34.000 Ärzte verfügen bereits über ein aktives Fortbildungskonto

Mit Stichtag 1. September 2016 müssen Ärzte erstmals die Fortbildungsverpflichtung nachweisen. Was genau wird überprüft, und wie?

Dr. Peter Niedermoser: Überprüft wird, ob sich Österreichs Ärztinnen und Ärzte entsprechend den gesetzlichen Kriterien fortgebildet haben. In Österreich bedeutet das, dass man ein gültiges DFP-Diplom oder Vergleichbares vorweisen muss.Dazu ist im Hintergrund bereits für jede Ärztin und jeden Arzt ein elektronisches Fortbildungskonto angelegt. Wir als Akademie haben den Auftrag, die Dokumentation der Fortbildung möglichst einfach für den Arzt zu machen. Bisher hat es immer wieder daran gehapert, dass von den Kollegen zwar Fortbildungen absolviert wurden, das Dokumentieren derselben jedoch schwierig war. Um derzeit ein Diplom zu bekommen, muss man 150 DFP-Punkte in drei Jahren oder 250 DFP-Punkte in fünf Jahren sammeln. Ab 1. Juli 2017 gibt es ausschließlich die letztgenannte Variante. Jeder Arzt verfügt nun über ein selbst zu verwaltendes elektronisches Konto, auf das die gesammelten Fortbildungspunkte, idealerweise direkt von den Veranstaltern, gebucht werden. Punkte von Veranstaltungen im Ausland kann der Arzt selbst verbuchen.

 

 

Wie viele Ärzte verfügen aktuell über ein aktiv geführtes elektronisches Fortbildungskonto?

Von den etwa 43.000 Kollegen haben mittlerweile mehr als 34.000 das Konto selbst eröffnet und benutzen es aktiv. Für alle anderen besteht dieses Konto im Hintergrund, wurde aber noch nicht aktiviert.

Wird das Fortbildungsangebot österreich­weit gleich gut angenommen, oder gibt es Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern?

Ich meine, es wird in den verschiedenen Bundesländern gleich gut angenommen. Es kommt natürlich immer auf die Fortbildungsthemen sowie auf die Dauer einer Fortbildung an. Aber die Kollegen nützen die verschiedenen Fortbildungs­angebote sehr gut.

Wie sieht die Verteilung innerhalb der einzelnen Fachrichtungen aus?

Dazu haben wir keine umfassenden Statistiken. Wichtig ist, dass am Ende des Tages alle Betroffenen die notwendige Zahl an Fortbildungspunkten nachweisen können. Hierzu kann man viele Arten von Fortbildungen besuchen. Wenn ich als Pathologe z. B. ausschließlich auf Fortbildungsveranstaltungen gehen würde, die nur mein Fachgebiet betreffen – wir sind eine vergleichsweise kleine Fachgrup­pe –, dann gibt es gar nicht so viele Fortbildungen in Österreich. Ich gehe aber auch zu anderen Veranstaltungen, weil es für mich auch als Pathologe sehr wichtig zu wissen ist: Was passiert mit meinem Befund? Was bedeutet es, wenn ich bei einem Patienten Krebs diagnostiziere? Welche Nachfolgeuntersuchungen und -therapien zieht das nach sich? Auch fächerübergreifende Kongresse, wo viele Fachgruppen im Sinne einer Erkrankung bzw. eines Krankheitsbildes zusammenarbeiten, werden von den Kollegen sehr gerne besucht.

 

 

Muss man eine gewisse Anzahl von Punkten im eigenen Fach machen?

Nein, das kann man sich aussuchen. Zum einen gibt es medizinische Fortbildungspunkte, und hier kann sich jeder dort fortbilden, wo es für das weitere Arbeiten notwendig ist. Zum anderen kann man einen Teil der Punkte ergänzend auch mit Fortbildungen erreichen, die nicht unmittelbar mit der Medizin zu tun haben, aber mit Themen, die ich als Arzt brauchen könnte, z. B. „Türkisch für Mediziner“ und Ähnliches.

Wer bis zum Stichtag im September 2016 kein gültiges DFP-Diplom nachweist, muss mit Konsequenzen rechnen. Welche sind das konkret?

Die Akademie der Ärzte kommuniziert sehr klar und deutlich, dass die ärztliche Fortbildung verpflichtend ist, und natürlich zieht jede Pflicht eine Konsequenz nach sich, wenn sie nicht erfüllt wird. Es wird sicherlich zuerst Nach­reichfristen geben, sodass man die Dinge aufholen kann, denn es kann auch Umstände geben, die das rechtzeitige Erreichen eines DFP-Diploms oder von etwas Vergleichbarem unmöglich gemacht haben. Das ist ganz klar. Aber schlussendlich wird es Konsequenzen geben, über welche die Disziplinarbehörde der Österreichischen Ärztekammer – von unabhängigen Richtern geführt – entscheidet. Wird diese Fortbildungspflicht nicht erfüllt, so ist das ein nicht unbedeutender Verstoß gegen unser Berufsrecht. Das kann bis hin zum Entzug der beruflichen Berechtigung führen.

Wie soll der Nachweis der DFP-Diplome kontrolliert werden?

Das Fortbildungskonto ermöglicht ­Auswertungen über den Stand der Fortbildung jeder Ärztin bzw. jedes Arztes gemäß den geltenden datenschutzrechtlichen Bestimmungen. Wer zum Stichtag 1. September 2016 auf diesem ­elektronischen Weg kein gültiges Diplom oder Vergleichbares nachweisen kann, wird aufgefordert werden, seiner Verpflichtung gegenüber der Österreichischen Ärztekammer auf anderem Wege nachzukommen und den Nachweis über die absolvierten Fortbildungen zu erbringen. Macht jemand das nicht, müssen wir natürlich klar und deutlich schauen, warum das so ist.

Welche Aktivitäten setzt die Akademie, um die Ärzte positiv zur regelmäßigen Fortbildung zu motivieren?

Zunächst ist es einmal sehr wichtig, die Kollegen darauf aufmerksam zu machen, dass es diese Pflicht gibt, und dass das auch gar nicht so schlecht ist. Natürlich ist jede Pflicht nicht immer mit Freude für jene verbunden, die dazu verpflichtet werden, aber ich glaube, gerade als Arzt ist es wichtig, sich fortzubilden und ständig am Puls der Medizin zu sein, weil sich hier ja vieles sehr schnell entwickelt. Hier können wir uns auch als Vorbild für andere Berufe sehen. Wir sind eine der wenigen Berufsgruppen, die eine verpflichtende Fortbildung haben, und wir müssen diesen Auftrag sehr ernst nehmen und mit gutem Beispiel vorangehen. Jene, die sich immer darüber mokieren, dass dieses und jenes in der Ärzteschaft nicht passiert, sollten endlich auch einen solchen Schritt setzen und sich einer verpflichtenden Fortbildung unterwerfen. Ich sehe allerdings keinen dieser Gesundheitsökonomen, die uns immer Vorschriften machen, sich regelmäßig fortbilden. Auch bei unseren Patientenanwälten sehe ich nicht, dass sie sich in dieser Art und Weise fortbilden. Da gibt es keine verpflichtende Fortbildung.

Wo sehen Sie Österreich im Vergleich zu anderen europäischen Ländern, was das Fortbildungsangebot, die Umsetzung, die Akzeptanz bei Ärzten betrifft?

Im europäischen Vergleich liegen wir sehr gut. Sehr viele Länder haben sich an unserer DFP-Systematik, dieser qualitätsgesicherten Fortbildung, orientiert. Die strukturierten Systeme zur ärztlichen Fortbildung in anderen Ländern sind ähnlich. Ich glaube, da brauchen wir uns nicht zu verstecken.
Durch den schnellen Wissenszuwachs im Bereich der Medizin ist es für Ärzte besonders wichtig, sich regelmäßig fortzubilden. Glauben Sie, dass sich die Ärzte dessen bewusst sind?
Ja, da bin ich mir ganz sicher, dass sie sich dessen bewusst sind. Natürlich gibt es da und dort Ausnahmen – wie in jedem gesellschaftlichen Bereich –, die das vielleicht nicht einsehen. Aber ich bin zu 100 % der Meinung, dass die regelmäßige Fortbildung von einem sehr hohen Prozentsatz als eine sehr wichtige Aufgabe gesehen wird.

Welche Auswirkungen hat Fortbildung auf den Behandlungserfolg? Gibt es dazu Daten?

Nein, harte Daten gibt es dazu nicht. Aber wenn man an einem bestimmten Punkt stehen bleibt – und das gilt für jeden Beruf –, hat das natürlich Nachteile für den Erfolg der Taten, die man setzt. Eines ist ganz klar: Wenn ich auf dem Niveau meiner universitären Ausbildung stehen geblieben wäre und mich nicht im Laufe der Zeit fortgebildet hätte, könnte ich vieles nicht mehr machen, weil es unmöglich wäre. Auch ohne Studien ist es per se logisch, dass sich eine gute Fortbildung natürlich in einer besseren Qualität der Patientenbetreuung niederschlägt.

Sehen Sie die regelmäßige Fortbildung eines Arztes auch als ein Thema für den Patienten?

Der Patient kann sich sicher sein, dass sich die österreichischen Ärztinnen und Ärzte laufend und intensiv fortbilden. Im September 2016 wird zusätzlich kontrolliert, ob dies exakt anhand der formalen Vorgaben der Ärztekammer geschieht und ausreichend dokumentiert wurde. Dieses Auswahlkriterium sollte für die Patienten daher insofern nicht sehr wichtig sein, da sich alle Kolleginnen und Kollegen bereits jetzt umfassend fortbilden.

Die Zahl der Fortbildungsanbieter ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Wie wird sichergestellt, dass alle Fortbildungen den Qualitätskriterien des DFP entsprechen?

Nur Fortbildungen, die entsprechend qualitätsgesichert sind, die sozusagen DFP-approbiert sind (d. h. wir als Akademie begutachten und vergeben Punkte dafür), können in diese Dokumentation der Fortbildung einfließen. Hier gibt es ganz klare Qualitätsrichtlinien betreffend Struktur und Aufbau der Fortbildung sowie gewisse Regeln, z. B. für die Zusammenarbeit mit Pharmafirmen, um konstant gute Qualität zu bieten. Es gibt ärztliche Verantwortliche, die die ­Qualität der Fortbildung approbieren. Die schauen sich an: Wer trägt vor? Welche Themen sind das? Und wir machen natürlich auch stichprobenartige Qualitätskontrollen, die wir in Zukunft noch ausbauen. Das ist ein ganz wichtiger Punkt: Alle Veranstaltungen werden kontinuierlich qualitätsgesichert.

Könnte unter anderem die Möglichkeit für Ärzte, die Qualität einer Fortbildung zu beurteilen (Feedback-System), helfen, die Qualität hochzuhalten?

Wir haben bereits jetzt Feedback-Systeme für viele dieser Veranstaltungen, werden das aber in nächster Zukunft noch perfektionieren. Die Kollegen sollen motiviert werden, nach den Veranstaltungen deren Qualität zu bewerten und ihr Feedback über das elektronische Konto an uns zu übermitteln.

Im Rahmen des DFP gibt es verschiedenste Formate der Fortbildung (z. B. Veranstaltungen, Literaturstudium, E-Learning). Welche sind bei Ärzten besonders beliebt? Wohin geht der Trend?

Derzeit steigen Bedarf und Nachfrage für E-Learning-Angebote stark an. ­E-Learning boomt, auch ­Literaturstudium boomt. Diese Form des Lernens ist nicht an Zeit und Ort gebunden. Von den vorgeschriebenen Punkten kann aber nur ein gewisser Anteil durch ­E-Learning und Literaturstudien gesammelt werden, der Rest muss in Anwesenheits­veranstaltungen erbracht werden. Prä­senzveranstaltungen werden weiterhin ­gebraucht, denn der interkollegiale Austausch ist ein unverzichtbarer wichtiger Faktor beim Thema Fortbildung.

Wie finanziert sich das DFP-Angebot?

Die Veranstaltungen der verschiedenen Anbieter (z. B. Krankenhausanstalten, Bezirksärzteorganisationen etc.) finanzieren sich unterschiedlichst. Die ­Palette reicht von Tagungsgebühren bis hin zu Unterstützungen durch Pharma­un­ternehmen.

Das Sponsoring durch die Industrie ist eine wesentliche finanzielle Stütze des DFP. Wie kann trotzdem eine unbeeinflusste Ärztefortbildung gewährleistet werden?

Die Ärzteschaft und damit auch die Fortbildungsanbieter arbeiten seit jeher mit Pharma- und Medizinprodukteunternehmen zusammen. Grundsätzlich muss man festhalten, dass diese Zusammenarbeit oft sogar notwendig ist. Ohne eine solche geht es in der Medizin ja nicht, denn wie sollen sonst Medikamente oder Medizinprodukte entwickelt werden? Wichtig ist, dass Geldflüsse und Unterstützungen transparent sind und die medizinischen Inhalte nicht beeinflusst werden. Im Pharmig-Verhaltenscodex und in der DFP-Verordnung sind daher die korrekten Abläufe klar und deutlich festgehalten, und es wird auch überprüft, ob alles regelkonform abläuft. Der bessere Weg wäre vielleicht, dass die Finanzierung der Fortbildung, die ja zu unserer Berufspflicht gehört, von der öffentlichen Hand übernommen wird. Wenn man uns eine Pflicht auferlegt – der wir uns gerne stellen –, wäre es eigentlich auch die Aufgabe jener, die diese Pflicht auferlegen, für die Kosten aufzukommen (z. B. die Träger der Krankenhäuser). In jeder Firma wird das mittlere Management vom Dienstgeber zu Fortbildungen geschickt, die Kosten dafür werden übernommen, und die Fortbildung wird noch dazu als Arbeitszeit gerechnet – und so sollte das sein. Leider wissen wir, dass die ärztliche Fortbildung öffentlich wahrscheinlich nicht finanzierbar sein wird, und darum brauchen wir die Unterstützung der Industrie, die natürlich offen, transparent und klar durchschaubar sein muss.

Mit ARZT & PRAXIS „neu“ entsteht ein zusätzlicher reichweitenstarker Kanal, um das Thema Fortbildung noch stärker zu betonen und direkt an den Mann/ an die Frau zu bringen. Was gefällt Ihnen an der Idee von ARZT & PRAXIS? Was bringt dieses neue Medium dem Arzt?

Ein neues Medium, das sich wirklich mit dieser Thematik – Fortbildung für den Arzt – auseinandersetzt, ist ein sehr gutes Format, über das sich der Arzt komprimiert zu diesem Thema, über Veranstaltungen und Möglichkeiten zur Fortbildung informieren kann. Ich finde es sehr positiv, dass ein solches Medium entwickelt wurde, um die Fortbildungsfreude der Kollegen noch punktgenauer zu unterstützen.

 

Fotos: www.unser.tv | Martin Lachmair 2015 (2)
Interview mit: Dr. Peter Niedermoser

Präsident des Wissenschaftlichen Beirates der Österreichischen Akademie der Ärzte


A&P 01|2015

Herausgeber: MedMedia Verlag und Mediaservice GmbH
Publikationsdatum: 2015-09-25