Postinfektiöse Fatigue im Auge behalten

Fast jeder kennt das Gefühl der Erschöpfung, sei sie körper­licher Art oder psychischer Natur. Oftmals sind es Faktoren wie Stress in der Arbeit, Existenzsorgen, private Belastungen und Konflikte, die auslaugen und kraftlos machen. Eine häufige Ursache sind jedoch auch vorangegangene Infektionen. Vor allem durch die Erforschung von Long-COVID rückte der Ermattungseffekt, der sich auch nach Genesung von der ursprünglichen Infektion zeigt, wieder verstärkt ins Bewusstsein. Diese Form der postinfektiösen Fatigue ist jedoch nicht neu, sondern medizinisch schon lange beschrieben. Sowohl bakterielle als auch virale Infektionen können derartige Erschöpfungszustände nach Überwindung der Grundkrankheit auslösen. Definiert ist Fatigue durch herabgesetzte physische Funktionen also Folge von fortwährendem physischem oder mentalem Stress. Merkbar wird sie durch das Symptom Müdigkeit, welche diesbezüglich ein wichtiges biologisches Alarmzeichen darstellt. Auslöser des Fatigue-Syndroms sind in der Regel Zytokine. In vielen Fällen werden die Beschwerden chronisch.1

Neben dem Auftreten als Folge einer COVID-19-Erkrankung ist seit langem HIV als klassischer Auslöser des chronischen Fatigue-Syndroms beschrieben. Jedoch kommen auch das Epstein-Barr-Virus, Herpesviren, Rickettsien als Auslöser in Frage. Unter den Herpesviren ist vor allem das humane Herpesvirus 6 als häufiger Auslöser von Chronic Fatigue beschrieben.1

Eine postvirale Erschöpfung kann prinzipiell alle Altersgruppen betreffen. Nicht in allen Fällen spiegelt die Schwere einer Infektionskrankheit das Ausmaß der postinfektiösen Müdigkeit wider. Während manche Betroffene zuerst durch die Infektion stark ermattet sind und dann rasch regenerieren, kann in anderen Fällen die Infektion mild verlaufen, dafür aber die Erschöpfung danach schwer ausfallen. Bei lange andauernder Kraftlosigkeit lohnt es sich daher, nachzufragen, ob in den Wochen zuvor eine Infektionskrankheit vorlag.2

Nach ärztlicher Abklärung kann dem Fatigue-Patienten zum langsamen Beginn leichter körperlicher Aktivität geraten werden. Ausgiebige Ruhephasen und das sorgfältige Abchecken der körperlichen Reaktion auf eine Aktivität sind wichtig. Die britische NHS rät davon ab, sich allzu sehr zu überwinden – ein „push through“ sei normalerweise nicht sinnvoll.2 Teilweise erweist sich Psychotherapie bei den Betroffenen als hilfreich.3 Unterstützend können auch stärkende pflanzliche Adaptogene wie Ginseng, Rosenwurz oder Taigawurzel zum Einsatz bei Schwächezuständen kommen.

Fatigue nach COVID-19

Eine Untersuchung von knapp 400 COVID-19-Patienten durchschnittlich 54 Tage nach Entlassung aus dem Spital zeigte bei 69 % Fatigue-Symptome. Die Betroffenen waren beim Durchführen von Alltagsaufgaben rasch erschöpft. Bei 15 % der Patienten wurden außerdem depressive Symptome ermittelt.

Quelle: Löffler-Ragg J, Helbock R, Hüfner K et al., Was wir bis jetzt wissen – Spätfolgen nach COVID-19. UIM-Sonderheft COVID-19, 9. 6. 2021


Literatur:

  1. Kondo K, Post-Infectious Fatigue. JMAJ 2006; 49 (1): 27–33
  2. NHS North Bristol: Post-viral fatigue: a guide to management
  3. Sonnenmoser M, Chronic Fatigue Syndrom: Mit Psychotherapie gegen die Müdigkeit
Redaktion: Mag. Martin Schiller

Apo-K 13|2021

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2021-07-05