Aufgrund verbesserter Leitlinien zur Diagnostik von ADHS näherten sich in den letzten Jahren die regional sehr unterschiedlichen Prävalenzwerte immer weiter aneinander an und werden in aktuellen Metaanalysen weltweit mit 5,8 % angegeben. Damit zählt ADHS zu den häufigen Krankheiten bei Kindern und Jugendlichen. Inzwischen konnte auch ein sehr hoher genetischer Anteil der Erkrankung nachgewiesen werden (Heritabilität von 75–90 %), es handelt sich also eindeutig um eine Erkrankung, die vererbt und nicht durch falsches Erziehungsverhalten verursacht wird. Inzwischen existiert auch klare Evidenz, dass die Erkrankung ins Erwachsenenalter persistiert, auch wenn sie bei Erwachsenen aufgrund der gut entwickelten Strategien, die Symptome zu verstecken, schwerer zu erkennen ist.
Unbehandelt führt ADHS zu schwerwiegenden Folgen mit höheren Risiken für Schulabbrüche, Delinquenz und Arbeitslosigkeit sowie insgesamt einer deutlichen Einschränkung der Lebensqualität der Betroffenen. Ohne Behandlung ist auch das Risiko für Substanzmissbrauch und Suchterkrankungen deutlich erhöht. Besonders hohe Raten an ADHS als Diagnose findet man in Untersuchungen von Suchtkranken, Delinquenten und Inhaftierten.
Aufgrund der eindeutigen Studienlage ist es im Sinne der Patient:innen dringend erforderlich, den Verdacht auf ADHS rasch abklären zu lassen und entsprechende Therapien einzuleiten. Eine exakte Diagnostik durch erfahrene Untersucher:innen ist deshalb wichtig, um andere Erkrankungen auszuschließen, die wie ADHS aussehen, es aber nicht sind. Diese Erkrankungen sprechen dann auch meist auf eine medikamentöse Therapie nicht – oder nur unzureichend – an. Die reaktive Bindungsstörung wäre ein Beispiel, bei dem es in der Vergangenheit häufig zu Fehldiagnosen kam. Zusätzlich finden sich zunehmend mehr Kinder mit atypischem ADHS, bei dem die Hyperaktivität nicht vorhanden ist. Man spricht hier von ADS. Diese Kinder werden später auffällig, später diagnostiziert und haben meist eine deutlich längere Phase einer unbehandelten Erkrankung, leiden aber genauso stark unter den Einschränkungen. Von dieser ADS-Form der Erkrankung sind Mädchen deutlich häufiger betroffen als Burschen.
Die medikamentöse Therapie von ADHS ist eine der am besten untersuchten Therapien im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie, und die verwendeten Medikamente zeigen eine Effizienz, wie man sie in kaum einem anderen Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie findet. Die erforschten Effektstärken liegen hier bei 0,7 bis 0,99 für Stimulanzien, bei 0,6 für Atomoxetin und Guanfacin, jene von psychotherapeutischen oder psychosozialen Interventionen deutlich darunter. Aus dem Bereich der Stimulanzien stehen Methylphenidat, Amphetamin und Vorstufen – alle in lang- und kurzwirksamer Form – zur Verfügung. Des Weiteren werden auch Antidepressiva (Atomoxetin, Bupropion) sowie ein Alpha-2-Agonist (Guanfacin) in der medikamentösen Therapie von ADHS eingesetzt. Jedes dieser Präparate zeigt ein spezifisches Wirkprofil und ein individuelles Ansprechen der Kinder und Jugendlichen. Jeder der Wirkstoffe kann Nebenwirkungen zeigen, die insgesamt selten und nur in wenigen Fällen so ausgeprägt sind, dass ein Absetzen des Medikamentes notwendig wird. Dies ist durch zahlreiche Studien belegt. Dennoch sollte sorgfältig über Nebenwirkungen aufgeklärt werden, und sie sollten auch beobachtet werden. Die Adhärenz von Kindern und Eltern ist dabei meist von der Qualität der ärztlichen Information und vom Bemühen abhängig, Bedenken und berichtete Nebenwirkungen ernst zu nehmen und darauf zu reagieren. Daher sollte die medikamentöse Behandlung durch Ärzt:innen erfolgen, die damit erfahren sind und auch die nötige Zeit haben, Betroffene und deren Familien genau aufzuklären.
Um ernste Nebenwirkungen rechtzeitig zu erkennen, müssen Gewicht und Wachstum überwacht werden, auch Laborwerte und EKG sind regelmäßig zu überprüfen. Beim Auftreten ernster Nebenwirkungen muss die medikamentöse Therapie angepasst, der Wirkstoff gewechselt und in seltenen Fällen die medikamentöse Therapie auch beendet werden. Keines der verwendeten Präparate verursacht bleibende, unerwünschte Wirkungen, die nach einem Absetzen des Medikamentes nicht wieder verschwinden würden. Beim Auftreten von Nebenwirkungen gilt es, Risiken und Nutzen der Therapie gut abzuwägen. Die Entscheidung für oder gegen eine Therapie liegt letztendlich aber immer bei den Patient:innen selbst bzw. bei deren Eltern.
Insgesamt ist ADHS inzwischen eine gut erforschte Erkrankung: Es stehen klare diagnostische Richtlinien mit einer hohen Treffsicherheit und eine gut untersuchte medikamentöse Behandlung zur Verfügung. Unbehandelt kann ADHS zu schweren Beeinträchtigungen und zu ernsten Folgekrankheiten führen. Die aktuellen (nationalen und internationalen) Leitlinien empfehlen die medikamentöse Therapie bei Kindern in Kombination mit psychotherapeutischen Interventionen.
Bei Erwachsenen wird die medikamentöse Therapie als Behandlung der ersten Wahl empfohlen. Aus diesen Gründen sollte keinem betroffenen Kind oder keinem/keiner Jugendlichen, aber auch keinem/keiner Erwachsenen die Möglichkeit einer medikamentösen Behandlung verwehrt werden. Mit einer gut begleiteten medikamentösen Behandlung hat jedes Kind mit ADHS die Chance, sich gut zu entwickeln und eine Ausbildung erfolgreich abzuschließen – genau wie ein gesundes Kind auch.