Nicht nur der Wirkstoff zählt

Eine Mutter möchte wissen, ob sie die Ibuprofentablette für ihre Tochter halbieren und in Joghurt verrühren darf, weil das Kind den Saft verweigert. Fragen wie diese gehören an der Tara zum Alltag und lassen sich nicht immer mit einem einfachen Ja oder Nein beantworten. Ob eine Tablette geteilt werden darf, hängt von der Arzneiform ab. Ob sie sich mit Nahrung mischen lässt, hängt vom Wirkstoff ab. Hinzu kommt die Frage, ob das Kind tatsächlich nicht schlucken kann oder ob es mit etwas Übung gelingen würde. Viele Eltern verändern Arzneimittel jedoch, ohne nachzufragen.1 Umso wichtiger ist das Beratungsgespräch, um Arzneiform, Dosierung und Anwendung gemeinsam durchzugehen.

Feste Arzneiformen schon früh möglich

Flüssige Zubereitungen gelten in der Pädiatrie als Standard, haben aber auch Nachteile. Ein bitterer Geschmack führt häufig dazu, dass Kinder die Einnahme verweigern, größere Volumina lassen sich schwer vollständig verabreichen, und beim Abmessen entstehen leicht Fehler. Feste Arzneiformen werden dagegen oft erst Schulkindern zugetraut. Studien zu Minitabletten zeigen jedoch, dass bereits Säuglinge und Kleinkinder diese gut akzeptieren und schlucken können, auch wenn mehrere auf einmal gegeben werden.2 Auch das Schlucken herkömmlicher Tabletten lässt sich üben. Eine Übersichtsarbeit beschreibt verschiedene Ansätze, die das Schlucken fester Arzneiformen erleichtern können, darunter strukturierte Schlucktrainings und spezielle Gleitmittel.3 Die Aussagekraft der einzelnen Studien ist allerdings begrenzt. Im Beratungsgespräch kann es sinnvoll sein, nicht nur nach dem Alter, sondern auch nach den bisherigen Erfahrungen des Kindes mit Tabletten zu fragen. Geübt wird am besten außerhalb einer akuten Erkrankung, wenn das Kind entspannt ist und kein Zeitdruck besteht.

Teilen, Mörsern, Mischen

Steht keine passende Arzneiform zur Verfügung oder verweigert das Kind die Einnahme, verändern viele Eltern das Arzneimittel selbst. In einer Befragung gab rund die Hälfte der Eltern und Pflegenden an, mindestens ein Arzneimittel manipuliert zu haben, am häufigsten durch Mischen mit Flüssigkeit.1 Solche Veränderungen sind in der Fachinformation meist nicht vorgesehen und können Dosisgenauigkeit und Pharmakokinetik beeinflussen.4 Retardtabletten sollten nicht geteilt oder gemörsert werden, weil sich dadurch die Wirkstofffreisetzung verändert. Gleiches gilt für magensaftresistente Arzneiformen, deren Überzug den Wirkstoff vor der Magensäure schützt. Auch ein Filmüberzug kann einen bitteren Geschmack überdecken, der nach dem Zerkleinern deutlich hervortritt. Eine Bruchkerbe bedeutet nicht automatisch, dass sich die Tablette in gleiche Dosen teilen lässt, manche Kerben erleichtern lediglich das Schlucken.

Wird ein Arzneimittel mit Nahrung vermischt, sollte nur eine kleine Menge verwendet werden, etwa ein Löffel Joghurt oder Apfelmus, die das Kind sicher vollständig isst.5 Unter eine ganze Mahlzeit oder ins Fläschchen gemischt, wird die Dosis oft nicht vollständig aufgenommen; außerdem kann das Kind eine Abneigung gegen das Lebensmittel entwickeln. Manche Wirkstoffe vertragen sich zudem nicht mit bestimmten Lebensmitteln wie Milchprodukten.1

Richtig dosieren

Bei flüssigen Arzneiformen entstehen viele Fehler beim Abmessen. In einer randomisierten Studie mit über 2.100Eltern lag die Fehlerquote bei einer Dosis von 2,5ml mit dem Messbecher bei rund 73%, mit der Dosierspritze bei etwa 23%. Ein Fünftel der Eltern gab mindestens einmal mehr als die doppelte Dosis.6 Haushaltslöffel sind als Dosierhilfe ungeeignet. Am verlässlichsten ist eine Dosierspritze, deren Einheit zur Dosierangabe passt. Wie die Dosierung erklärt wird, macht ebenfalls einen Unterschied. In einer weiteren randomisierten Studie führte eine strukturierte Beratung mit bebilderter Anleitung, Vorzeigen und anschließendem Nachmachen durch die Eltern zu deutlich weniger Dosierfehlern als die übliche Beratung.7 Das gemeinsame Aufziehen der ersten Dosis an der Tara kann daher Fehlern vorbeugen.

Schmerzen einschätzen und behandeln

Kleinkinder können Schmerzen oft nicht in Worte fassen. Hinweise geben hingegen Verhaltensänderungen wie anhaltendes Weinen, Schonhaltungen, Trinkverweigerung oder Schlafstörungen. Ab etwa 4Jahren können Kinder die Schmerzintensität mithilfe von Gesichterskalen selbst einschätzen. Die hierfür verwendete Faces Pain Scale ist online abrufbar und für Kinder zwischen 4 und 16 Jahren validiert.8
Die aktuelle S3-Leitlinie zum Fiebermanagement betont, dass Paracetamol und Ibuprofen bei Kindern vor allem Schmerzen und ein deutlich beeinträchtigtes Befinden lindern sollen. Die Höhe des Fiebers allein ist keine Indikation, und eine vorbeugende Gabe, etwa zur Vermeidung von Fieberkrämpfen, wird nicht empfohlen.9 Entscheidend ist also vielmehr, wie es dem Kind geht, und weniger, was das Thermometer anzeigt.

Paracetamol und Ibuprofen

Beide Wirkstoffe sind bei Kindern Mittel der ersten Wahl, Ibuprofen ist ab einem Alter von 3Monaten zugelassen.9 Bei Kindern unter 2 Jahren senkte Ibuprofen in einer Metaanalyse Schmerz und Temperatur in den ersten 24 Stunden etwas stärker als Paracetamol, bei vergleichbarer Sicherheit.10 Auch eine aktuelle Metaanalyse fand keinen klaren Unterschied in der kurzfristigen Sicherheit, die Evidenz ist jedoch begrenzt.11 Wichtig für die richtige Anwendung ist, dass Analgetika bei Kindern nach Körpergewicht dosiert werden, nicht nach Alter. Paracetamol und Ibuprofen sollten zudem nicht gleichzeitig gegeben werden. Ein Wechsel zwischen beiden Wirkstoffen kann nach ärztlicher Rücksprache erwogen werden, wenn das Kind vor der nächsten möglichen Dosis weiterhin deutlich beeinträchtigt ist.9, 12 Damit es nicht zu Überdosierungen kommt, sollte genau notiert werden, wann welcher Wirkstoff gegeben wurde. Auch Kombinationspräparate mit demselben Wirkstoff sind zu berücksichtigen.

Ibuprofen kann außerdem Infektionszeichen verschleiern und steht im Verdacht, bakterielle Komplikationen etwa bei Windpocken zu begünstigen.13 Bei deutlichem Flüssigkeitsverlust durch Erbrechen oder Durchfall ist ebenfalls Vorsicht geboten. Wenn das Kind etwa erbricht oder die orale Einnahme verweigert, bieten sich Zäpfchen an. Metamizol ist laut Leitlinie eine Reserveoption, wenn Paracetamol und Ibuprofen nicht ausreichend wirken, und gehört in ärztliche Hand.9 Generell ist nicht jedes Analgetikum aus der Erwachsenentherapie für Kinder geeignet; manche Wirkstoffe sind erst ab einem bestimmten Alter zugelassen oder im Kindesalter kontraindiziert.