Medizin 2.0

Anamnese, Diagnostik und Therapie sind nach wie vor das „Kerngeschäft“ in der Medizin, doch die Mittel und Werkzeuge haben sich elementar verändert. Von hochauflösenden Computertomografen bis hin zur Telemedizin gibt es eine Vielzahl an technologischen Fortschritten, die den klinischen Alltag heutzutage dominieren und deren Einsatz nicht mehr wegzudenken ist. Zeitgleich sind zum Kerngeschäft des Arztes eine Reihe oft unliebsamer Tätigkeiten hinzugekommen: Dokumentationen und Berichte. Die Dokumentationspflicht des modernen Arztes nimmt bereits jetzt bei Weitem mehr Zeit in Anspruch als die Anamnese selbst. Wie auch in vielen anderen Branchen gilt es auch in der Medizin, schneller, effizienter und sicherer zu arbeiten – dazu existiert eine Vielzahl an technischen Möglichkeiten wie Workflows, Tools und Web-Applikationen.

Digital Natives: Neue Medien in die Wiege gelegt

„Mit dem ubiquitären Vorhandensein des Internets, dem wachsenden Absatz von Smartphones und einer jungen Generation von Medizinern, die bereits mit dem Internet aufgewachsen sind, ändert sich die Arbeitsweise von Ärzten oftmals radikal“, weiß Mediziner und Diagnosia-Gründer Dr. Lukas Zinnagl.
Die Suchmaschine Google ersetzt vielfach den Austria Codex, das iPhone dient als mobile medizinische Recherchequelle wissenschaftlicher Literatur und Rezepte werden zusehends in elektronischer Form ausgestellt. Allesamt Vorboten einer grundlegenden, digitalen Umstellung in einer Vielzahl an Lebens- und Arbeitsbereichen.
Der Umstand, dass sogenannte „Digital Natives“, Menschen, die den Umgang mit digitalen Medien von klein auf gewohnt sind, auf eine Generation treffen, die Medizin noch mit Block und Bleistift praktizierte, ist wohl ein Hauptgrund, dass Entwicklungen dahingehend eher schleppend vorangehen und die Akzeptanz für neuartige digitale Medien und Tools – nach wie vor – gering ist.

Recherche und E-Learning via Web

Die Benutzung des Internets als Informationsquelle ist generationenübergreifend bereits zu einem Großteil angekommen. Wissenschaftliche Recherche funktioniert beispielsweise weitgehend über PubMed (www.pubmed.com), das Onlineportal des National Institute of Health in den USA, und den kostenlosen Einstieg in wissenschaftliche Publikationen weltweit. Nur den wenigsten ist jedoch das kleine amerikanische Startup PubGet (www.pubget.com) bekannt, das sich zum Ziel gesetzt hat, wissenschaftliche Literatur schneller und einfacher zu finden. „Ein kurzer Blick auf das Portal lohnt sich, denn den Betreibern ist wahrlich eine bessere Version der herkömmlichen PubMed gelungen“, rät Zinnagl.
Einen Schritt weiter geht das Österreichische Start-up 123sonography (www.123sonography.com), das von zwei Kardiologen an der Medizinischen Universität Wien gegründet und betrieben wird. Dort finden sich hochqualitative E-Learning-Kurse rund um das Thema Herzultraschall – DFP-Punkte inklusive. Dass theoretisches Wissen auch über Onlinekanäle vermittelt werden kann, ist in den unternehmerisch denkenden USA bereits bekannt und hat auch schon eine Vielzahl an Onlinefirmen geboren, die von Sprachen (www.busuu.com) bis hin zu „Anleitungen für alternative medizinische Karrieren“ (www.freelancemd.com) eine breite Palette an Produkten zum Onlinelernen anbieten.
Ein junges, jedoch sehr erfolgreiches Unternehmen aus Kalifornien hat es sich zur Aufgabe gemacht, ein möglichst simples Programm zu schaffen, um Gedanken, To-dos, Ideen, Aufgaben etc. zu speichern und zu verwalten. Die Firma trägt den programmatischen Namen Evernote (www.evernote.com) und stellt laut Eigendefinition ein „virtuelles Gedächtnis“ dar. Auf den ersten Blick ist die medizinische Komponente unklar, aber genauso wie in anderen Berufsgruppen sind auch Ärzte oftmals mit Informationen überfordert. „Evernote schafft Abhilfe, indem Informationen und Gedanken entweder über das Mobiltelefon, die Webseite oder per SMS ‚deponiert‘ werden. Damit kann ich Notizen, Informationen und Gedanken praktisch und schnell festhalten. Kategorisierung und Suchfunktionen ermöglichen es mir, diese Inhalte dann wieder schnell zu finden. Einträge können sowohl Bilder, Sprachmemos oder Dokumente beinhalten“, gibt PD Dr. Franz Wiesbauer, Gründer und Geschäftsführer von 123sonography, Einblick in sein Userverhalten.
Aus dem klinischen Alltag in den USA nicht mehr wegzudenken ist ePocrates (www.epocrates.com), das sämtliche Fragen rund um Arzneimittel kompetent und digital beantwortet, zum Beispiel hochauflösende Fotos von Pillen abbildet, sodass diese auch ohne Verpackung identifiziert werden können. Das Onlinemagazin MedCrunch (www. medcrunch.net) befasst sich ausschließlich mit Themen dieser Art und wird bereits von mehreren Tausend Ärzten in den USA gelesen. „Ziel des Magazins ist es, einen neuen Blickwinkel auf die Medizin und insbesondere die ärztliche Tätigkeit zu richten“, erklärt Zinnagl, der auch dieses Magazin mit aus der Taufe gehoben hat.

Der digitale Patient

Das Internet schafft Transparenz, macht Informationen leicht zugänglich und ist grundsätzlich kostenlos. All diese Faktoren tragen dazu bei, dass sich Patienten immer mehr über ihre Krankheiten informieren und sich mit diesen beschäftigen. Damit stellt es eine neue Möglichkeit dar, um Patienten zu betreuen. Patienten, die sich mit ihrer Krankheit beschäftigen und in Online-Communities wie zum Beispiel Patients Like Me (www.patientslikeme.com) austauschen, sind eine wertvolle Quelle, um auch statistische Aussagen über Patienten, deren Zufriedenheit mit einem bestimmten Medikament oder deren subjektive Erfahrungen zu erheben. „Setzt man einen gewissen Bildungsgrad beim Patienten voraus, dann kann dieser heutzutage problemlos die aktuellste Studienlage analysieren, Therapieoptionen recherchieren und entsprechende Fachleute ausfindig machen. Ziel eines modernen Arztes muss es sein, sich mit diesem Trend zu beschäftigen, anstatt ihn zu vermeiden“, ist Zinnagl überzeugt.

Innovationen am E-Health-Sektor

Ein Gründerteam rund um einen Diabetes Mellitus Typ 1- Patienten hat eine mobile Softwareapplikation (MySugr, www.mysugr.com) entwickelt, die das Blutzuckertagebuch von Diabetikern ersetzen soll. Daten werden mobil erfasst, ein Umstand, der auch für eine engmaschige Kontrolle von Diabetikern aus Sicht des Arztes von Vorteil sein könnte. Die automatische Übermittlung von Blutzuckerwerten an den PC des Arztes und eine automatisierte Möglichkeit, Patienten bei Grenzwerten an die Kontrolluntersuchung zu erinnern, sind nur die ersten Schritte. Bei einem erstmaligen Besuch können vorab Kontrolltermine vereinbart werden, an die dann der Patient automatisch über Facebook, SMS oder E-Mail erinnert wird – eine zeitschonende Entwicklung, die sowohl dem Arzt als auch dem Patienten zugute kommt. Der Salzburger Jungunternehmer Johannes Allesch hat gemeinsam mit dem Gefäßchirurgen Univ.-Prof. Dr. Thomas Hölzenbein AniMedical gegründet. Das Unternehmen ist angetreten, den Aufklärungsbogen auf Papier durch einen digitalen zu ersetzen. Die Idee, komplexe Operationen über animierte Videos dem Patienten näherzubringen, ist selbsterklärend. Aufklärungsvideos von AniMedical können direkt am iPad dem Patienten übergeben und audio-visuell erklärt werden. Die digitale Signatur ermöglicht in weiterer Folge auch, die Einverständniserklärung des Patienten digital zu erfassen und zu archivieren. Die Vorteile einer solchen Lösung liegen auf der Hand: Dokumentation bei gleichzeitig reduzierter Arbeitsbelastung für den Arzt und besserer Information beim Patienten. Beachtlichen Erfolg hat das Pariser Unternehmen Withings (www.withings.at) zu verzeichnen.
Vor einigen Jahren wagte sich das frisch gegründete Unternehmen mit einer Waage mit integriertem Wireless-Lan-Chip auf den Markt. Mit dem Kauf der Waage erwirbt man nicht nur das Gerät an sich, sondern eine Softwarekomponente, die automatisch jedes Abwiegen über ein Funknetzwerk übermittelt und so einen exakten Gewichts- und Körperfettverlauf archiviert. Neben der Selbstkontrolle von adipösen Patienten gibt es auch einen Zugang für den jeweiligen Arzt, der so die Möglichkeit hat, zu jeder Tages- und Nachtzeit die Gewichtsentwicklung zu beobachten und gegebenenfalls auch mit dem Patienten über das Programm zu interagieren. Ein ähnliches Gerät, jedoch für einen anderen Anwendungsbereich, wurde erst kürzlich vorgestellt: Eine Blutdruckmanschette, die nicht nur äußerst ästhetisch ist, sondern auch eine drahtlose Übermittlung von Blutdruckwerten ermöglicht.
„Viele Produkte und Services sind bereits ausgereift, scheitern aber am strikten, klinischen Alltag. Medizin ist ein traditionelles Umfeld, in dem sich derartige Neuerungen nur schwer durchsetzen. Es ist zu hoffen, dass eine junge Generation von Medizinern die Vorteile solcher Angebote zu nutzen weiß und auch künftig versucht einzusetzen“, so Zinnagl.

MP 05|2011

Herausgeber: AUSTROMED – Interessensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen
Publikationsdatum: 2011-11-25