Gastkommentar von DI Manfred Bammer, MAS: Europäisches Forum Alpbach – Ungleichheit & Innovation

Ungleichheit und Gesundheit haben viele Aspekte. Welches Resümee ziehen Sie aus den diesjährigen Alpbacher Gesundheitsgesprächen?

Bisher war ich traditionell immer Teilnehmer an den Technologiegesprächen, doch das Thema geht Hand in Hand mit Fragen der Gesundheitsversorgung. Gerade die Medizinprodukteindustrie ist besonders technologieaffin und die hier anwesenden in- und ausländischen Wissenschaftler, Repräsentanten der Gesundheitspolitik, Vertreter von Selbsthilfegruppen und der Berufsgruppen im Gesundheitswesen sind wichtige Player für uns, wenn es um die Marktdurchdringung von Innovationen für eine bessere und damit vielleicht auch eine gerechtere Gesundheitsversorgung geht.

An welches Beispiel denken Sie hier konkret?

Zum Beispiel an die Telemedizin und das Home Monitoring. Ich habe mit diesen Technologien die Möglichkeiten, viel mehr Patienten mit chronischen Erkrankungen in kurzer Zeit und mobil zu betreuen sowie auch jenen einen Zugang zu einer sicheren Versorgung zu bieten, die nicht in der Nähe von medizinischen Zentren leben. In Österreich ist hier noch großer Aufholbedarf vorhanden und die Innovationen werden erst zögerlich angenommen. International zeigen schon viele Länder, dass das ein durchaus forcierbarer Weg wäre.

Ist Ungerechtigkeit auch innovationsfeindlich?

Innovationen können neue Ungerechtigkeiten erzeugen, vor allem für jene Menschen, die den Umgang mit der digitalen Welt nicht oder nicht ausreichend beherrschen. Hier sind neue Konzepte gefragt, denn unter dem Strich ist diese Entwicklung bereits Teil unserer Lebenswelt und ihr Fortschritt nicht aufzuhalten. Jetzt gilt es, die Partizipation aller Bevölkerungsgruppen – ob jung, alt, reich oder arm – daran sicherzustellen.

Der österreichische Markt ist bei Innovationen grundsätzlich sehr zurückhaltend. Je schneller neue Produkte oder Technologien auf den Markt kommen, desto rascher kann auch der breiten Bevölkerung damit eine bessere Versorgung zur Verfügung stehen. Natürlich ist die Einführung neuer Produkte und Technologien mit einem Risiko verbunden, doch die Mentalität hierzulande ist es, zu testen, zu evaluieren, zu projektieren oder abzuwarten bis andere Länder es implementiert haben und damit oft wertvolle Zeit zu verlieren.

Wie wettbewerbshemmend ist diese Mentalität?

Natürlich ist sie das, aber wir forschen ja nicht nur für den heimischen Markt. Wir arbeiten in vielen internationalen Kooperationen und ich kann nur dazu raten, strategische Allianzen zu bilden und Netzwerke aufzubauen. Dazu sind Veranstaltungen wie diese hier in Alpbach natürlich bestens geeignet.

Wie kann das Innovationsklima gefördert werden?

Die Welt der komplexen Medizinprodukte und vor allem ihre Bedeutung für die Gesundheitsversorgung in eine zielgruppenaffine Sprache zu übersetzen, würde schon sehr viel helfen.

Wenn wir uns hier im kommenden Jahr wieder zu den Gesundheitsgesprächen treffen, was soll sich verändert haben?

Ich wünsche mir eine neue Innovationsfreudigkeit von den Krankenversicherungen und den Krankenhausbetreibern, innovative Technologien auszuprobieren. Ein Jahr ist keine lange Zeit, daher wäre es schön, schon bis zu den nächsten Gesundheitsgesprächen Ergebnisse zu haben. Das setzt voraus, weniger zu diskutieren und zu evaluieren, sondern einfach praktisch auszuprobieren und zu handeln. Ein Ergebnis heuer war genau das: kleine Projekte mit geringen Budgets auf den Weg zu bringen und damit rasch das Feedback im Echtbetrieb zu erfahren.

Interview mit: DI Manfred Bammer, MAS

Leiter der Business Unit Biomedical Systems am AIT Austrian Institute of Technology GmbH

© AIT, Krischanz & Zeiller


MP 04|2015

Herausgeber: AUSTROMED, Interessensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen
Publikationsdatum: 2015-09-21