Personalisierte Medizin – personalisierte Impfungen?

ARZT & PRAXIS: Sie sind Universitäts­professorin für Vakzinologie (Impfwesen) an der Medizinischen Universität Wien, außerdem Gastprofessorin an der Universität Göteborg in Schweden. Wo liegen Ihre Forschungsschwerpunkte?

Wir beschäftigen uns mit der Entwicklung von Impfstoffen und der Charakterisierung von Impfantworten, sowohl gegen verschiedene Infektionskrankheiten als auch gegen Krebs, Allergien oder andere Grunderkrankungen. Im Zuge vieler Impfstudien konzentrieren wir uns in den letzten Jahren auch darauf, die immunologischen Ursachen für Impfversagen bei diversen Personengruppen zu ergründen. Impfversagen kann bei Gesunden vorkommen, aber vor allem bei Personen mit Grundkrankheiten und älteren Menschen. Diese Studien sind wichtig, um verbesserte Impfstoffe oder bessere Impfstrategien entwickeln zu können. Ein weiterer Schwerpunkt unserer Forschung ist die Testung neuer Adjuvanzien (Wirkverstärker in Impfstoffen), auch solcher, die über Schleimhäute verabreicht werden können. Heute wird hauptsächlich Aluminiumhydroxid verwendet, aber es gibt einige andere Substanzen, die das Immunsystem besser oder differenzierter ansprechen können

Auch gesundheitspolitisch engagieren Sie sich in Österreich. Welche Aufgaben übernehmen Sie in diesem Bereich?

Ich arbeite seit über 10 Jahren im nationalen Impfgremium (früher Impfausschuss) mit, das das Gesundheitsminis­terium in allen Impffragen berät – seit 2011 als Vorsitzende sowie als Mitglied des OSR. Eine der Kernaufgaben des Impfgremiums ist die Erstellung des österreichischen Impfplans. Dieser wird jedes Jahr neu evaluiert und ­überarbeitet. Wir überlegen, wie neue Impfstoffe entsprechend der bestehenden Evidenzlage optimal in den Impfplan integriert werden können, und beraten das Minis­terium, welche Impfungen zu priorisieren sind, falls nicht alle finanzierbar sind. Wichtige Diskussionspunkte für 2016 sind unter anderem eine stärkere Empfehlung für den Meninogokokken-B-Impfstoff, die Impfstrategie mit einem höhervalenten HPV-Impfstoff (der 2016 in Österreich erhältlich sein soll) oder auch klarere Empfehlungen für die Impfversorgung von Personen ohne Impfdokumentation – das sind im Zuge der vermehrten Flüchtlingsströme und Migration zunehmend Situationen in der täglichen Praxis.

Im Jänner 2016 findet der Impftag bereits zum zweiten Mal unter Ihrer wissenschaftlichen Leitung statt. Gibt es Veränderungen gegenüber letztem Jahr?

Neu im kommenden Jahr ist der Veranstaltungsort, der Impftag 2016 wird im Austria Center stattfinden. Der Grund ist ein erfreulicher: die stetig wachsenden Teilnehmerzahlen. 2015 lagen diese bei fast 800 und wir konnten/durften nicht mehr Anmeldungen annehmen. 2016 möchten wir keine Teilnehmer­restriktionen mehr haben. Das Austria Center bietet auch für große Gruppen hochwertige Räumlichkeiten und professionelle Technik. Trotz der hohen Besucherzahlen versuchen wir, ohne Parallelsessions auszukommen. Meine Erfahrung ist, dass die Dynamik und die Diskussionen besser sind, wenn das Publikum zusammengehalten wird. Nur in der Mittagspause bieten wir 2 Workshops parallel an, um dort in der Praxis häufig gestellte Fragen und Probleme zu behandeln. Der Österreichische Impftag ist als erster Impftag im Jahr richtungsweisend und soll daher auch viele Besucher und Kollegen aus den Bundesländern anziehen, denn hier werden alle Neuheiten und wissenschaftlichen Ströme am Impfsektor zuerst bekannt gegeben und brisante Themen sowie neue Forschungserkenntnisse in praxisnaher Weise diskutiert. Im Laufe des Jahres folgen dann weitere Impftage in einigen Bundesländern, die zusätzlich praxisorientierte Fortbildung anbieten.

Wer sollte den Impftag besuchen?

Prinzipiell sprechen wir Ärzte, Apotheker und alle im Gesundheitswesen tätigen Personen an. Außerdem sind wir mehr und mehr bemüht, auch Personen, die in sozialen Einrichtungen, Pflege- oder Hebammendiensten arbeiten und mit dem Impfwesen konfrontiert sind, zu erreichen. Eine Kluft zwischen Ärzten, Apothekern und anderen im Gesundheitswesen arbeitenden Personen halte ich nicht für gut, im Gegenteil: Eine gute Zusammenarbeit ist ganz ­essenziell! Ziel ist es, allen denselben „State of the Art“-Wissensstand zu vermitteln, sodass einheitliche und richtige Informationen weitergetragen und die Botschaften, die z. B. über das Internet verbreitet werden, richtig interpretiert werden können und nicht zu Verunsicherungen führen.

Der Impftag 2016 steht unter dem Motto „Personalisierte Medizin – personalisierte Impfungen?“ Was kann man sich darunter konkret vorstellen?

Die personalisierte Medizin hat in den letzten Jahren in vielen Disziplinen Einzug gehalten. Man hat erkannt, dass man mehr auf das Individuum eingehen und maßgeschneiderte Therapiekonzepte erstellen muss. Das Thema beim Impfen ist hier mit Fragezeichen versehen, weil man es nicht fehlinterpretieren darf. Gemeint ist nicht, dass sich jeder aussuchen soll, welche Impfung für ihn richtig oder nicht richtig ist. Aufgrund des demografischen Wandels in den letzten Jahrzehnten ist jedoch ein einheitliches Konzept nicht mehr für alle Personengruppen passend. Eines der Hauptziele des Impftages ist es, herauszuarbeiten, wann es notwendig ist, Impfprogramme für eine gesamte Alters­gruppe umzusetzen (Stichwort: Kinderimpfprogramm), und wann man individueller vorgehen muss, z. B. bei älteren oder chronisch kranken Personen oder auch Frühgeborenen, deren Immun­system schwächer oder anders funktioniert. Auf den ersten Blick scheint das vielleicht widersprüchlich, in Wirklichkeit sind das aber Konzepte, die in unserer heutigen Gesellschaft vermehrt parallel laufen müssen, um die best­mögliche Versorgung der Bevölkerung garantieren zu können.

Welche Themen werden diesmal im Vordergrund stehen? Nach welchen Kriterien wurden diese ausgewählt?

Unser Programmkomitee setzt sich aus Impfexperten aus verschiedensten Disziplinen zusammen. Wir haben versucht, einen Bogen zu spannen von den ganz Kleinen, den Frühgeborenen, die sicherlich eine besondere Impfversorgung benötigen, bis hin zum individualisierten Vorgehen bei Personen, die unter bestimmten Therapien, wie z. B. Biologika, stehen. Diese Medikamente wirken sich wesentlich auf das Immunsystem aus, was in Impfkonzepten natürlich entsprechend berücksichtigt werden muss. Wann darf ich impfen? Bringt die Impfung mehr Schaden als Nutzen? Diese Fragen sind zu beantworten. Wir haben auch wichtige Streitthemen herausgegriffen: So wird die Frage der Impfpflicht im Gesundheitswesen in einer Pro-und-Kontra-Diskussion behan­delt. Dr. Christiane Druml, Vorsitzende der Bioethikkommission, vertritt die Pro-Seite, Prof. Dr. Ulrich Heininger aus der Schweiz präsentiert die Kontra-Argumente (unabhängig von seiner persönlichen Einschätzung). Ich hoffe auf eine wirklich aktive und lebendige Diskussion, denn das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Impfungen im Gesundheitswesen ist noch nicht so, wie man es sich wünschen würde. Es geht hier nicht nur um die Frage des individuellen Schutzes, sondern vor allem darum, Kranke oder vulnerable Menschen, die nicht geimpft werden können, nicht anzustecken. Müssen wir hier anders vorgehen, sollten wir verpflichtende Impfungen für alle Personen in Sozial- und Gesundheitsbereichen forcieren? Meine persönliche Meinung ist ja. Es ist dies ebenso eine Voraussetzung für die Ausübung dieser wichtigen Berufe wie eine fundierte Ausbildung. Man darf auch nicht vergessen, dass Personen, die im Gesundheitswesen tätig sind, eine wichtige Vorbildwirkung auf die normale Bevölkerung haben. Warum sollte sich der Patient impfen lassen, wenn der behandelnde Arzt es selbst nicht macht?

Welche neuen Daten im Bereich der Immunisierung werden beim Impftag 2016 präsentiert?

Prof. Dr. Andrew Pollard, Vorsitzender des Joint Committee of Vaccination and Immunisation (JCVI) in Großbritannien, wird in die Zukunft blicken und neue Technologien vorstellen, die uns helfen sollen, zu erkennen, wann jemand auf Impfungen anspricht, und zwar ­mithilfe so genannter Biomarker, und welche Schutzkorrelate für die Wirkung von Impfungen künftig herangezogen werden können. Auch in anderen Bereichen der Medizin ist es ein großes Thema, frühzeitig zu erkennen, wie jemand betreut werden muss. Das ist auch bei der Prophylaxe wichtig, damit man hier gezielter vorgehen kann und nicht alle über einen Kamm geschert werden. Langfristig beeinflusst eine derartig verbesserte Diagnostik auch die Kosten für die medizinischen Maßnahmen.Unter den anderen Vortragenden sind internationale und österreichische Experten. Mir ist es sehr wichtig, dass wir einerseits unsere eigenen Experten zu Wort kommen lassen, aber andererseits auch einen Austausch mit anderen Ländern in Europa pflegen. Es geht auch darum, sich Impfkonzepte anderer Länder anzuschauen und vielleicht von deren Problemen und Lösungen zu lernen.

Aus aktuellem Anlass: Welche ­Probleme/Herausforderungen sehen Sie in der Impfversorgung von Flüchtlingen und Migranten?

Relativ rasch wurde bereits im Sommer vonseiten des Gesundheitsministeriums ein Plan erstellt, der die wichtigsten Schritte festhält – ein Impfplan für die Erstaufnahmezentren sowie Impfempfehlungen für das Hilfspersonal. Viel problematischer ist die Umsetzung des Ganzen, sowohl was die Kosten als auch die Logistik betrifft. Man kann sich jedenfalls nur auf die Menschen konzentrieren, die länger im Land verweilen, nicht auf jene, die nur durchreisen. Die Flüchtlingssituation ruft auch in Erinnerung, wie wichtig eine gute Durchimpfung der eigenen Bevölkerung ist. Denn je höher die Durchimpfungsraten, desto weniger vulnerabel ist die Bevölkerung für das Einbringen von Erkrankungen durch solche Situationen. Solange der Österreichische Impfplan von einem Großteil der Bevölkerung eingehalten wird, ist auch angesichts der akuten Problematik keine Panik angebracht.

Stichwort Impfmüdigkeit: Wie kann man diesem Trend Ihrer Meinung nach entgegenwirken?

Es fehlt zunehmend das Verständnis, wieso geimpft werden sollte, wenn die Erkrankungen im Alltag oft nicht mehr sichtbar sind. Die Menschen ­glauben daher, dass das Risiko oder die Erkrankungen an sich nicht mehr ­gegeben sind. Das ist einer der Haupt­gründe für die zunehmende Impf­müdigkeit und die ­überproportional gestiegene Angst vor Nebenwirkungen. Hier braucht man ein Korrektiv, um aufzuzeigen: Was erreiche ich und was ist der Benefit des Impfens? Die aktuelle Flüchtlingssituation oder die rezenten Masernfälle in Europa sind gute ­Anlässe, die Menschen daran zu erinnern, wie schnell Erkrankungen zurückkommen können, wenn der Impfschutz in der Bevölkerung nachlässt. Eine andere Problematik ist, dass wir im Zeitalter des Internets mit einer Flut an Informationen konfrontiert sind, deren Richtigkeit für Laien oft schwer zu beurteilen ist. Hier sehe ich die Aufgabe unseres Impftages, möglichst alle auf den gleichen Informationsstand zu bringen. Der Großteil der Ärzteschaft vertritt zum Thema Impfen sicherlich eine durch wissenschaftliche Daten belegte Meinung. Personen, die alternative Wege gehen, wird es immer geben. Auch die Medien liefern meiner Meinung nach ihren Beitrag durch den Anspruch auf ausgewogene Information. Der evidenzbasierten Fachmeinung werden aber persönliche Meinungen und Halbwahrheiten in gleichwertiger Weise gegenübergestellt. Das finde ich nicht richtig, denn der Laie kann das nicht unbedingt unterscheiden. Hinzu kommt, dass der evidenzbasierte gegenüber dem emotionalen Zugang oftmals ins Hintertreffen gelangt, weil er schwerer verständlich sowie weniger interessant und reißerisch ist. Diese Dinge sind uns bewusst und wir müssen versuchen, unsere Themen auf anderen Wegen zu transportieren. Deswegen Pro-und-Kontra- oder Voting-Systeme. Mit diesen Tools können wir das Wissen auf spannende, interaktive Art und Weise verbessern und erweitern.

Der Impftag 2016 ist eine DFP-approbierte Veranstaltung, d.h. für die Teilnahme gibt es 8 DFP-Punkte. Ist eine regelmäßige Fortbildung im Bereich der Medizin besonders wichtig?

Ja, unbedingt, das ist ganz wichtig! Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind teilweise sehr kurzlebig und bringen ständig neue Impulse, sodass man, vor allem wenn man in der Praxis tätig ist, gar nicht die Chance hat, mit der aktuellen Literatur Schritt zu halten. Man ist wirklich abhängig vom Besuch von Fortbildungen oder einer anderen Form der gebündelten Weitergabe ­dieser Informationen, um am Ball zu bleiben. Für den Praktiker sind Fortbildungen wie der Österreichische Impftag wahrscheinlich am angenehmsten, weil hier in geballter Form das Neueste vermittelt wird, ­ohne zeitraubendes Studium der Original­literatur. Wir versuchen auch, das ­didaktisch kurzweilig zu gestalten, z. B. mittels Voting-Systemen, weg von Frontalvorträgen und hin zum Mit­machen. Ich denke, Fortbildung ist ganz essenziell für die richtigen Entscheidungen in der Behandlung, denn die Medizin bedeutet ununterbrochenen Fortschritt und daher sind wir Ärzte angehalten, immer auf dem neuesten Stand zu sein.

Welche Art der Fortbildung bevorzugen Sie persönlich?

Da ich im Forschungsbereich tätig bin, ist das Studium der Originalliteratur mein tägliches Brot, denn in diesem Bereich muss man sich die ganze Zeit weiterbilden. Persönlich bevorzuge ich alle Arten von Veranstaltungen und Kongressen, wo ich zwei Dinge ­erreichen kann: Erstens bekomme ich die neuesten Daten und Informationen, zweitens kann ich mich mit Kollegen austauschen und neue wissenschaftliche Kooperationen anbahnen. Das ist für mich die idealste Form. E-Learning mache ich persönlich weniger, aber ich glaube, es ist eine gute Form der Fortbildung, wenn man eben nicht die Möglichkeit hat, beliebig auf Kongresse zu fahren, weil man durch Ordinationszeiten oder fixe Arbeitszeiten gebunden ist. Dann ist das sicher ein gutes Fortbildungsformat, um Informationen zu erhalten und am Ball zu bleiben.

Interview mit: Univ.-Prof. Dr. Ursula Wiedermann-Schmidt

Medizinische Universität Wien

Foto: Oliver Miller-Aichholz


AutorIn: Dr. Eva Maria Riedmann

A&P 03|2015

Herausgeber: MedMedia Verlag und Mediaservice GmbH
Publikationsdatum: 2015-11-27