Rollenbilder, Risiko, Prävention

Männer in Österreich und weltweit haben eine geringere Lebenserwartung als Frauen. Gründe dafür sind biologische, aber auch soziokulturelle Aspekte. Weltweit sterben Männer in jüngerem Alter als Frauen, der Unterschied ist in manchen Ländern sehr deutlich (Abb. 1).

In Österreich liegt die Lebenserwartung von Männern bei 79,4 Jahren, jene von Frauen bei 84,1 Jahren.1
Laut Statistik Austria leben Männer in Österreich weniger gesund als Frauen – sie leiden häufiger an kardiovaskulären, Krebs- und auch psychischen Erkrankungen. Dennoch suchen Männer weniger häufig nach ärztlicher Hilfe. Dies bestätigt die Tatsache, dass österreichische Gesundheitskassen jährliche Gesundheitsuntersuchungen anbieten, die aber vor allem von Frauen in Anspruch genommen werden. Laut ÖGK besuchen nur rund 350.000 von 4,4 Millionen Männern die kostenlose Gesundheitsuntersuchung.2

Wirft man einen genaueren Blick auf die Suizidrate in Österreich, wird schnell klar, dass Männer auch hier häufiger betroffen sind3: Das Risiko ist 5-mal höher als bei Frauen. Unfälle und schwere Verletzungen erleiden doppelt so viele Männer wie Frauen; rund 90 % der tödlichen Arbeitsunfälle betreffen Männer.4 Der „Gender-Gap der Mortalität“ wird seit Jahrzehnten weltweit beobachtet. Eine bisher quasi „stille“ Krise, die endlich Gehör finden sollte.

Rollenbilder und Vorsorge

Men’s Health wird oft als Randthema angesehen. Während es für Frauen etablierte Vorsorge- und Screening-Programme gibt – etwa das Brustkrebs-Screening ab 45 Jahren5,6– existiert für Männer kein äquivalentes organisiertes Programm. Die Gründe liegen nicht nur in der fehlenden Aufklärung, sondern auch in den typischen Rollenbildern: Viele Männer sprechen ungern über Beschwerden oder Emotionen, und Vorsorge wird oft als „unmännlich“ abgetan. Männer sprechen nicht gerne darüber, wenn es ihnen schlecht geht, daher sollten das Gesundheitssystem und wir als Gesellschaft umso mehr darüber sprechen.

Fokus Prostatakarzinom. Wie zu erwarten, steht die Prostata hier im Mittelpunkt – von gutartigen Prostataerkrankungen wie benigner Prostatahyperplasie bis zum Prostatakarzinom. Prostatakrebs ist die am häufigsten diagnostizierte Krebserkrankung des Mannes. Weltweit wird bis 2040 mit einem Anstieg der jährlichen Neuerkrankungen von 1,4 auf 2,9 Millionen gerechnet.7,8 In Österreich werden etwa 7.000 Fälle pro Jahr diagnostiziert.9 Die demografische Alterung ist ein wesentlicher Treiber – umso wichtiger sind Früherkennung, Aufklärung und evidenzbasierte Therapie. Nach aktuellen Leitlinien ist eine strukturierte, organisierte Vorsorge essenziell. Spontanes, unkoordiniertes PSA-Screening ist nicht ausreichend. Nötig sind risikoadaptierte Programme, die Überdiagnosen vermeiden und die onkologische Sicherheit verbessern.

HPV-Impfung. Ein weiteres Beispiel für geschlechtsspezifische Prävention ist die HPV-Impfung. Lange wurde sie primär zur Prävention des Zervixkarzinoms kommuniziert. Männer profitieren jedoch ebenfalls deutlich: HPV verursacht Analkarzinome, Peniskarzinome und oropharyngeale Tumoren, die bei Männern zunehmen. EAU und WHO befürworten eine geschlechtsneutrale Impfstrategie. In Österreich ist die HPV-Impfung vom 9. bis zum 21. Geburtstag kostenfrei – dennoch sind die Durchimpfungsraten bei Buben niedrig.10, 11 Es braucht gezielte Aufklärung, Einladungssysteme und aktive Impfberatung – auch in urologischen Settings.

Sexual- und Reproduktionsmedizin. Das Thema Sexual- und Reproduktionsmedizin spielt ebenso eine wichtige Rolle. Mit zunehmendem Alter sinkt der Testosteronspiegel im Mittel um etwa 1,3% pro Jahr; rund 20 % der Männer zwischen 60 und 80 Jahren haben niedrige Werte. Folgen sind Libidoverlust, Erektionsstörungen, metabolisches Syndrom und Infertilität. Die Spermienqualität sinkt außerdem weltweit. Komorbiditäten wie Adipositas, arterielle Hypertonie und psychologischer Stress spielen dabei eine entscheidende Rolle. Sie fördern die Entstehung von oxidativem Stress, der über eine Dysregulation der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse zu Apoptoseprozessen und DNA-Schäden in Spermien führen kann – Mechanismen, die wiederum die männliche Fertilität beeinträchtigen. Männer sind häufiger von Adipositas betroffen als Frauen; Übergewicht trägt zusätzlich zur Entstehung von oxidativem Stress und somit zu einer verminderten Spermienqualität bei.12, 13

Gesundheitskompetenz erhöhen

Es gilt, die Gesundheitskompetenz, das heißt die Fähigkeit, im alltäglichen Leben gesundheitsfördernde und präventive Entscheidungen zu treffen, zu fördern. Zusätzlich zu allgemeinen Lifestyle-Empfehlungen – wie einer ausgewogenen Ernährung, regelmäßiger körperlicher Aktivität und Antiraucher-Maßnahmen – ist es entscheidend, Männer frühzeitig über mögliche Erkrankungen aufzuklären.

Ziel ist es, Männer zu motivieren, sich aktiv mit ihrer Gesundheit auseinanderzusetzen und Vorsorgeangebote eigenverantwortlich wahrzunehmen. Ein besseres Verständnis für körperliche Warnsignale und Veränderungen kann dazu beitragen, Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Es muss mehr Bewusstsein für Men’s Health geschaffen werden. Die Urologie ist ein natürlicher Knotenpunkt, um Prävention, Früherkennung, Impfberatung und psychische Gesundheit zu verzahnen. Eine nationale Strategie kann Mortalität und Morbidität senken und die Lebensqualität erhöhen.