Die breite Masse als Versuchskaninchen

Haben Sie schon einen Flug nach Russland gebucht, um sich mit „Sputnik V“ impfen zu lassen und damit der Corona-Pandemie zu entkommen? Die Meldung, wonach man im Gamaleja-Institut für Epidemiologie und Mikrobiologie einen mittlerweile staatlich zugelassenen SARS-CoV-2-Impfstoff entwickelt hat, sorgte im Rest der Welt für Aufsehen, Sorge und Entsetzen. Gerade einmal 38 Personen hatten den Impfstoff zuvor getestet, nun soll die Phase-III-Studie quasi an der breiten Masse durchgeführt werden, Ausgang ungewiss. Einzelne Menschen und ihre Gesundheit zählen offenbar nicht, wenn es um die Demonstration von Macht geht.

Nun können wir uns in der EU zwar sicher sein, dass derartig riskante Wege und unethische Vorgehensweisen nicht gewählt werden und Qualität vor Zeit geht, die möglichen Folgen des Putinschen Muskelspiels können uns jedoch nicht egal sein. Wenn das Experiment schiefgeht und sich gefährliche, aktuell unabsehbare Nebenwirkungen einstellen, wird dies Wasser auf die Mühlen von Impfgegnern sein. Auch Impfskeptiker könnten verschreckt sein und sich, wenn eine wirklich gut getestete Impfung verfügbar ist, dieser dann partout verweigern. Bereits jetzt hört man in der Bevölkerung einiges an Skepsis durch: Laut einer Marketagent-Befragung (n = 501) würden sich vermutlich nur 49 % mit einem Impfstoff der 1. Generation impfen lassen. Es wird also ohnehin noch viel Überzeugungsarbeit brauchen, damit wir eine gute Durchimpfungsrate erreichen.

Die zweite Gefahr lauert im aktuell weltweit ziemlich ausgeprägten Despotentum. Einige nationale Fürsten mit Hang dazu, sich über Normen und einen demokratischen Konsens hinwegzusetzen, könnten versucht sein, ins Rennen einzusteigen; ein gefährlicher Wettbewerb wäre die Folge. Nicht auszuschließen, dass dies auch in den USA noch vor dem Wahlgang im November geschieht: ein Impfstoff als Wahlschlager und Trophäe. Doch ganz ehrlich: Eingriffe der Politik haben in der Forschung nichts verloren. Die Politik fördert Universitäten und schafft beste Rahmenbedingungen für forschende Unternehmen, das ist oder wäre ihre Aufgabe. Alles andere sind unerträgliche Spielchen mit den Hoffnungen und Sorgen der Menschen.

Ich wünsche Ihnen einen genussfreudigen Spätsommer, ein herausfordernder Herbst steht bevor!

AutorIn: Mag. Martin Schiller

Redaktionelle Leitung Apotheker Krone


Apo-K 15+16|2020

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2020-08-28