Spätfolgen

Genesen von der Krankheit, aber insgesamt nicht gesund – eine Situation, die eine beträchtliche Zahl ehemaliger COVID-19-Patienten auch noch lange nach der Erkrankung betrifft. In der ersten medizinischen Leitlinie zu Long COVID werden u. a. Müdigkeit, Schwäche und ein anhaltender Verlust des Geschmackssinns als häufige Symptome angegeben.* Studien ergeben jedoch auch großräumige Auswirkungen auf Kognition, Psyche und Nervensystem. Eine in The Lancet publizierte Arbeit (n = 236.379) zeigt, dass 33,6 % der Patienten in den sechs Folgemonaten eine neurologische oder psychiatrische Diagnose erhielten.** Laut einer weiteren Lancet-Publikation schnitten vormalige COVID-19-Patienten bei Intelligenztests schlechter ab als Nichterkrankte. Die schlechtesten Ergebnisse erzielten jene Personen, die im Rahmen der Erkrankung intensivmedizinisch behandelt werden mussten.***
Doch nicht nur ehemalige COVID-19-Patienten sind von neurologischen und psychischen Folgen betroffen. Gedacht werden muss auch an die Spätfolgen, die ein monatelanges Abschotten voneinander mit sich bringt. Besonders Kinder und Jugendliche sowie alleinstehende und arbeitslose Menschen litten sehr darunter. Die psychische Situation der in Österreich lebenden Menschen verschlechterte sich insgesamt deutlich. Erforscht werden derzeit auch Details zum sogenannten „Cave-Syndrom“. Als Folge der monatelangen Kontaktbeschränkungen fällt es vielen Menschen schwer, sich wieder an das soziale und berufliche Alltagsleben anzupassen, man bleibt lieber in seiner „Höhle“. Die Goethe-Universität in Frankfurt führt dazu demnächst sogar eine eigene Studie durch.
Es steht somit eine Riesenaufgabe bevor: Wir müssen Menschen mit Langzeitfolgen wieder den Weg ins „normale“ Leben ebnen. Wir müssen jene finden und mit Angeboten abholen, die nicht mehr am sozialen ­Leben teilnehmen. Wir brauchen erhöhte Sensitivität für die psychische Situation unserer Mitmenschen und eine Kultur, die es ermöglicht, dass darüber gesprochen werden darf (und soll). Und wir haben weiteren Erhebungsbedarf, wie viele Menschen auf welche Weise Einschränkungen der Gehirntätigkeit aufweisen. Das alles muss bereits jetzt angegangen werden – und nicht erst, wenn die Pandemie offiziell für beendet erklärt ist. Andernfalls wird es dem Gesundheitssystem und der Gesellschaft schwer auf den Kopf fallen.


* Rabady S, Altenberger J, Brose M et al., Long COVID-Leitlinie S-1, Stand 7/2021

** Taquet M, Geddes JR, Husain M et al., 6-month neurological and psychiatric outcomes in 236 379 survivors of COVID-19: a retrospective cohort study using electronic health records. Lancet Psychiatry; 8(5). DOI: 10.1016/S2215-0366(21)00084-5

*** Hampshire A, Trender W, Chamberlain SR et al., Cognitive deficits in people who have recovered from COVID-19 relative to controls: An n = 84,285 online study. DOI: 10.1101/2020.10.20.20215863