Der IQVIA-Blick über die Grenze – Deutschland

Heute werfen wir einen Blick auf eines unserer Nachbarländer. Österreich ist das beliebteste Auswanderungsziel der Deutschen. Seit Jahren steigt die Anzahl jener, die in die Alpenrepublik auswandern, stetig an, und mittlerweile leben knapp 200.000 deutsche Staatsbürger in Österreich. In Deutschland gibt es bei einer Einwohneranzahl von 83,7 Millionen knapp 19.000 öffentliche Apotheken. Dies entspricht 23 Apotheken pro 100.000 Einwohner, wobei der europäische Durchschnitt bei 31 Apotheken liegt. In Österreich kommen durch den Gebietsschutz auf 100.000 Einwohner 16 Apotheken, doch hierzulande existieren im Gegensatz zu Deutschland ärztliche Hausapotheken.

Apothekenanzahl erreicht historisches Tief

Der deutsche Apothekenmarkt befindet sich seit einigen Jahren im Umbruch. Apothekenketten sind in Deutschland zwar nicht erlaubt, doch Apotheken dürfen Teil einer Kooperation sein, die gemeinsame Marketingaktionen organisiert oder eigene Marken aufbaut. Seit Inkrafttreten des Gesetzes zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung 2004 darf ein Apotheker neben seiner Hauptapotheke bis zu drei Filialen innerhalb einer festgelegten Distanz betreiben. Dadurch nimmt seit mehr als 10 Jahren die Zahl der Filialapotheken zu, während die Gesamtanzahl der öffentlichen Apotheken trotz fehlender Anzahlbeschränkung kontinuierlich abnimmt und zum Jahresende 2020 ein historisches Tief erreichte. Gründe dafür gibt es viele, neben ungünstigen wirtschaftlichen und ordnungspolitischen Rahmenbedingungen herrschen Fachkräftemangel und Überalterung. Derzeit kommt es zu vielen altersbedingten Apothekenschließungen, da sich einfach kein Nachfolger findet.

Versandhandel boomt

Der Versandhandel in Deutschland boomt und hat durch die COVID-19-Pandemie noch ein paar Prozentpunkte an Marktanteil dazugewonnen, während die entsprechenden Umsätze in niedergelassenen Apotheken stagnieren. Seit 2004 ist der Versandhandel in Deutschland mit nichtverschreibungspflichtigen Medikamenten grundsätzlich zugelassen. Apotheken, die Arzneimittel versenden, müssen eine öffentliche Apotheke betreiben und benötigen darüber hinaus die Erlaubnis der zuständigen Behörde. Ausgewählte OTC-Präparate dürfen in Drogerien, Supermärkten und Tankstellen verkauft werden. Einige Drogerien bieten in Kooperation mit Apotheken Abholstationen für rezeptpflichtige und -freie Arzneimittel an. Apotheken haben nicht rund um die Uhr geöffnet, doch es gibt wie in Österreich ein gut organisiertes Nacht- und Notdienstsystem. Generell darf in Deutschlands Apotheken nicht geimpft werden, allerdings wurde in zwei Regionen ein Pilotprojekt mit Grippeimpfungen ins Leben gerufen. Mit einer Testphase startet auch das E-Rezept im Sommer 2021 in einer Fokusregion und wird 2022 für sämtliche Verordnungen von verschreibungspflichtigen Arzneimitteln für alle gesetzlich Versicherten verpflichtend.

Rückblick 2020

Apotheker wurden im Corona-Jahr zu Logistikern für die enorme Maskennachfrage, für Desinfektionsmittel und sonstige Hygieneartikel. Die Lockdown- Phasen brachten viele Apotheken in schwere wirtschaftliche Bedrängnis, vor allem jene, die sich in hochfrequentierten Lauflagen befinden und denen in der Folge über Nacht die Kundenströme ausblieben. Ein zentrales Problem für den Versorgungsauftrag war die Nichtverfügbarkeit wichtiger Arzneimittel aufgrund nicht funktionierender Lieferketten und Abhängigkeit vom Ausland. Mittlerweile hat die Politik dieses Grundproblem erkannt und gibt sich einsichtig, dass die Produktion schrittweise wieder zurück nach Europa geholt werden muss. Außerdem wurden wichtige Vorschriften gelockert, damit die Apotheken trotz der Nichtverfügbarkeiten die Patienten zeitnah mit den notwendigen Arzneimitteln beliefern können. Versandapotheken jenseits der deutschen Grenzen gewannen Marktanteile und stehen damit in großer Konkurrenz zu den immer weniger werdenden Apotheken vor Ort. Gründe für das Umsatzplus der Versandapotheken ist neben den Akquisemethoden und der aggressiven Preispolitik die gesetzliche Ungleichbehandlung. Die jahrelange Forderung eines Versandverbots für rezeptpflichtige Arzneimittel konnte letztlich nicht realisiert werden.

Ausblick 2021

Die Digitalisierung gewinnt insgesamt an Fahrt und macht auch vor den Apotheken nicht halt. So waren diese verpflichtet, ihren Betrieb an die Telematikinfrastruktur anzubinden, um künftig das E-Rezept und Medikationspläne bedienen zu können. Inwieweit in diesem Sektor die Versandapotheken nachhaltig in das System eingreifen werden, bleibt abzuwarten. Jedenfalls ist die Sorge groß, dass sich ein Systemwandel zuungunsten der deutschen Vor-Ort-Apotheken vollzieht. 2021 könnte durchaus ein Jahr der entscheidenden Entwicklungen werden. Verhaltensweisen der Patienten verändern sich, und die Bequemlichkeit der Kunden sowie das Bestellverhalten zugunsten der Online-Apotheken nehmen zu, obwohl die deutsche Apothekerschaft mit einer Kommunikationsoffensive die Vorteile der niedergelassenen Apotheke sehr deutlich propagiert. Eine weitere große Unbekannte ist die künftige Abwicklung der E-Rezepte mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln. Es wird darauf ankommen, die von der Politik zugesagten honorierten Dienstleistungen, die in Zukunft ein wichtiges Standbein für die Apothekenbetriebe darstellen werden, mit Leben zu erfüllen. Impfungen in Apotheken werden dabei nur ein erster Schritt sein.


Quelle: IQVIA | Internationale Insights – Daten und Fakten zur deutschen Apotheken-Landschaft

AutorIn: Claudia Linhart

IQVIA


Apo-K 10|2021

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2021-05-28