Der Kopf steckt im Sand: Die vernachlässigte Volkskrankheit

Die steigende Zahl an Diabetes mellitus-Fällen, die damit verbundenen Folgeerkrankungen, aber auch die daraus resultierenden enormen Kosten für das Gesundheitssystem werden in Fachkreisen ständig thematisiert. In der öffentlichen Wahrnehmung und in der politischen Diskussion wird dem Thema allerdings viel zu wenig Bedeutung beigemessen.
Zahlen über Diabetes-Tote sind wenig alarmierend, aber auch nicht aussagekräftig, weil Menschen nicht mehr am Diabetes per se versterben, sondern an seinen Folgeerkrankungen. So hat etwa das Karolinska Institut in Stockholm erhoben, dass jeder zweite Mensch, der einen Herzinfarkt erleidet, Diabetes hat, aber zwei von fünf dieser Diabetiker vor dem Infarkt nicht wussten, dass sie die Erkrankung haben. Seriöse wissenschaftliche Arbeiten legen nahe, dass in Industrienationen zumindest 12,5 % aller Todesfälle auf Diabetes mellitus zurückgeführt werden können.
Bereits jetzt werden die direkten Kosten des Diabetes und seiner Folgeerkrankungen in Österreich auf 4,8 Mrd. Euro pro Jahr geschätzt. Je nach Vorhandensein von Folgeerkrankungen liegen die Gesundheitskosten eines Menschen mit Diabetes mellitus um 30 bis 400 % über jenen eines Nicht-Diabetikers. Für Diabetiker lassen sich daher auf Basis aktueller Zahlen und Trends Kosten von mehr als acht Mrd. Euro prognostizieren. Mit „FACE DIABETES“ will die Österreichische Diabetes Gesellschaft (ÖDG) in der Öffentlichkeit die Wahrnehmung für Diabetes und seine Prävention schärfen.

Diabetes mellitus wird auch als „nicht wahrgenommene Volkskrankheit“ bezeichnet. Wir haben viele Informationsangebote, warum hilft diese Aufklärung nicht?

Informationen sind nur die halbe Miete. Ein Faktor ist die Umsetzung. Wir sprechen von einer Erkrankung, die über lange Zeit keine wirklichen Schmerzen verursacht und deren Tragweite daher auch nicht ernst genommen wird. „Wie geht es mir in 15 Jahren“ – diese Frage stellen sich die Betroffenen zu Beginn kaum, meist erst dann, wenn es viel zu spät ist. Und wir sprechen von einer Erkrankung, die kein besonders gutes Image hat, denn immer noch ist die Überzeugung groß, dass die Ursache ein Lebensstilversagen ist und daher die Betroffenen „lediglich“ ihren Lebensstil verbessern müssten und alles wäre wieder gut.

Wo liegt derzeit noch Forschungsbedarf?

Wir wissen sehr viel über die Behandlung und die Folgeerkrankung. Was wir jetzt dringend brauchen, ist die Versorgungsforschung sowie mehr Input über die Beeinflussung der Motivation der Betroffenen. Wir haben ausreichende und gut wirksame Behandlungsstrategien, leider sind viele mangels Adherence fast wirkungslos.

Bewegungslosigkeit und Falschernährung sind zwei Hauptaspekte, die auf eine scheinbar resistente Gesellschaft treffen. Beides hat weniger mit Medizin als viel mehr mit sozialpolitischen oder gesellschaftspolitischen Faktoren zu tun. Woher muss das Engagement für eine Lösung kommen?

Das ist der Grund, warum wir FACE DIABETES ins Leben gerufen haben. Wir wollen signalisieren, dass Diabetes uns alle angeht, es ist ein gesellschaftliches Problem und längst kein medizinisches mehr. Unsere Umwelt fördert einen ungesunden Lebensstil. Wer also an Diabetes erkrankt, hat doppeltes Pech: eine genetische Prädisposition und ein Umfeld, das den Ausbruch der Krankheit massiv fördert.

Warum haben wir immer noch kein flächendeckendes, qualitätskontrolliertes Disease-Management-Programm?

Diabetes braucht eigenverantwortliche Patienten, das erfordert ein Umdenken in der gesamten Versorgungslandschaft. Die Pille, die alles wieder gut macht, gibt es eben nicht.

Allgemeinmediziner und Internisten gelten als erste Anlaufstelle – braucht es hier noch mehr Bewusstseinsbildung oder Zusatzqualifikation?

Ja, es braucht vor allem Zusatzqualifikationen. In Deutschland gibt es ein sehr erfolgreiches Modell, das diese Weiterbildung auch honoriert im Sinne von Verrechnungspositionen, die es derzeit für Ärzte, die Diabetespatienten betreuen, nicht gibt, außer sie sind Mitglied bei „Therapie aktiv“. Die ÖDG hat ein passendes Curriculum dazu bereits in der Schublade.

Wie steht es um die Etablierung eines Diabetesregisters?

Dazu gibt es nur Ansätze. Österreich ist kein „Registerland“, da sehe ich einer Lösung sehr pessimistisch entgegen.

Der Handlungsbedarf scheint enorm, was sind aktuell Ihre dringlichsten Wünsche?

Die Zusatzqualifikationen und die Einbettung des Themas in die Primary-Health-Care-Diskussion.

AutorIn: Univ.-Prof. Dr. Thomas C. Wascher

Hanusch-Krankenhaus, 1. Medizinische Abteilung, Präsident der Österreichischen Diabetes Gesellschaft (ÖDG)


MP 05|2015

Herausgeber: AUSTROMED, Interessensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen
Publikationsdatum: 2015-11-25