Neue internistische Ausbildungsordnung – Spezialisierung auf breiter Basis

ARZT & PRAXIS: Seit 1. 6. 2015 wird die Ausbildung zum Facharzt in Österreich gemäß ÄAO 2015 absolviert. Was hat sich im Bereich der Ausbildung zum Internisten getan und was muss sich noch tun?

Univ.-Prof. Dr. Herbert Watzke: Die internistische Ausbildung hat – wie alle anderen Fachausbildungen – 2015 einen riesigen Schritt nach vorne gemacht. Das betrifft vor allem die Qualität. Früher hat der Primararzt die Ausbildung bzw. die Ausbildungszeit bestätigt. Ausbildungsinhalte wurden zwar vorgegeben, waren aber in großen Überschriften gehalten, damit sehr wenig strukturiert und schlecht nachvollziehbar. In anderen Ländern wurden die erworbenen Kompetenzen schon lange vor 2015 in Kenntnisse, Erfahrungen und Fertigkeiten unterschieden und Letztere auch mit Fallzahlen abgebildet. Diese sind nun auch in Österreich im Zeugnis implementiert. International ergänzt man jetzt allerdings die Fallzahlen durch eine individuelle Beurteilung durch den Ausbildner, was sicherlich noch aus-sagekräftiger ist. Die Einführung der Fallzahlen in Österreich war aber notwendig, um überhaupt ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass Ausbildungsinhalte nachweisbar erledigt werden müssen. Das Zurückgreifen auf die persönliche Einschätzung eines Tutors und nicht die Betrachtung der Fallzahlen allein ist etwas, was aber in Zukunft in diesem Kontext eine größere Rolle spielen wird.

Gibt es auch Kritik an diesem neuen System mit Rasterzeugnis und Fallzahlen?

Ein Problem der Fallzahlen ist, dass sich die Notwendigkeit verschiedener Ausbildungsinhalte laufend verändert. So wurden z. B. 2015 Fallzahlen für Ergometrie festgelegt, die zur Herzinfarktdiagnostik und zur Blutdruckeinstellung, aber auch zur Abklärung einer Angina Pectoris damals eine große Rolle gespielt haben. Seither hat die Ergometrie aber völlig an Bedeutung verloren; sie wird kaum mehr durchgeführt und wurde durch andere Untersuchungen ersetzt. Trotzdem braucht der Auszubildende nach wie vor hohe Fallzahlen. Dieser Umstand wird von vielen Ärzten beklagt. Er war aber 2015 noch nicht absehbar, sondern ist letztlich der dynamischen Entwicklung der Medizin geschuldet.

Wie oft werden diese Rahmenbedingungen und Fallzahlen evaluiert bzw. adaptiert?

Nachdem das ein schwieriger Prozess ist, selten. Jede Fallzahländerung braucht eine Ärztenovelle. Zu häufige Änderungen sind einfach schwer zu verwalten. Es ist aber generell kein großes Problem und betrifft nur einzelne Bereiche.

Wo liegen die Unterschiede zwischen der alten und der neuen Ausbildungsordnung?

Früher lag die Ausbildungszeit bei 6 Jahren Innere Medizin und anschließend optional 2 Jahren Spezialisierung in einem internistischen Additivfach. Das war nicht mehr zeitgemäß – in 2 Jahren kann man heute nicht (mehr) z. B. die Kardiologie erlernen. Jetzt folgen auf 3 Jahre Innere Medizin (Sonderfach-Grundausbildung) 3 Jahre, in denen man sich spezialisiert (Sonderfach-Spezialausbildung). Diese Änderung war sowohl inhaltlich als auch strukturell notwendig. Es wurde dabei zu Unrecht beklagt, dass mit diesem System die internistische Spezialisierung vorangetrieben wurde und der breit ausgebildete Internist damit verloren gegangen wäre. Ganz im Gegenteil, mit der neuen Ausbildungsordnung wurde ein völlig neuer Allgemeininternist geschaffen: Nach 3 Jahren Innere Medizin (Sonderfach-Grundausbildung) werden in den 3 weiteren Jahren individuell unterschiedliche spezielle internistische Fertigkeiten erworben, wie z. B. eine Routine-Koloskopie oder eine 24-h-EKG-Befundung, die bisher verschiedenen internistischen Additivfächern vorbehalten waren. Der Allgemeininternist hat dadurch jetzt viel mehr Kompetenzen als früher und entlastet damit die internistischen Spezialisten.

Wie ist das Feedback von den Ärzten in Ausbildung und was dürfen wir von den ersten Absolventen erwarten?

Anfangs wurde die alte Ausbildung von den Auszubildenden noch ein bisschen besser beurteilt. Mit der zunehmenden Zeitdauer der Etablierung der neuen Ausbildungsordnung hat sich diese Situation umgekehrt und die neue Ausbildung liegt in der Bewertung zuletzt leicht vorne. Die Noten, welche die Auszubildenden vergeben, liegen insgesamt in einem guten Bereich: Bei Kollegen in der Ausbildung zum Facharzt (alle Fächer) liegt die abgegebene Wertung nach Schulnotensystem bei 2,3 und bei der allgemeinmedizinischen Ausbildung bei 2,4. Es gibt zwar sicher Verbesserungsmöglichkeiten, wir sind aber prinzipiell auf einem guten Weg.
Wie sich die Ausbildung in der Praxis niederschlägt, lässt sich noch schwer beurteilen.

Kann man einen Wandel hinsichtlich der Ausbildungskultur erkennen – in Richtung der Situation im Klinisch- Praktischen Jahr (KPJ), wo es ein Mentorensystem gibt?

Ein Mentoring, das vor allem in größeren Ausbildungsstätten zur Orientierung und Anleitung der Auszubildenden hilfreich wäre, ist hier der nächste Schritt, der aber auch ganz unabhängig von der Ärzteausbildungsordnung gesetzt werden kann.

Ist eine individuelle Ausbildung nicht auch schlicht ein Ressourcenthema? Der ausbildende Facharzt muss ja freigespielt sein …

Es ist deshalb das Zahlenverhältnis von Ausbildenden und Auszubildenden vom Gesetzgeber vorgegeben. Natürlich muss der Ausbildner dafür auch Zeit bekommen. Dabei hilft es, dass aktuell eher ein Mangel an Jungärzten besteht. Die jungen Kollegen fordern eine gute Ausbildung und gehen dorthin, wo diese auch geboten wird. Die Verantwortlichen in den Krankenanstalten haben das auch bemerkt und sind motivierter, in diesen Bereich etwas zu investieren – zumindest mehr, als das noch vor zehn Jahren der Fall war. Man muss daher heute als Leiter eines Krankenhauses auch darauf achten, dass der Ausbildung – gerade auch in der täglichen Routine – nun ein höherer Stellenwert beigemessen werden muss.

Wie beurteilen Sie die Rolle der Basisausbildung?

Ich sehe die Basisausbildung kritisch. Zu dem Zeitpunkt, als sie entworfen worden ist, gab es noch kein KPJ. Dadurch sind die Studierenden mitunter mit schlechten praktischen Skills ins Krankenhaus gekommen. Die Einführung des KPJ hat aber die Situation grundlegend verändert: Seither kommen die Studierenden mit so viel praktischer Vorerfahrung aus ihrem Studium an die Krankenhäuser, dass sie sofort im klinischen Betrieb eingesetzt werden können. Eine weitere Ausbildung in den „Basics“ brauchen sie eigentlich nicht mehr.

Die jetzige Basisausbildung hat natürlich auch einen Wert: Man kann damit u. a. etwa die Abläufe und Gegebenheiten im eigenen Krankenhaus kennenlernen und dadurch eine wertvolle Orientierung erhalten. Außerdem sind mit der Einführung der Basisausbildung die sogenannten Gegenfächer weggefallen, wodurch in vielen Fächern Ausbildungszeit im eigenen Fach gewonnen wurde. Die vorgegebene Ausbildungszeit von 9 Monaten ist aber meines Erachtens dennoch zu lang.

Was bedeutet die Ausbildungsreform für Fachärzte mit Additivfach?

Für sie ändert sich durch die neue Ausbildungsordnung gar nichts. Sie sind den Absolventen der entsprechenden neuen internistischen Sonderfächer gleichgestellt.

Wo liegen hier die Grenzen? Darf ein Gastroenterologe jetzt kein EKG mehr befunden?

Selbstverständlich darf er das! Die grundlegenden internistischen Fertigkeiten, zu denen etwa EKGs, aber z. B. auch die Durchführung und Befundung einer Abdomensonografie, einer Spirometrie, eines 24-h-EKG und vieler weiterer Untersuchungen zählen, erlernt man in der Sonderfach-Grundausbildung, die alle Internisten durchlaufen müssen. Das ist einer der größten Fortschritte, welche die neue Ausbildungsordnung der InternistInnen mit sich gebracht hat.

Vielen Dank für das Gespräch!
Interview mit: Univ.-Prof. Dr. Herbert Watzke

Vorstand der Univ.-Klinik für Innere Medizin I, Medizinische Universität Wien


AutorIn: Dr. Sebastian Pokorny

A&P 08|2020

Herausgeber: MedMedia Verlag und Mediaservice GmbH
Publikationsdatum: 2020-10-02