Wenn die Beratung den Unterschied macht

B-Vitamine sind häufig nachgefragte Mikronährstoffe in der Selbstmedikation. Gleichzeitig bleiben Mangelzustände häufig lange unerkannt, da ihre Symptome unspezifisch sind. Müdigkeit, verminderte Leistungsfähigkeit oder neurologische Beschwerden werden nicht selten anderen Ursachen zugeschrieben. Für Pharmazeut:innen besteht die Herausforderung daher weniger in der Auswahl eines geeigneten Präparates als vielmehr in der frühzeitigen Identifizierung von Risikokonstellationen, wobei die Medikationsanalyse wertvolle Hinweise liefert.1

Risikopatient:innen erkennen

Ein klinisch relevanter Vitamin-B-Mangel entsteht selten spontan, meist liegen ihm spezifische Risikofaktoren zugrunde. Besondere Aufmerksamkeit verdienen unter anderem Patient:innen mit einer Metformin-Langzeittherapie, da der Wirkstoff die intestinale Aufnahme von Vitamin B12 vermindern kann.1 Dieser Effekt entwickelt sich oft schleichend über Jahre und bleibt aufgrund der großen hepatischen Speicher zunächst asymptomatisch.2 Auch PPI können die Cobalaminversorgung beeinträchtigen, wobei das Risiko mit der Dauer der Anwendung und dem Lebensalter steigt. Hintergrund ist die weniger effiziente Vitamin B12-Freisetzung aus Nahrungsproteinen aufgrund der reduzierten Magensäuresekretion.1 Weitere Risikogruppen sind Personen mit veganer Ernährungsweise, ältere Menschen mit eingeschränkter Nährstoffaufnahme sowie Patient:innen mit gastrointestinalen Erkrankungen oder Malabsorptionssyndromen. Diese Informationen aus Anamnese und Medikationsprofil können bereits den Verdacht auf einen Vitamin-B-Mangel lenken.

Fatigue als erstes Anzeichen

Vermeintliche Fatigue ist ein häufiger Anlass für den Wunsch nach einem Vitamin-B-Komplex. Die Evidenz für eine routinemäßige Supplementierung bei gesunden Personen ohne nachgewiesenen Mangel ist jedoch begrenzt.3 Anders verhält es sich bei einem tatsächlichen Defizit. Insbesondere Vitamin B1 (Thiamin), B2 (Riboflavin), B3 (Niacin) und B5 (Pantothensäure) erfüllen als Koenzyme zahlreicher Stoffwechselreaktionen zentrale Funktionen im Energiestoffwechsel. Ein Mangel kann sich unter anderem durch Leistungsabfall, erhöhte Erschöpfbarkeit und verminderte Belastbarkeit bemerkbar machen.1

Neurologische Beschwerden als Warnsignal

Besonders aufmerksam sollten Pharmazeut:innen bei Parästhesien, Taubheitsgefühlen oder brennenden Schmerzen an den Füßen werden. Solche Symptome werden häufig einer diabetischen Neuropathie oder altersbedingten Veränderungen zugeschrieben. Vitamin B12 spielt jedoch eine zentrale Rolle für die Funktion und Integrität des Nervensystems. Ein länger bestehender Mangel kann zu neurologischen Schäden führen, die nicht immer vollständig reversibel sind. Entsprechende Beschwerden sollten daher Anlass sein, Ernährungsweise, Vorerkrankungen und Dauermedikation genauer zu hinterfragen. Auch Vitamin B1 und Vitamin B6 sind für die neuronale Funktion relevant.1

Bedeutung für die Praxis

Nicht jede Müdigkeit und nicht jede neurologische Beschwerde sind Ausdruck eines Vitaminmangels. Gleichzeitig können relevante Defizite lange unerkannt bleiben, wenn Risikofaktoren nicht aktiv erfragt werden. Die gezielte Identifikation gefährdeter Patient:innen ist daher eine wichtige Aufgabe der pharmazeutischen Beratung. Besteht ein begründeter Verdacht auf einen Mangel, sollte eine ärztliche Abklärung einschließlich geeigneter Labordiagnostik empfohlen werden. Eine zielgerichtete Supplementierung auf Basis der individuellen Risikokonstellation ist einer pauschalen Einnahme von Vitamin-B-Präparaten vorzuziehen.1