine entsprechende Erlaubnis der Bundesopiumstelle verfügen.
Kanada hat größere Produktionskapazitäten und lizenzierte Produzenten als Deutschland, die ebenfalls die Vorgaben einhalten, die den Anbau, die Ernte, die Verpackung und die Etikettierung regeln, die von der Regierung über Health Canada kontrolliert werden.

Der in Österreich produzierte Cannabis dient primär der Wirkstoffgewinnung. Welche Cannabinoide stehen dabei aktuell im Fokus, und wie hat sich die Nachfrage nach einzelnen Substanzen entwickelt?
In Österreich steht die Wirkstoffgewinnung im Fokus. Der Anbau von medizinischem Cannabis erfolgt zum Zwecke der weiteren Extraktion, wodurch die gewonnenen Inhaltsstoffe zu beispielsweise Ölen und Tropfen verarbeitet werden können. Die Nachfrage ist in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen.

Welche Herausforderungen bestehen aktuell in der Produktion – etwa in Bezug auf Standardisierung, Ertragsschwankungen oder regulatorische Anforderungen?
Zuerst zur Standardisierung: Nur eine standardisierte Inhaltsstoffzusammensetzung der medizinischen Cannabisblüten ermöglicht eine reproduzierbare Extraktionsausbeute, kontrollierbare Prozessführung und gleichbleibende Qualität des gewonnenen Wirkstoffes. Schwankungen im THC-Gehalt oder im Cannabinoid- und Terpen-Profil würden den Produktionsprozess beeinträchtigen und könnten zu Qualitätsabweichungen führen – mit unmittelbaren Auswirkungen insbesondere auf Wirkung und Sicherheit.

Was das Thema Ertragsschwankungen betrifft, so zeigt die jahrzehntelange Erfahrung, dass ein grundsätzlicher Unterschied zwischen einem geschützten Anbau unter Glas und geschlossenen Systemen besteht. In der traditionellen Glashausproduktion ist zusätzlich auf Außenverhältnisse wie Lichteinstrahlung und Temperaturschwankungen zu achten, während in geschlossenen Systemen eine Steuerung aller Parameter selbst erfolgen kann. In der AGES sind beide Systeme im Einsatz. In der geschlossenen Vertical-Farm-Anlage wird jede Pflanze über ein Tropfbewässerungssystem bedarfsgerecht mit den erforderlichen Nährstoffen versorgt, während wassergekühlte LED-Leuchten vollständig kontrollierbare Umgebungsbedingungen in der Wachstums- und Blütephase schaffen. Das ermöglicht 4 bis 5 reproduzierbare Produktionszyklen pro Jahr bei gleichbleibender Qualität.

Bezüglich der regulatorischen Anforderungen ist die Produktion von medizinischem Cannabis anspruchsvoll, da neben den pharmazeutisch relevanten Qualitätsstandards auch insbesondere suchtmittelrechtliche Vorgaben eingehalten werden müssen. In Österreich erfolgt der Anbau gemäß Suchtmittelgesetz durch die AGES, wobei speziell auf eine kontrollierte Produktion, strikte Hygiene, lückenlose Dokumentation und Rückverfolgbarkeit sowie standardisierte Prozesse zu achten ist. Durch die seit Jahrzehnten etablierten Qualitäts-, Kontroll- und Sicherheitssysteme sind diese Anforderungen sehr gut beherrschbar und gewährleisten eine standardisierte Produktion von hochwertigen, wirksamen und sicheren Cannabisblüten für medizinische Zwecke.