Impfen – zwischen Individualismus und sozialer Verantwortung

Impfungen gehören sicherlich zu den wirksamsten Maßnahmen der Vorsorgemedizin. Dennoch wird das Thema Impfen zunehmend kontrovers diskutiert. Unter dem Motto „Gesunde Gesellschaft – gehört Impfen (noch) dazu?“ beleuchtet der kommende Österreichische Impftag 2017, was Impfprogramme zur Gesundheitsförderung beigetragen haben und was sie künftig erreichen können und sollen.
Dazu Keynote Speaker Univ.-Prof. Dr. Ole Wichmann (Genf): „Impfungen sollen primär die geimpfte Person vor Erkrankungen sowie deren möglichen Folgen schützen, wie z. B. lebenslangen neurologischen Defiziten, Krebs oder Tod. Durch breit angelegte Impfprogramme und hohe Impfquoten kann darüber hinaus ein erheblicher Nutzen für die Bevölkerungsgesundheit erreicht werden, bis hin zur vollständigen Elimination einzelner Krankheiten. Zu den impliziten Effekten gehört die ­Reduktion von Kosten im Gesundheitssystem und einer in vielen Ländern bestehenden sozialen Ungleichheit von Krankheitsrisiken sowie der Entwicklung von Antibiotikaresistenzen.“
Der von der Österreichischen Akademie der Ärzte in Kooperation mit MedUni Wien, ÖÄK, ÖAK, ÖGKJ und ÖLPM veranstaltete Österreichische Impftag findet am 14. Jänner 2017 von 8.00 bis 17.00 Uhr im Austria Center Vienna statt. Die Fachtagung und Fortbildungsveranstaltung richtet sich an alle im Gesundheitsbereich tätigen Personen (z. B. Ärzte, Apotheker, Arztassistenten, pharma­zeutisch-kaufmännische Assistenten, Diplompflegepersonal, Hebammen und Studenten).

Neuerungen im Impfplan

Wie jedes Jahr werden seitens des Gesundheitsministeriums die Neuerungen im Österreichischen Impfplan sowie die Erfassung der nationalen Durchimpfungsraten präsentiert. Dazu Priv.-Doz. Dr. Pamela Rendi-Wagner (Wien): „Der Impfplan 2017 wurde neu gegliedert und aktualisiert, wobei die wichtigste Neuerung schon im Sommer 2016 erfolgt ist: Das kostenfreie Impfprogramm wurde um die Neunfach-Impfung gegen humane Papillomaviren erweitert, womit wir Vorreiter in Europa sind.“
Aufmerksam machte Österreich leider auch mit der europaweit zweithäufigsten Masern-Inzidenzrate im Jahr 2015, wie Rendi-Wagner berichtet: „Aus diesem Grund wurden die nationalen Masern-Durchimpfungsraten von uns genauer analysiert und es hat sich gezeigt, dass Kinder in Österreich derzeit oft zu spät und auch unvollständig (nur einmalig) geimpft werden. Auf das WHO-Ziel der 95%-Durchimpfungsrate mit zwei Dosen fehlen pro Jahr fast 4.500 Kinder, die nicht geimpft sind, und fast 17.000 Kinder, die eine zweite Impfung benötigen. Zusätzlich ist über eine halbe Million der 15- bis 30-Jährigen noch kein zweites Mal gegen Masern geimpft.“

Impfen – ethische Aspekte

Das Thema Impfen aus ethischer Sicht wird von Univ.-Prof. DDr. Matthias Beck (Wien) in seinem Vortrag „Gesundheit – ein individuelles oder gemeinschaftliches Ziel?“ behandelt. „Neben Hygienemaßnahmen haben Impfungen z. B. gegen Pocken, Polio, Masern, Mumps, Diphtherie und Tetanus weltweit zu einem Rückgang der Sterblichkeit und Erkrankungen geführt. Über den Schutz des Individuums hinaus geht es auch um eine Herdenimmunität, die viele Menschen betrifft. Damit hat Impfen auch eine soziale Dimension“, erklärt Beck. „Derzeit ist die Durchimpfungsrate stark rückläufig. Ethisch geht es dabei um den Konflikt zwischen dem Kindeswohl, dem Recht der Eltern, ihre Kinder nach eigenen Vorstellungen zu erziehen, und der sozialen Verantwortung für eine ganze Gesellschaft“, so Beck.
Für die wissenschaftliche Leiterin des Österreichischen Impftags, Univ.-Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt (Wien), stellt sich die Frage: „Ist eine immer individualistischer denkende Gesellschaft heute noch bereit, einen Beitrag für die Allgemeinheit zu leisten – nach dem Motto: Ich lasse mich auch deshalb impfen, damit ich andere nicht anstecke?“ Das hält sie für ein ganz besonders spannendes Element des kommenden Impftags.

Weitere Fragestellungen

Ebenfalls interessant ist das Thema Ernährung, also wie sich Fast Food oder vegane Kost auf unser Immunsystem und damit auf die Effektivität von Impfungen auswirkt. „Der Ernährungs­aspekt wird viel zu selten im Kontext mit Impfungen beleuchtet, hat aber laut neuester wissenschaftlicher Daten eine besondere Bedeutung für unser Mikrobiom und das Immunsystem“, betont Wiedermann-Schmidt.
Außerdem besprochen werden typische Schulimpfungen, die Integration von Impfungen in das Arbeitsleben, Angst/Skepsis vor Impfungen u. v. m.
Beim Österreichischen Impftag 2017 wird in geballter Form das Neueste zum Thema Impfen vermittelt, für den Besuch der Veranstaltung gibt es 8 DFP-Punkte.

Online-Anmeldung und Information: www.impftag.at

AutorIn: Dr. Eva Maria Riedmann

A&P 10|2016

Herausgeber: MedMedia Verlag und Mediaservice GmbH
Publikationsdatum: 2016-12-16