600 Fortbildungsveranstaltungen allein in Tirol

ARZT & PRAXIS: Herr Dr. Wutscher, Sie sind als niedergelassener Arzt für Allgemeinmedizin in Sölden tätig. Wo liegen die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

Dr. Wutscher: Mein Schwerpunkt liegt natürlich in der allgemeinmedizinischen Versorgung der Bevölkerung. Durch die Lage meiner Praxis in Sölden im hinteren Ötztal bin ich vor allem im Winter auch häufig mit entsprechenden Sportverletzungen konfrontiert.

Sie sind auch kammerpolitisch sehr aktiv, beispielsweise als Leiter des ­Fortbildungsreferats der Ärztekammer für Tirol. Welche Aufgaben übernehmen Sie hier?

Das Fortbildungsreferat der ÄK organisiert einerseits eigene interessante und qualitativ hochwertige Fortbildungsveranstaltungen für Ärzte. Andererseits unterstützen wir auch medizinische Fortbildungen anderer Veranstalter. Wichtig sind die Einhaltung und die laufende Überprüfung der Qualitätskriterien des Diplom-Fortbildungs-Programms (DFP). Zusätzlich zu meiner Arbeit als Arzt ist das zwar eine umfangreiche, aber auch spannende und schöne Aufgabe.

Für Veranstaltungen im Bereich ­Allgemeinmedizin fungieren Sie als Approbator. Was verbirgt sich hinter ­diesem Begriff?

Veranstaltungen, die die Qualitätskriterien des DFP erfüllen, können mit DFP-Punkten versehen werden (= approbiert). Dafür müssen verschiedene Aspekte geprüft werden: Entsprechen die medizinischen Inhalte dem aktuellen medizinischen Wissensstand? Sind die Inhalte ohne Einflussnahme der Industrie zustande gekommen? Wer ist der verantwortliche ärztliche Leiter? Wer sind die Vortragenden? Wie lange dauert die Fortbildung? – Sind alle Kriterien erfüllt, werden dem zeitlichen Umfang der Veranstaltung entsprechend DFP-Punkte vergeben.

Von den Veranstaltungen zum E-Learning – auch dieses approbieren Sie für den Bereich Allgemeinmedizin …

Die Kriterien, die es für eine Approbation zu erfüllen gilt, sind beim E-Learning ganz ähnlich wie bei Veranstaltungen. Auch hier müssen Inhalt und Umfang geprüft werden. Beim E-Learning ist es so, dass jeder Beitrag zunächst von zwei Experten, dem sogenannten Lecture Board, beurteilt wird. Diese können dem Autor auch Korrekturen und Ergänzungen vorschlagen. Wenn ich einen DFP-Beitrag zur Approbation bekomme, schaue ich mir auch immer die Bewertungen des Lecture Boards an. Natürlich ist es auch wichtig, dass die Experten im Lecture Board nicht voreingenommen sind.

Gibt es ein standardisiertes Vorgehen für die Erstbeurteilung durch das Lecture Board?

Zusammen mit der Akademie der Ärzte haben wir einen Evaluierungsbogen entwickelt, welcher als Leitfaden für die inhaltliche und didaktische Prüfung der E-Learning-Fortbildung dient. Der zweiseitige Bogen listet anhand von Kernaussagen die Vorgaben der Verordnung über ärztliche Fortbildung auf und stellt somit zugleich eine sinnvolle Hilfestellung für das Lecture Board dar. Dieses hat die Fortbildung hinsichtlich der auf dem Bogen genannten Vorgaben zu prüfen und das Ergebnis entsprechend festzuhalten. Die beiden Experten bestätigen vor allem auch die Unabhängigkeit gegenüber dem Autor des E-Learnings. In Summe liegt dem Approbator mit den ausgefüllten Bögen eine wertvolle Entscheidungsgrundlage vor.

Wie steht es Ihrer Meinung nach um die Fortbildung im Bereich der Allgemeinmedizin?

Ich möchte hier als Beispiel Zahlen aus meinem Bundesland nennen: Wir haben in Tirol rund 600 Fortbildungsveranstaltungen im Jahr, darunter viele, aber nicht nur aus dem Bereich Allgemeinmedizin. Das Angebot ist also wirklich sehr umfangreich. In Tirol halten wir es so, dass wir uns mindestens einmal im Jahr mit den Bezirksärztevertretern zusammensetzen, um interessante Themen für das kommende Jahr zu diskutieren und festzulegen. Dazu bekommen wir auch relativ oft Anfragen und Anregungen von Kollegen, die sich Fortbildungen zu bestimmten Themen wünschen. Außerdem bietet natürlich die Universitätsklinik Innsbruck ausgezeichnete Fortbildungsveranstaltungen an. Ich kann also guten Gewissens sagen, dass das Fortbildungsangebot im Bereich der Allgemeinmedizin sehr umfangreich und aktuell ist.
Vor allem wird es von den Ärzten auch gut angenommen: Die wichtigste Veranstaltung für Allgemeinmediziner in unserem Bundesland sind sicherlich die Tiroler Ärztetage, die jedes Jahr am letzten Wochenende im September stattfinden. 2016 waren es 600 Teilnehmer! Das ist angesichts von knapp 700 niedergelassenen Ärzten in Tirol eine wirklich tolle Zahl. Aber auch die kleineren lokalen Veranstaltungen auf Bezirksebene werden von 20–30 Ärzten pro Abend besucht. Das zeugt wirklich vom hohen Interesse und Fortbildungsbewusstsein der Kollegenschaft.

Mit 1. September 2016 mussten Österreichs Ärzte erstmals einen Nachweis über ihre Fortbildung erbringen. Sind Sie zufrieden mit dem Ergebnis?

Ich bin nicht nur zufrieden, sondern äußerst positiv überrascht vom hohen Anteil der Kolleginnen und Kollegen, die bereits im ersten Anlauf ihren Fortbildungsnachweis erbracht haben. Das ist eine tolle Sache! Beim Rest der Kollegenschaft liegt das Problem häufig nur in nicht korrekt erfassten Auslandsaufenthalten, Karenzzeiten oder anderen legitimen Unterbrechungen. Die Frist für den Nachweis verschiebt sich entsprechend nach hinten und sollte von den meisten eingehalten werden können. Den harten Kern an Verweigerern halte ich für verschwindend gering.
An dieser Stelle möchte ich betonen, dass man nur schwer eine andere Berufsgruppe finden wird, die sich auf eigene Kosten und in der Freizeit fortbildet, so wie das die Ärzte zum Wohle der Patienten machen. Das hohe Ausmaß an Fortbildungsaktivitäten zeugt von einer vorbildlichen Einstellung und von hohem Engagement seitens der Ärzte.

Welche Fixpunkte gibt es im Tiroler ­Veranstaltungskalender?

Das sind einmal die bereits angesprochenen Tiroler Ärztetage. Nachdem die Veranstaltung viele Jahre in Mayrhofen im hinteren Zillertal abgehalten wurde, findet sie nun an der UMIT in Hall statt. Die neue Location bietet Veranstaltungsräumlichkeiten in allen Größen und punktet durch ihre zentrale Lage. Wir können hier also auch Nischenthemen ins Programm aufnehmen, denn dank der guten Erreichbarkeit kommen interessierte Zuhörer manchmal auch für nur einen ganz speziellen Vortrag/Workshop.
Weiters organisieren wir jeden ersten Samstag im Monat in der Ärztekammer in Innsbruck eine Fortbildung zu aktuellen medizinischen Themen.
Den Notarztkurs stellen wir 2017 auf komplett neue Beine. Wir gehen hier weg von reinen Frontalvorträgen und integrieren sogenannte Simulations­übungen. Im Laufe der einen Woche, die der Notarztkurs dauert, werden immer wieder Zweiergruppen herausgegriffen, die sich in einem separaten Raum mit verschiedenen simulierten Notfällen auseinandersetzen müssen. Die Teilnehmer müssen dort alleine werken, arbeiten, retten. Dieses neue, praxisnahe Format bringt den teilnehmenden Ärzten einen riesigen Benefit, das zeigen Erfahrungen aus dem Krankenhausbereich.

Welche Art der Fortbildung bevorzugen Sie persönlich?

Ich bin ein großer Fan von Veranstaltungsbesuchen. Erstens trifft man dort viele Kollegen, mit denen man sich unabhängig von den Vorträgen austauschen kann, und zweitens schätze ich es sehr, im Anschluss an einen Vortrag mit den Referenten zu diskutieren. Natürlich mache ich zwischendurch auch ganz gerne einmal ein E-Learning: Wenn ich Zeit habe, lese ich mir einen DFP-Artikel durch, fülle anschließend den Fragebogen aus und hole mir so die entsprechenden DFP-Punkte. Es gibt natürlich auch abseits des DFP viel interessante medizinische Literatur, aufgrund der schwierigen Überprüfbarkeit bekommt man für diese Leseaktivitäten aber keine DFP-Punkte.

Vielen Dank für das Gespräch!
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Interview mit: MR Dr. Edgar Wutscher

Fortbildungsreferent der Ärztekammer für Tirol

Foto: Oliver Miller-Aichholz


AutorIn: Dr. Eva Maria Riedmann

A&P 02|2017

Herausgeber: MedMedia Verlag und Mediaservice GmbH
Publikationsdatum: 2017-03-17