Impfplan 2020 – was ist neu?

Übersichtlicher und dicker ist der Impfplan 2020 geworden. Auf 176 Seiten führt ein Expertenkomitee als Autorenteam im Auftrag des Gesundheitsministeriums alle Details auf, die es rund um Immunisierungen in Österreich zu beachten gibt. Die Vorstellung des neuen Impfplans durch Priv.-Doz. Mag. Dr. Maria Paulke-Korinek (Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz) war wie jedes Jahr ein zentraler Fixpunkt der Tagung zum Österreichischen Impftag. Mehr als 800 Teilnehmer drängten am 18. Januar 2020 ins Vienna Austria Center, um sich aktuelle Informationen zum Thema Impfen zu holen.
Änderungen gab es beispielsweise bei der Pneumokokken-Impfung: Ab Februar 2020 ist der 13-valente Impfstoff Prevenar 13 (PNC13) im kostenfreien Impfprogramm verfügbar. Bisher konnten die Kinder gegen zehn Stämme der Pneumokokken per Gratis-Impfung geschützt werden. Jetzt ist das bei 13 Stämmen der Fall, was die Erkrankungsraten reduzieren soll. Ab 1. Februar dieses Jahres wird auch bei der Rotavirus- Impfung eine Umstellung erfolgen. Zum Einsatz werden dann bei den kostenlosen Immunisierungen die Rotarix-Vakzine kommen. Die Schluckimpfung mit dem Lebendimpfstoff soll ehestmöglich ab der vollendeten sechsten Lebenswoche verabreicht werden.
Zwar kam es zu keinen gravierenden Änderungen der Impfempfehlungen, jedoch wurden mehrere Präzisierungen vorgenommen – darunter auch viele spezifische Adaptierungen als Basis für den elektronischen „e-Impfpass“, der ganz klare Empfehlungen verlangt, die sich auch in eine elektronische Sprache übersetzen lassen und letztlich präzise Erinnerungsfunktionen ermöglichen.
Die wichtigsten Änderungen im Impfplan sind im Anschluss für Sie zusammengefasst.

Masern: Umgang mit Low-Respondern

Neu im Impfplan: Bei den Empfehlungen zur Masernimpfung wurde der Umgang mit Low-/Non-Respondern ergänzt, die auch nach 2 Impfungen keinen ausreichenden Schutz gegen Masern aufbauen. Das betrifft bis zu 3 % der Bevölkerung. Für Personal in medizinischen Hochrisikobereichen (zum Beispiel Neonatologie, Pädiatrie, Onkologie) sowie für Personen mit schwerer Immunsuppression wird daher eine serologische Impferfolgskontrolle und, im Falle ungenügender Antikörper, eine weitere Impfdosis empfohlen.
In Österreich wurden vergangenes Jahr 151 Masernfälle gemeldet, davon waren 11 % mit dem Gesundheitssystem assoziiert. Im Jahr 2020 wurde bisher 1 Fall gemeldet (Stand: 15. Januar 2020).
Die gute Nachricht aus dem Jahr 2019: Bis Juli wurde schon so viel Masernimpfstoff im kostenfreien Impfprogramm abgerufen wie sonst im gesamten Jahr.

6-fach-Impfung: 3. Dosis früher

Die Analysen zur Berechnung der Durchimpfungsrate haben laut Bundesministerium gezeigt, dass mehr als die Hälfte aller Kinder die 2. Dosis der 6-fach-Impfung (Diphtherie, Tetanus, Polio, Pertussis, Hepatitis B und Haemophilus influenzae B) nach dem 1. Lebensjahr und damit deutlich später als empfohlen erhalten. Die zeitliche Empfehlung für die 3. Teilimpfung, die beim 12.–14. Lebensmonat lag, wurde daher auf den 11.–12. Monat vorgezogen. Dies sei in erster Linie eine Reaktion auf die vermehrten Pertussis-Fälle der vergangenen Jahre.

Poliomyelitis-Auffrischung

Zu einer kleinen Änderung kam es bei den Auffrischungsempfehlungen gegen Poliomyelitis. Wenn keine weitere Indikation zur Polio-Impfung vorliegt und im Erwachsenenalter (nach erfolgter Grundimmunisierung und Auffrischungen im Kindesalter) bereits 2 Polio-Impfungen im Abstand von 10 Jahren verabreicht wurden, wird danach nur noch mit dem Kombinationsimpfstoff gegen Diphtherie, Tetanus und Pertussis aufgefrischt. Zu den Indikationen zählen beispielsweise Reisen in Regionen mit Infektionsrisiko, medizinisches Personal mit engem Kontakt zu Erkrankten und alle Kontaktpersonen im Erkrankungsfall.

Pertussis in der Schwangerschaft impfen

In den vergangenen Jahren kam es zu einem vermehrten Auftreten von Pertussis- Fällen. Seit 2014 wird ein besonders steiler Anstieg der Fallmeldungen verzeichnet, die Zunahme wurde in allen Altersgruppen beobachtet – Kinder unter 1 Jahr sind besonders betroffen. Neben der vorgezogenen 3. Teilimpfung der 6-fach-Impfung zum Schutz der Kinder im 1. Lebensjahr wurde auch die Empfehlung zur Impfung in der Schwangerschaft präzisiert und vereinfacht: Pertussis ist nun ab dem 2. Trimenon (idealerweise 27.–36. Schwangerschaftswoche) – unabhängig vom Abstand zur letzten Impfung mit Pertussis-Komponente – zu impfen (nur als Kombinationsimpfstoff erhältlich), um eine diaplazentare Übertragung der Pertussis-Antikörper zu ermöglichen. Laut Impfplan wurde die gute Verträglichkeit und Unbedenklichkeit der Impfung während der Schwangerschaft, die hohe Immunogenität bei Mutter und Kind sowie der Schutz vor Pertussis in den ersten 6 Lebensmonaten des Kindes in zahlreichen Studien beschrieben.
Weitere Präzisierungen gab es bei fehlender Dokumentation der Grundimmunisierung gegen Pertussis. In diesem Fall ist eine einmalige Impfung ausreichend.
Die antibiotische Therapie bei manifester Pertussis-Infektion soll möglichst frühzeitig, vor oder in den ersten 1–2 Wochen nach Hustenbeginn, erfolgen, da sie nur dann den Schweregrad und die Dauer der Erkrankung positiv beeinflussen und Schädigungen der Schleimhaut vorbeugen kann. Nach einer Infektion ist eine Immunität für 5 Jahre gegeben, danach sollte wieder geimpft werden.

Hepatitis B

Auch bei der Immunisierung gegen das Hepatitis-B-Virus fand eine Präzisierung der Empfehlungen statt: Die Impfung kann in jedem Lebensalter nachgeholt werden (2+1-Schema) und wird bis zum 65. Lebensjahr generell empfohlen.
Titerkontrollen und gegebenenfalls Auffrischungen sind bereits seit längerem nur noch bei entsprechender Indikation empfohlen (zum Beispiel chronische Lebererkrankungen, Personal mit gesundheitlichem Risiko, Reisende in Gebiete mit hoher Infektionsgefahr).

Wechsel bei Rotavirus-Impfung

Ab 1. Februar 2020 ist Rotarix im kostenfreien Kinderimpfprogramm verfügbar.
Die Schluckimpfung mit dem Lebendimpfstoff soll ehestmöglich ab der vollendeten 6. Lebenswoche verabreicht werden.

Bei Risiko: Pneumokokken-Impfung ab 50

Bei den Empfehlungen für die Pneumokokkenimpfung bei Erwachsenen wurde eine neue Risikogruppe eingeführt: Personen ab dem 51. Lebensjahr mit erhöhtem Risiko – wie beispielsweise Rauchen, Alkoholabusus, Hypertonie, Atherosklerose oder subchronische Bronchitis – sollen PNC13 und nach mindestens 1 Jahr PPV23 erhalten sowie eine einmalige Wiederholung dieser Impfserie nach dem vollendeten 60. Lebensjahr im Abstand von 6 Jahren nach der letzten PPV23-Impfung.
Im kostenlosen Kinderimpfprogramm wird mit 1. Februar 2020 der 13-valente Impfstoff Prevenar 13 (PNC13) verfügbar sein und damit den 10-valenten Impfstoff Synflorix (PNC10) ablösen. Bereits gestartete Impfserien sollten aber laut Impfplan grundsätzlich mit demselben Impfstoff komplettiert werden.

HPV: Empfehlung bis 30 und bei Exposition

Bis zum vergangenen Jahr wurde die HPV-Impfung laut Impfplan noch für alle Personen im sexuell aktiven Alter empfohlen. Durch die notwendige Präzisierung für den e-Impfplan wird sie nunmehr für alle Mädchen und Buben sowie Frauen und Männer bis zum vollendeten 30. Lebensjahr generell und unbedingt empfohlen, danach optional. Indikationen für eine Impfung inkludieren Immunsuppression, bestimmte Autoimmunerkrankungen und Expositionsrisiko (sexuelle Aktivität).
Das Vorliegen von Kondylomen oder Dysplasien im Genitalbereich ist kein Ausschlussgrund für die Impfung, jedoch wird eine individuelle Aufklärung über die Reduktion von Rezidiven nach Behandlung und vom fehlenden unmittelbaren therapeutischen Effekt der Impfung empfohlen. Bereits infizierte Personen dürfte die Impfung auch vor (autogenen) Reinfektionen schützen.

Zusätzliche Dosis bei vorgezogener FSME-Impfung

Bei Kindern, die vor dem 12. Lebensmonat gegen FSME geimpft wurden (frühestens ab dem vollendeten 6. Lebensmonat kann geimpft werden), soll zukünftig 3 Monate nach der 2. Dosis eine weitere Impfung erfolgen (3+1-Schema). Damit soll eine eventuell insuffiziente Immunantwort ausgeglichen werden, da die Wirksamkeit der Impfung vor dem 1. Lebensjahr möglicherweise schwächer ausfällt.

Postexpositionelle Prophylaxe bei Tollwut

Zur schnelleren und einfacheren Orientierung wurden die Empfehlungen zur postexpositionellen Tollwut-Prophylaxe nach Art der Exposition in einer neuen Übersichtstabelle in 3 Kategorien zusammengestellt. Die Tollwutimpfung ist in erster Linie eine Reiseimpfung. Seit 2008 gilt die terrestrische Tollwut in Österreich als ausgerottet; nicht völlig auszuschließen, wenngleich hierzulande noch nie beobachtet, ist jedoch eine Ansteckung durch Fledermäuse.

Information zum Impfschaden

Ein neues Kapitel im Impfplan widmet sich dem Thema Impfschaden. Es enthält Basisinformationen zum rechtlichen Hintergrund sowie zum Antrag auf Zuerkennung eines Impfschadens. Ein Impfschaden wird dann anerkannt, wenn das Verwaltungsverfahren einen wahrscheinlichen Zusammenhang mit der Impfung ergab.

 

 

Der elektronische Impfpass: Status quo

Noch 2020 soll das Pilotprojekt zum e-Impfpass ausgerollt werden, und zwar an den Landessanitätsdirektionen beziehungsweise den öffentlichen Impfstellen sowie bei ausgewählten niedergelassenen Ärzten in Niederösterreich, der Steiermark und Wien. Aktuell laufen die technischen Vorarbeiten hierfür.
Bis vor wenigen Wochen war der Ministerialentwurf zur Begutachtung auf der Website des Parlaments online verfügbar. Dieser enthält die folgenden Eckpunkte:

  • Es ist keine Möglichkeit zum Opt-out vorgesehen.
  • Dokumentierte impfrelevante Vorerkrankungen betreffen ausschließlich impfpräventable Vorerkrankungen, die mit lebenslanger Immunität einhergehen (zum Beispiel Masern, Hepatitis A, FSME).
  • Es wird das Vorliegen von Indikationen für bestimmte Impfungen (zum Beispiel bei Risikopersonen) dokumentiert, nicht aber, um welche Indikation es sich konkret handelt.
  • Der Import bestehender Impfdaten sowie Selbsteinträge durch die Bürger sollen möglich sein (Letztere werden als Selbsteinträge im System gekennzeichnet sein).
  • Alle Ärzte beziehungsweise Gesundheitsdienstanbieter (inklusive Schulärzte und Betriebsärzte) sollen Zugang zum e-Impfpass haben.

 

 

Quellen:
Österreichischer Impftag, 18. Januar 2020, Wien
Impfplan Österreich 2020

AutorIn: Dr. Isabella Bartmann

Apo-K 04|2020

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2020-02-28