Fortbildung zwischen Tradition und Innovation

ARZT & PRAXIS: Die „Gesellschaft der Ärzte in Wien“ wurde vor Kurzem 180 Jahre alt. Ein Blick in die Geschichte …

Hruby: Die Gesellschaft der Ärzte in Wien ist die älteste medizinische Gesellschaft Österreichs. Die Idee zur Gründung einer Gesellschaft mit dem Ziel der Förderung der Heilkunde als Kunst und Wissenschaft stammt von Franz Wirer, dem Leibarzt von Kaiser Franz I. Eine Vereinsgründung gestaltete sich zur Zeit Metternichs allerdings denkbar schwierig. Nichtsdestotrotz fand am 22. Dezember 1837 in der Universität Wien die lang erwartete Konstituierung der k.u.k. Gesellschaft der Ärzte in Wien statt. Erster Präsident wurde Johann Malfatti. Die Zahl der ordentlichen Mitglieder wurde seitens der damaligen Regierung zunächst auf 40 Personen eng begrenzt.
Im Jahr 1893 wurde unter der Präsidentschaft von Theodor Billroth das heutige Vereinshaus in der Frankgasse 8 eröffnet – allgemein als „Billrothhaus“ bekannt.
Zahlreiche berühmte Persönlichkeiten der Geschichte der Medizin, wie Ferdinand von Hebra, Sigmund Freud oder Karl Landsteiner, waren Mitglieder der Gesellschaft und präsentierten ihre bahnbrechenden Ideen erstmals in Sitzungen der Gesellschaft, so z. B. das erste öffentlich vorgestellte Röntgenbild (1896) oder die Entdeckung der Blutgruppenserologie (1901). Trotz der vielen unterschiedlichen Persönlichkeiten, die die Gesellschaft der Ärzte und das Billrothhaus in der Vergangenheit geleitet haben, standen die Freiheit und die Unabhängigkeit der Wissenschaft immer an erster Stelle und damit über tages- und standespolitischen Interessen.
Wer mehr über die Geschichte der Gesellschaft der Ärzte in Wien wissen möchte, dem sei das 2011 erschienene Buch von Karl Heinz Tragl mit dem Titel „Geschichte der Gesellschaft der Ärzte in Wien seit 1838“ empfohlen.

 

Sie sind seit 2015 Präsident der Gesellschaft der Ärzte in Wien. Welche Aufgaben haben Sie hier inne?

Als Präsident vertrete ich gemeinsam mit den beiden Vizepräsidenten Josef Schwarzmeier und Beatrix Volc-Platzer sowie dem Präsidium die wissenschaftliche Gesellschaft der Ärzte in Wien nach außen und nach innen. Die Gesellschaft ist als gemeinnütziger Verein organisiert. Das Billrothhaus ist im Besitz des Vereins. Die Gesellschaft hat ihren Sitz in Wien, ist österreichweit tätig und kooperiert auch international. Das Gesellschaftspräsidium trifft sich regelmäßig, um administrative und wissenschaftliche Themen zu besprechen und abzustimmen.
Neben dem Präsidium gibt es den Verwaltungssenat, dem aktuell 17 Ärzte aus mehreren Bundesländern angehören. Mit den Mitgliedern des Verwaltungssenats setzt sich das Präsidium mehrmals im Jahr zusammen, um die weitere Entwicklung, die Programmgestaltung und geplante Innovationen zu besprechen.
Ich bemühe mich, das Haus im Sinne der Gründerväter, aber dennoch zeitgemäß und zukunftsorientiert zu führen. Ein besonderes Anliegen sind mir die Öffnung zu allen gesundheitsassoziierten Berufen sowie eine effiziente Vernetzung auf allen Ebenen der Wissenschaft. Unsere Gesellschaft hat eine gute Kooperation mit der Österreichischen Ärztekammer sowie der Ärztekammer für Wien. Darüber hinaus sind wir eng mit nationalen und internationalen akademischen Einrichtungen vernetzt und arbeiten erfolgreich mit zahlreichen österreichischen Krankenhausträgern sowie mit allen medizinischen Universitäten und Fakultäten, insbesondere aus historischem Kontext mit der Medizinischen Universität Wien, zusammen.

 

Worauf konzentriert sich die Gesellschaft der Ärzte in Wien heute?

Unsere Hauptaufgabe sehen wir bis heute in der Fort- und Weiterbildung von Ärzten und Medizinern sowie in der Präsentation und Diskussion neuer medizinischer Forschungsergebnisse. Zu diesem Zweck organisieren wir regelmäßig wissenschaftliche Veranstaltungen, betreiben eine Bibliothek und produzieren Videos und E-Learning-Fortbildungen zur medizinischen Weiterbildung.
Aktuell hat die Gesellschaft der Ärzte in Wien 2.700 Mitglieder – Tendenz steigend. Neben der ordentlichen Mitgliedschaft bieten wir für Senioren und Studenten eine vergünstigte Mitgliedschaft an. Eine Mitgliedschaft bringt viele Vorteile (siehe Box).

 

Das Fortbildungsangebot der Gesellschaft der Ärzte in Wien ist sehr abwechslungsreich …

Das kann man wirklich sagen! Jährlich werden über 50 medizinisch-wissenschaftliche Veranstaltungen von der Gesellschaft selber organisiert. Darüber hinaus nutzen auch viele andere Fachgesellschaften und Institutionen das Billrothhaus für ihre Veranstaltungen. Bei speziellen Themen sowie bei Themen von allgemeinem Interesse kommen bis zu 100 Besucher. Vor allem Vorträge aus unserer Reihe „Medizin & Geschichte“ zu Themen wie „Frauen der Wiener Medizingeschichte“ oder „Die Wiener Medizinische Schule in den Nachkriegsjahren“ sind auch für Nichtmediziner von Interesse.
Grundsätzlich sind alle wissenschaftlichen Veranstaltungen der Gesellschaft der Ärzte in Wien öffentlich zugänglich und in der Regel auch DFP-approbiert. Durch die Teilnahme an Eigenveranstaltungen der Gesellschaft können Ärzte pro Jahr rund 100 DFP-Punkte erwerben. Darüber hinaus bieten wir als speziellen Service das sogenannte Billrothhaus.TV.

Was kann man sich darunter vorstellen?

Die Videoplattform Billrothhaus.TV wurde bereits 1998 – also lange vor YouTube – etabliert! Alle Eigenveranstaltungen der Gesellschaft der Ärzte in Wien werden aufgezeichnet und sind online zugänglich. Aktuell stehen unseren Mitgliedern auf Billrothhaus.TV fast 1.700 Beiträge zur Verfügung.
Seit Mitte Oktober 2017 sind auf Bill­rothhaus.TV für Mitglieder auch kompakte Zusammenfassungen aller Vortragsvideos der Eigenveranstaltungen als „Science Flash“ verfügbar. Der Science Flash enthält das Wichtigste in Kürze und bietet damit einen optimalen Überblick über die gesamte Veranstaltung. Weiters werden für alle Besucher der Website rund dreiminütige Kurzzusammenfassungen der einzelnen Veranstaltungen als Teaser-Videos angeboten. Der Teaser gibt einen kurzen Einblick, ohne zu viele Details vorwegzunehmen.
Ausgewählte Vorträge werden zu DFP-approbierten Video- bzw. E-Learning-Modulen weiterentwickelt. Diese qualitätsgesicherte, mobile Art der Fortbildung ist auf das zunehmend eingeschränkte Zeitbudget und die aktuellen Kommunikationsbedürfnisse der Ärzte abgestimmt. In diesem Bereich innovativer Weiterbildung möchten wir uns in Zukunft noch stärker als bisher engagieren.

Das Billrothhaus ist seit 125 Jahren Sitz der Gesellschaft der Ärzte in Wien, präsentiert sich aber dennoch sehr modern …

Im Billrothhaus lebt neben Tradition und Vergangenheit vor allem auch die Zukunft. In den vergangenen Jahren haben wir uns um eine Professionalisierung der Strukturen bemüht – mit Erfolg, wie ich meine. Zunächst galt es, ein Team talentierter und engagierter Mitarbeiter zusammenzustellen, um die Serviceleistungen des Billrothhauses, d. h. die elektronische Bibliothek, das Literaturservice sowie die wissenschaftlichen Veranstaltungen, auf konstant hohem Niveau anbieten zu können.
2015 haben wir mit der Sanierung des Hauses begonnen. Dank eines Lifteinbaus und der entsprechenden Sanierung der Sanitäranlagen ist das Bill­rothhaus heute barrierefrei. Das erfüllt uns mit großer Freude. Auch die Veranstaltungs- und Haustechnik wurde modernisiert. Neben Elektrik, Heizung und Klimatechnik wurde auch in die IT-Infrastruktur investiert: Es gibt einen modernen Datenserver, Glasfaser vom Keller bis zum Dach. Trotz Denkmalschutz verfügen Festsaal, Seminarraum, Bibliothek und Lesesaal über modernste Technik, die sowohl das Aufzeichnen als auch das Online-Streamen von Vorträgen erlaubt. Sämtliche Renovierungsarbeiten wurden bei laufendem Betrieb durchgeführt, termingerecht und ohne böse Überraschungen, was die Kosten betrifft. Wir haben gezeigt, dass in kurzer Zeit vieles möglich ist, wenn man es will. Getreu dem Motto: Nicht ankündigen, sondern machen! So habe ich es mein ganzes Leben lang gehalten.

 

Herausgekommen ist ein beliebtes und attraktives Tagungszentrum mit ehrwürdigem Ambiente …

Insgesamt finden im Billrothhaus etwa 200 Veranstaltungen pro Jahr statt. Die Formate reichen dabei von wissenschaftlichen Kongressen, Symposien, Seminaren und Workshops über Pressekonferenzen bis hin zu Festveranstaltungen, Weihnachtsfeiern und Musikabenden.
Je nach Art und Größe der Veranstaltung stehen verschiedene Räume zur Verfügung: Der Festsaal mit Galerie fasst beinahe 300 Personen. Hier finden größere, zum Teil auch internationale Kongresse sowie kulturelle und Musikveranstaltungen statt. Die Akustik in diesem Raum ist hervorragend – als enger Freund des Komponisten Brahms hat Billroth darauf besonderen Wert gelegt. Für kleinere Veranstaltungen oder Pressekonferenzen eignet sich der Seminarraum, die Bibliothek oder der Lesesaal.
Dem „Scientific Part“ folgt in der Regel ein „Social Part“: Bei geselligem Beisammensein und einem Glas Wein oder Bier können sich die Kollegen in angenehmer Atmosphäre austauschen und miteinander vernetzen. Im Billrothhaus kann das auch schon mal länger dauern, weil es bei uns bekanntlich sehr gemütlich ist. Man kann nicht nur der Wissenschaft dienen, man muss auch ja zum Leben sagen – das darf im Sinne der sozialen Kommunikation nicht zu kurz kommen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Danke für das Gespräch!

Interview mit: Univ.-Prof. Dr. Walter Hruby
AutorIn: Dr. Eva Maria Riedmann

A&P 01|2018

Herausgeber: MedMedia Verlag und Mediaservice GmbH
Publikationsdatum: 2018-02-12