Gutes Zeugnis für heimische Pflegequalität

Pflegende spielen eine zentrale Rolle in der Versorgung von Patienten und Bewohnern und leisten daher auch einen wichtigen Beitrag zur Qualitätsverbesserung. Ziel der Gesundheits- und Krankenpflege ist es, adäquate und qualitativ hochwertige Pflege anzubieten. Transparenz und Reflexion helfen dabei, dieses Ziel zu erreichen und somit die Pflegequalität in der täglichen pflegerischen Praxis stetig zu verbessern. Dazu bedarf es jedoch regelmäßiger, objektiver und standardisierter Erhebungen von Pflegeproblemen und deren Prävention, den durchgeführten Maßnahmen sowie vorhandenen Qualitätsindikatoren. Daher führt das Institut für Pflegewissenschaft der Med Uni Graz seit dem Jahr 2009 eine jährliche Pflegequalitätserhebung in österreichischen Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen durch.

Grundlage für kontinuierliche Verbesserung

Die Pflegequalitätserhebung zu Dekubitus, Inkontinenz, Mangelernährung, Intertrigo, Sturz und freiheitsein- bzw. beschränkenden Maßnahmen ist ein Kooperationsprojekt des Instituts für Pflegewissenschaft der Medizinischen Universität Graz und der Landelijke Prevalentiemeting Zorgproblemen (LPZ) der Universität Maastricht in den Niederlanden. Sie bietet einen Einblick in die Prävalenz, Prävention und Behandlung der genannten Pflegeprobleme. Zusätzlich werden Qualitätsindikatoren zu den Pflegeproblemen erhoben. Die Daten, die im Rahmen der Erhebung gewonnen werden, sollen den Einrichtungen wichtige Informationen zu individuellen Stärken und Änderungspotenzialen liefern. Aus den Ergebnissen können außerdem zielgerichtete Maßnahmen abgeleitet werden und es besteht die Möglichkeit, die Daten für Vergleiche im Sinne von Benchmarking zu verwenden.
In den letzten Jahren wurden dabei Daten von mehr als 26.000 Patienten und Bewohnern gesammelt und evaluiert. „Ein erklärtes Ziel der professionellen Gesundheits- und Krankenpflege ist das Angebot adäquater und qualitativ hochwertiger Interventionen, um so auch die Lebensqualität von Patienten und Heimbewohnern zu optimieren“, sagt Univ.-Prof. Dr. Christa Lohrmann, Vorstand des Instituts für Pflegewissenschaft an der Med Uni Graz.
In der alltäglichen Praxis stehen Pflegepersonen vor einer ­Reihe von Herausforderungen: Druckgeschwüre, Mangelernährung, Stürze und andere Probleme beeinträchtigen die Gesundheit sowie die Sicherheit von Patienten. „Um die Versorgung der Betroffenen bzw. die Gesamtsituation kontinuierlich verbessern zu können, ist es essenziell, Stärken und Schwächen objektiv und standardisiert zu erheben“, so Lohrmann.

Studiendesign und Auswertung

Die Pflegequalitätserhebung richtet sich an alle stationären Einrichtungen wie Krankenhäuser, Pflegeheime, Rehabilitationszentren oder geriatrische Krankenhäuser. Im Zuge der Erhebung werden Daten zur Einrichtung, zur Station oder zum Wohnbereich sowie zu den Patienten oder Bewohnern wie Alter, Geschlecht, Krankheitsbild und Pflegeabhängigkeit erfasst. Zusätzlich werden spezielle Merkmale, Prävention und Behandlung der einzelnen Pflegeprobleme erhoben.
Die Erhebung erfolgt an einem festgelegten Stichtag und wird von den Einrichtungen selbst durchgeführt. Jede Einrichtung benennt dafür einen Koordinator, der für die Durchführung der Studie eingewiesen und geschult wird. Alle notwendigen Materialien wie Fragebögen oder Anleitungen werden von der Projektgruppe zur Verfügung gestellt. Nach Abschluss der Erhebung werden die Daten von jeder Einrichtung selbst per Internet einfach und unkompliziert in ein Softwareprogramm eingegeben und an die Projektgruppe übermittelt. Einige Wochen nach der Übermittlung der Daten werden die Ergebnisse der Einrichtung via passwortgeschützten Webbereich zur Verfügung gestellt. Das stellt sicher, dass die Ergebnisse jeweils nur für die einzelnen Einrichtungen einsehbar sind. Darüber hinaus erhält jede Einrichtung eine anonymisierte Übersicht über die nationalen Daten, um Vergleiche zu ermöglichen.

Regelmäßige Teilnahme

Im Jahr 2014 nahmen 74 Gesundheitseinrichtungen aus acht Bundesländern an der Pflegequalitätserhebung teil. Rund 6.800 Patienten und Heimbewohner wurden in die Erhebung eingeschlossen. Die Ergebnisse sprechen eine deutliche und sehr erfreuliche Sprache: „Die Pflege in Österreich bietet sehr gute Pflegequalität“, berichtet das Forscherteam.
Zahlreiche österreichische Gesundheitseinrichtungen haben bereits wiederholt an der Pflegequalitätserhebung teilgenommen. Dabei zeigte sich, dass regelmäßig teilnehmende Einrichtungen Instrumente zur frühzeitigen Erkennung von Mangelernährung implementierten und somit insgesamt zu einer besseren Erfassung, aber auch weiteren Behandlung beigetragen haben. „Dieses Ergebnis konnte auch durch den Rückgang in der Häufigkeit von Mangelernährung in den teilnehmenden Einrichtungen unterstrichen werden“, betont Lohrmann. Ähnliche Ergebnisse zeigen sich in der Prävention und Behandlung anderer pflegerischer Herausforderungen wie Sturz oder Inkontinenz.

Verantwortungsvolle Mitarbeiter

Die im Rahmen der jährlichen Pflegequalitätserhebung gewonnenen Daten bieten den teilnehmenden Einrichtungen die Möglichkeit, die pflegerische Praxis kritisch zu reflektieren und gegebenenfalls notwendige Veränderungen und Adaptionen zu initiieren. Darüber hinaus können die Daten im Sinne von Benchmarking zum Vergleich mit anderen Einrichtungen herangezogen werden. Wie die erhobenen Ergebnisse zeigen, sind in den teilnehmenden Einrichtungen bereits großartige Erfolge messbar.

 

Im Gespräch
Wie steht Österreich im internationalen Vergleich da?
Bei einem internationalen Vergleich muss immer die zugrunde liegende Population beachtet werden, das heißt, es muss beachtet werden, ob sich zum Beispiel Pflegeheimbewohner in den Niederlanden von den Pflegeheimbewohnern in Österreich in Bezug auf Alter, Pflegeabhängigkeit oder Krankheiten unterscheiden. Ungeachtet dieser Unterschiede liegt Österreich in Bezug zu Dekubitus im internationalen Vergleich mit 3 % Dekubitus eher im unteren Durchschnitt. Bezogen auf Mangelernährung liegt Österreich im internationalen Mittelfeld.
Was waren für Sie die wichtigsten Ergebnisse der aktuellen Erhebung?
Besonders bemerkenswerte Ergebnisse gab es in mehrmals teilnehmenden Einrichtungen. In diesen Einrichtungen wurden, aufbauend auf den Daten der Pflegequalitätserhebung, zahlreiche Änderungen initiiert und durchgeführt. Beispielsweise wurden Instrumente zur frühzeitigen Erkennung von Mangelernährung implementiert, die somit zu einer besseren Erfassung und auch Behandlung beigetragen haben. Das konnte auch durch den Rückgang in der Häufigkeit von Mangelernährung in diesen Einrichtungen unterstrichen werden.
Besonders erfreulich ist, dass sich die Zahl der teilnehmenden Einrichtungen seit dem Beginn der Pflegequalitätserhebung im Jahr 2009 stetig erhöht. Dadurch wird deutlich, dass sich immer mehr Einrichtungen mit Pflegequalität beschäftigen und das Wohl ihrer Patienten und Bewohner in den Mittelpunkt stellen.
Wo sehen Sie Optimierungsbedarf in der Pflege?
Grundsätzlich gibt es in Österreich Optimierungsbedarf hinsichtlich der Nutzung von wissenschaftlichen Standards und Leitlinien zu den Themen Dekubitus, Mangelernährung und Inkontinenz. Weiters sollten vermehrt Diätologen bei der Behandlung von mangelernährten Patienten und Bewohnern hinzugezogen werden, da Diätologen über das geeignete Wissen und Know-how verfügen. Neben diesen Verbesserungspotenzialen konnten jedoch zahlreiche Stärken identifiziert werden, wie beispielsweise die routinemäßige Erfassung des Ernährungszustandes und die Durchführung sturzpräventiver Maßnahmen in Krankenhäusern und Pflegeheimen.
Interview mit: Univ.-Prof. Dr. Christa Lohrmann

Institut für Pflegewissenschaft, Medizinische Universität Graz


MP 02|2015

Herausgeber: AUSTROMED, Interessensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen
Publikationsdatum: 2015-04-10