So muss Fortbildung sein: ausgewogen, korrekt und aktuell

ARZT & PRAXIS: Herr Professor Moschen, Sie sind Oberarzt an der Innsbrucker Universitätsklinik für Innere Medizin I. Wo liegen die Schwerpunkte Ihrer Arbeit bzw. Ihrer Forschung?

Moschen: Meine Jobbezeichnung lautet „Senior Scientist“ und meine Arbeit besteht im Wesentlichen aus drei Säulen: der klinischen Versorgung meiner Patienten, der Lehre an der Universität sowie der Forschung. Einen größeren Teil meiner Zeit nimmt die Klinik in Anspruch und das ist gut so, denn letztlich bin ich Arzt und der Patient liegt mir am Herzen. Medizin kann man nicht planen, hier ist eine gewisse Flexibilität gefragt.
Als Gastroenterologe beschäftigen mich sämtliche Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes, mein Schwerpunkt liegt auf chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, wie Colitis ulcerosa und Morbus Crohn. Außerdem leite ich eine Spezialsprechstunde für Zöliakie.
Was die Lehre betrifft, so unterrichte ich sowohl Inhalte der Inneren Medizin als auch molekulare Grundlagen der Medizin. Neben Vorlesungen und Praktika im Rahmen des Studiums der Medizin bzw. der molekularen Medizin sowie unterschiedlicher PhD-Programme betreue ich auch KPJ-Studenten, Diplomanden und Dissertanten.
Weiters leite ich ein relativ großes Forschungslabor mit derzeit acht Mitarbeitern, wo vor allem Grundlagenforschung betrieben wird. Der Einfluss des Mikrobioms in der Physiologie und Pathophysiologie ist hier einer meiner Interessenschwerpunkte – ein überaus spannendes Feld!

Regelmäßige Fortbildung ist im Bereich der Medizin unerlässlich. Sind sich die Ärzte dessen bewusst?

Ich denke schon, dass sich die Ärzte dessen bewusst sind. Wir leben momentan in einer herausfordernden, aber zugleich extrem spannenden Zeit. Wenn man sich vor Augen führt, was sich in den letzten Jahren in der Medizin getan hat, muss man sagen, dass es vor allem auch für Patienten eine sehr gute Zeit ist. Es tut sich viel, die Fortschritte sind ­keine kleinen Schritte, sondern Meilensteine. Es ist wichtig, dass dieses Wissen um neue Möglichkeiten möglichst alle Kollegen erreicht. Neue Möglichkeiten bringen immer neue Herausforderungen für Arzt und Patient. Gerade deshalb ist eine regelmäßige Fortbildung unverzichtbar.

Engagieren Sie sich persönlich im Bereich der ärztlichen Fortbildung?

Ja, natürlich! Als Universitätslehrender und Forscher repräsentiere ich natürlich mein Fachgebiet und werde häufig gebeten, Vorträge und Fortbildungen zu halten. Die Palette reicht hier von Studentenvorlesungen während der Ausbildung angehender Ärzte über kleine lokale Fortbildungsveranstaltungen, z. B. an unserer Klinik, bis hin zu größeren nationalen Tagungen verschiedener medizinischer Gesellschaften oder der Ärztekammer wie auch internationalen Großkongressen.
Die Verbreitung von Wissen ist ein ganz zentraler Teil meines Jobs und ich mache das gerne. Persönlich profitiere ich insofern davon, als man als Vortragender durch seine Vorbereitungen auf die Präsentation und die Diskussionen rundherum stets selbst sehr viel lernt.

Viele Fortbildungsangebote werden in Österreich finanziell von der Industrie unterstützt. Sehen Sie das als Problem?

Meines Erachtens wird seitens unterschiedlicher Interessenvertretungen häufig versucht, komplexe Sachverhalte, wie die Kooperation zwischen (klinischen) Ärzten und Industrie, nur schwarz oder weiß zu sehen. Es gibt – wie in allen Bereichen des Lebens – auch hier extreme Positionen: Manche Kollegen lehnen eine Kooperation komplett ab, andere wiederum nutzen Situationen aus und lassen sich zu Dingen hinreißen, die sich sicher nicht gehören. Aber diese Extrempositionen werden nur von ganz wenigen Ärzten eingenommen, im Großteil der Fälle läuft die Zusammenarbeit zwischen Industrie und Ärzten meiner Erfahrung nach völlig korrekt und unproblematisch ab. Ich vergleiche das gerne mit der Gauß’schen Glockenkurve, die nach links und rechts sehr dünn wird – dort würden sich die schwarzen Schafe befinden. Die allermeisten Ärzte befinden sich aber im großen mittleren Bereich der Kurve und halten sich an die Spielregeln. Und diese Spielregeln werden zunehmend strenger und komplizierter.
Problematisch wäre es für mich, wenn sich Firmen in Inhalte der von ihnen unterstützten Fortbildung einmischen. Das ist ein No-Go! Ich halte, wie gesagt, sehr viele Vorträge zu verschiedenen Themen aus meinem Fachgebiet, sowohl bei Veranstaltungen der Akademie der Ärzte, wie z. B. den Ärztetagen, als auch im Rahmen des einen oder anderen firmengesponserten Symposiums. Selbst wenn die Thematik vorgegeben ist, so kann ich mich nicht erinnern, dass mir irgendwann jemand vorgeschrieben hätte, welche Inhalte ich bringen soll oder darf. Bei einem Vortrag vertrete ich eine durchaus persönlich gefärbte Note der internationalen Fachmeinung, ungeachtet dessen, ob diese Meinung den Vorstellungen der unterstützenden Firmen entspricht.

Sehen Sie eine Alternative zur ­Unterstützung durch die Industrie?

Wenn man sich an die Spielregeln hält, so gibt es durchaus sinnvolle Kooperationen und Synergien zwischen Industrie und Ärzten, sowohl die Forschung und Entwicklung als auch die Fortbildung betreffend. Gerade im Bereich der ärztlichen Fortbildung besteht ja der Widerspruch, dass diese einerseits verpflichtend ist, aber gleichzeitig durch keine ausreichenden Fördermodelle finanziert wird. Im Gegenteil – überall wird eingespart.

Stichwort Spielregeln: Ist die ­Zusammenarbeit von Ärzten und ­pharmazeutischen Unternehmen durch die „Transparenzinitiative“ der Pharmig ausreichend geregelt?

Diese Initiative sieht unter anderem vor, dass pharmazeutische Unternehmen geldwerte Leistungen im Zusammenhang mit Forschung und Entwicklung, Spenden und Förderungen, Veranstaltungen sowie Dienst- und Beratungsleis­tungen samt Auslagen offenlegen. Für eine individuelle Offenlegung ist das Einverständnis des Arztes einzuholen; wenn dieser sein Einverständnis nicht gibt, ist die Veröffentlichung in aggregierter Form vorzunehmen.
Prinzipiell bin ich natürlich für Transparenz, ich sehe das Ganze aber auch kritisch. Jede persönliche Zuwendung, die ich bekomme, jede Honorarnote, die ich schreibe, wird dem Finanzministerium gemeldet. Die wissen also ganz genau, wie viel ich wo und wann verdiene. Ob das auch jeder andere wissen muss, kann man gerne diskutieren. Wenn es so ist, dann sollte es jedenfalls nicht nur für Ärzte gelten, sondern für alle anderen Berufsgruppen auch – angefangen bei jedem einzelnen Politiker. Wenn „offenes Konto“, dann für alle! Da bin ich dann gerne auch mit dabei.

Die Zahl der Fortbildungsanbieter steigt stetig. Was ist bei der ­Approbation von DFP-Veranstaltungen bzw.­ DFP-Beiträgen zu beachten?

Wenn man eine Fortbildungsveranstaltung plant und diese approbieren (d. h. mit DFP-Punkten versehen) lassen möchte, muss man zunächst alle wichtigen Eckpunkte bekannt geben. Dazu gehören u. a. Titel und Ort der Veranstaltung, Inhalte und Zielgruppe. Die DFP-Approbatoren der österreichischen Ärztekammer beurteilen dann, ob eine Fortbildung als DFP-Veranstaltung eingestuft werden kann und die Qualitätskriterien des DFP erfüllt. Sobald wir eine Veranstaltung außerhalb der Klink durchführen möchten, sind wir auf unterstützende Partner angewiesen, die z. B. die Miete für die Räumlichkeiten übernehmen. Bei gesponserten Veranstaltungen prüfen die DFP-Approbatoren besonders streng: Sind die Inhalte unbeeinflusst und ausgewogen? Liegt die inhaltliche Gestaltung der Fortbildung in der alleinigen Verantwortung des ärztlichen Anbieters bzw. der Referenten? Das ist wichtig und wird auch genau geprüft.
Wenn ich einen DFP-Beitrag von einem Kollegen als Reviewer gegenlese oder als ärztlicher ­Leiter fungiere, dann schaue ich vor allem auf die Ausgewogen­heit sowie darauf, dass die fachlichen Inhalte korrekt und ausgewogen sind und den neuesten Stand des Fachgebietes widerspiegeln. Die Inhalte müssen natürlich auch den nationalen oder internationalen Richtlinien für Diagnostik oder Therapie in dem bearbeiteten Fachbereich entsprechen. Darf in so einem Artikel die persönliche Meinung des Autors zum Ausdruck kommen? Ich meine: Auf alle Fälle, solange sie klar als solche deklariert ist! Man kann sogar sehr davon profitieren, wenn Ärzte mit viel eigener klinischer Erfahrung ihr Wissen und ihren Erfahrungsschatz weitergeben.

Worauf müssen Referenten bzw. Autoren von DFP-Fortbildungen achten?

Im Prinzip müssen sie einfach darauf achten, dass die oben genannten Punkte erfüllt sind. Die Inhalte – egal, ob gesprochen oder geschrieben – müssen ausgewogen, korrekt und aktuell sein, und zwar unabhängig davon, ob die Fortbildung mit oder ohne Industriesponsor zustande kommt. Ich denke, als Referent und Autor ist man nur dann glaubwürdig, wenn man eine klare Linie vertritt, und nicht, wenn man einmal das und beim nächsten Mal etwas ganz anderes sagt.

Was kennzeichnet Ihrer Meinung nach eine gute Fortbildung?

Im klinischen Bereich höre ich gerne Ärzten zu, die selbst viel klinische Erfahrung aufweisen können und regelmäßig Patienten sehen. So jemand kann auf spontane Fragen sowohl wissenschaftlich also auch klinisch fundierte Antworten geben und nicht nur das vorlesen, was auf den Folien der Präsentation steht. Im wissenschaftlichen ­Bereich ist für mich spannend und lehrreich, wie Top-Wissenschafter komplexe Daten aufbereiten und ­präsentieren.
Fortbildung für niedergelassene Ärzte muss meines Erachtens etwas anders aufgebaut sein. Das Leben lässt sich in der Praxis nicht immer in Leitlinien pressen. Ich versuche, wenn möglich, bei meinen Vorträgen Fälle aus der Praxis zu bringen – so, wie sie ­prinzipiell jeder Kollegin und jedem Kollegen unterkommen könnten. Anhand dieser Fälle versuche ich dann, das Fachgebiet aufzudröseln und aufzuarbeiten – eine fallbasierte Fortbildung sozusagen. Das finde ich sinnvoll und praxisrelevant.

Welche Art der Fortbildung bevorzugen Sie persönlich?

Für mich ist das Lesen von Original­publikation zentral, eben weil ich selbst viel schreibe und Vorträge halte. Ich lese gerne und viel. Was ich außerdem sehr mag: gute Präsentationen mit der anschließenden Möglichkeit zum persönlichen Austausch. Deshalb gehe ich regelmäßig auf Fachkonferenzen aus meinem Gebiet. So erfahre ich viel über neue, noch nicht publizierte Daten und Studien sowie die Interpretation von Daten durch diejenigen, die eine Studie geplant haben. Das ist sehr spannend.
E-Learning nutze ich persönlich eigentlich nicht, ich war aber schon in die Entwicklung von E-Learning-Tools involviert und muss sagen: Ein gutes E-Learning-Tool zu machen ist alles andere als einfach und erfordert unglaublich viel Arbeit und Mühe. Im Bereich der DFP-Fortbildung kann E-Learning durchaus sinnvoll sein, weil es zeit- und ortsunabhängig ist, aber ich halte mehr von persönlicher Interaktion.

Das Jahr 2016 steht beim MedMedia Verlag unter dem Motto „Wertschätzung und Anerkennung“. Was verbinden Sie als Arzt mit diesen Schlagworten?

Im österreichischen Gesundheitssystem gibt es teilweise sehr hierarchische Strukturen. Einige wenige gestalten und treffen Entscheidungen, die dann von vielen anderen umgesetzt und „ausgebadet“ werden müssen, ohne dass diese vorab dazu befragt worden wären. Die wichtigen Entscheidungen werden primär aus wirtschaftlichen Gründen getroffen (natürlich nicht als solche deklariert), was nur durch eine weitere Verdichtung eines ohnehin schon extremen Arbeitspensums möglich ist. Das schafft natürlich eine gewisse Unzufriedenheit und Frustration bei allen im Gesundheitswesen Tätigen. Ich höre oft, dass Kollegen das Gefühl verlieren, „Teil eines Größeren“ zu sein, und vielmehr meinen, „vom System ausgenutzt“ zu werden.
Es gibt dann diejenigen, die damit umgehen können und weiter ihre Arbeit tun, die sich sagen, ich bin nicht auf die Wertschätzung meines Dienstgebers angewiesen, wichtig ist mir allein die Wertschätzung meiner Patienten. Und dann gibt es andere, die dieses Spiel auf Dauer nicht mitmachen wollen, frustriert sind und lieber ins Ausland oder in die Praxis gehen. Was viele der Verantwortlichen nicht verstehen, ist, dass ein Arzt mit 25 Jahren Berufserfahrung auf seinem Gebiet nicht einfach ersetzbar ist und dass jeder Weggang eine durchaus schwer zu schließende Lücke im System hinterlässt.
Persönlich sehe ich als Arzt meine primäre Aufgabe in der Versorgung der Patienten. Wenn der Patient zufrieden bei mir hinausgeht und sein Leben nun zumindest besser ist, als es vorher war, dann ist das für mich Wertschätzung genug. Auch die Lehrtätigkeit und vor allem meine Wissenschaft machen ­meinen Alltag abwechslungsreich und spannend. Das hält meine Frustration über das System und die schwierigen neuen Regelungen – z. B. das Arbeitszeitgesetz – in Grenzen. Das sehen viele Kollegen so und nur deshalb funktioniert das System noch in der Art und Weise, wie es derzeit läuft.
Österreich ist ein gutes Land zum Leben. Unseren Patienten stehen viele Therapieoptionen zur Verfügung und ­niemand schreibt uns Ärzten vor, wie wir unsere Patienten behandeln sollen. Oft wird von einer Zwei-Klassen-Medizin ­geredet, was ich nicht bestätigen kann. Vielleicht gibt es das manchmal im operativen Bereich mit Wartezeiten, aber im Wesentlichen bekommt in Österreich jeder – egal aus welcher Einkommens- oder Bildungsschicht – dieselben Therapien. Das ist ein Luxus, den es in vielen anderen Ländern nicht gibt und den es zu erhalten gilt. Und natürlich ist es zentral, den Standort Österreich auch für Ärzte, sowohl niedergelassene als auch angestellte, attraktiv zu halten und keine Situation zu schaffen, in der jeder nur noch die Flucht ins Ausland antreten möchte.

 

Vielen Dank für das Gespräch!
Interview mit: Univ.-Prof. Dr. Alexander Moschen

Universitätsklinik für Innere Medizin I, Innsbruck


AutorIn: Dr. Eva Maria Riedmann

A&P 10|2016

Herausgeber: MedMedia Verlag und Mediaservice GmbH
Publikationsdatum: 2016-12-16