Infektionsrisiko Krankenhaus

„Rund 37.000 Menschen sterben pro Jahr in der EU durch Krankenhausinfektionen und 4,1 Millionen Patienten werden jährlich durch Krankenhauskeime infiziert“, sagte EUGesundheitskommissar John Dalli erst kürzlich in einem Interview mit „Die Welt“ und löste damit nicht nur in Deutschland eine breite Diskussion über Hygienemaßnahmen in Krankenhäusern aus. „Die Situation ist alarmierend“, so der Kommissar weiter und meinte, dass jede zehnte Behandlung in europäischen Krankenhäusern für den Patienten schädlich sei. Als Hauptgrund dafür nannte er mangelnde Krankenhaushygiene. Von den Krankenhäusern verlangte er daher eine „konsequente und strenge Kontrolle der Hygienemaßnahmen“ und das Einhalten höchster Sicherheitsstandards. Die Situation in heimischen Kliniken beschreibt Univ.-Prof. Franz Allerberger, Infektionsspezialist der AGES, der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit, wie folgt: „In Österreich ziehen sich jährlich ca. 50.000 Patienten im Spital einen Krankheitserreger zu, zwischen 1.000 und 1.500 sterben daran.“ Das, obwohl es – im Gegensatz etwa zu Deutschland – in jedem Krankenhaus einen Hygienebeauftragten und ein entsprechendes Kontrollsystem gibt. Die Situation hätte sich dadurch in den letzten Jahren zwar deutlich verbessert, räumt der Sprecher der österreichischen Patientenanwälte Dr. Gerald Bachinger ein, aufgrund von Zeit- und Kostendruck treten aber nach wie vor Mängel auf. Insgesamt seien „Österreichs Krankenhäuser da sicher nicht besser oder schlechter als jene in anderen westlichen Gesundheitssystemen.“
Naturgegeben positiver sieht das Gesundheitsministerium die Situation, sagt Ministeriumssprecher Fabian Fußeis: „Was die Bekämpfung von Infektionen betrifft, sind die heimischen Krankenhäuser auf einem sehr, sehr hohen Niveau“. Ein Bericht des Gesundheitsministeriums zur Antibiotika-Resistenz und dem Verbrauch anti-mikrobieller Substanzen in Österreich ortet dann auch deutliche Rückgänge bei einer Vielzahl von Erregern in Krankenhäusern. Als problematisch wird jedoch der Anstieg der Resistenzen gegen den Erreger Escherichia coli verzeichnet, dem häufigsten Erreger von bakteriellen Infektionen.
„Prinzipiell wird Hygiene in Österreichs Krankenhäusern sehr ernst genommen“, sagte auch Prof. Dr. Elisabeth Presterl, Leiterin des klinischen Institutes für Krankenhaushygiene der Universität Wien, in einem ORF-Interview. Deutliche Rückgänge habe man etwa bei der besonders gefürchteten, weil schwer behandelbaren Infektion MRSA (multi-resistenter Staphylococcus aureus) und bei Pneumokokken verzeichnet. Da sich Erreger jedoch verändern könnten und immer wieder neue hinzukämen, „gibt es immer wieder neue Herausforderungen“.

Sind Infektionen vermeidbar?

Einig ist sich Presterl mit Patientenanwaltschaft und WHO darin, dass nur der geringere Teil der krankenhäuslichen Infektionen überhaupt vermeidbar ist. Das sieht auch Dr. Christoph Aspöck, Vorstand des Instituts für Hygiene und Mikrobiologie am Landesklinikum St. Pölten, so: „In Österreich wird sehr viel für gute Hygiene getan, doch selbst gute Hygienebedingungen können nicht alles. Aber immerhin eine kleinere Gruppe an Krankenhausinfektionen könne vermieden werden und genau das ist die Aufgabe der Hygieneteams in den Krankenhäusern.“
Zur Fehlervermeidung ist eine intensive und offene Kommunikation besonders wichtig. So fordert die Patientenanwaltschaft schon lange die flächendeckende Einführung von verpflichtenden Fehlermeldesystemen, wie sie etwa die Allgemeine Unfallversicherungsanstalt in ihren Spitälern bereits umgesetzt hat, sagt Bachinger: „Dabei darf das Gesundheitspersonal keine Angst vor strafrechtlichen Folgen haben, wenn es einen Fehler meldet. Davon haben Patient und System nichts.“
Die Steiermärkische Krankenanstaltenges.m.b.H. hat dafür ein Kontrollsystem entwickelt, das jeden Infektionsfall analysiert. „Dieses System erfasst alle Infektionen, die bei den Patienten stattgefunden haben. Sie werden überprüft und analysiert. Es werden Rückmeldungen an die Ärzte und Schwestern gegeben und dadurch wird die Qualität verbessert“, knüpft Dr. Athanasios Bogiatzis, Leiter des Instituts für Krankenhaushygiene am AKH Graz, hohe Erwartungen an das neue Kontrollinstrument.

Gefahrenquellen lauern überall

Durch den wachsenden Antibiotika-Einsatz sind viele Erreger gegen die herkömmlichen Mittel resistent geworden. Spar- und Zeitdruck, unzureichende Händedesinfektion, mangelnde oder mangelhafte Verwendung von Schutzkleidung oder auch fehlende Präventivmaßnahmen bei der Isolierung von infizierten Patienten tragen dazu bei, dass sich die Keime weiter verbreiten. Aber auch indirekte Übertragungsgefahren – etwa durch Klimaanlagen oder Wasser – sind allgegenwärtig.
In den Niederlanden konnten Krankenhausinfektionen durch gezielte Maßnahmen deutlich reduziert werden. Patienten aus Risikogruppen werden präventiv auf gefährliche Keime untersucht, etwa auf die multiresistenten Erreger vom Typ MRSA. Mindestens drei gängige Antibiotika wirken nicht mehr, deshalb sind diese Keime sehr schwer zu bekämpfen. Für Infizierte gelten daher höchste Schutzvorkehrungen, damit Personal und Patienten sich nicht anstecken. MRSA tritt heute in den Niederlanden 20-mal seltener auf als beispielsweise in Deutschland.
Die effizienteste Maßnahme gegen Infektionen in Krankenhäusern ist die korrekte Handhygiene. Dieser Umstand ist seit 150 Jahren, seit Ignaz Philipp Semmelweis, bekannt. Er führte als Erster das Auftreten von Kindbettfieber unter anderem auf mangelnde Hygiene bei Ärzten und Krankenhauspersonal zurück und entsprechende Hygienevorschriften ein. Trotz nachweisbarer Erfolge wurden seine Erkenntnisse zu seinen Lebzeiten nicht anerkannt und Hygienemaßnahmen als Zeitverschwendung angesehen. Und bis heute noch wird die Wirksamkeit regelmäßigen Händewaschens mancherorts unterschätzt.
Einen besonders radikalen Weg, um ihre Mitarbeiter zur oftmaligen Handwäsche zu bewegen, hat die Klinik Mangiagalli in Mailand mit dem Projekt „Mani pulite“ (saubere Hände) eingeschlagen. Sie zahlt den Krankenschwestern auf der Intensivstation für Neugeborene jährlich eine Prämie von 3.000 Euro, wenn sich diese regelmäßig die Hände mit Wasser und Seife waschen. Überwacht werden sie dabei von einer Kamera über dem Waschbecken. Vor jeder Berührung mit einem Baby werden ihre Hände zudem von einem Spezialgerät auf mögliche Bakterien kontrolliert. Innerhalb eines Jahres ließ sich damit die Infektionsrate um drei Prozent senken.
Einen Risikofaktor stellt das medizinische Instrumentarium dar. Entscheidend ist die Qualität seiner Aufbereitung, die in den vergangenen Jahren, nicht zuletzt aufgrund einer verbesserten Qualifikation vieler Mitarbeiter, deutlich gestiegen ist. Ein erster wichtiger Schritt im Aufbereitungsprozess ist die „rückstandsfreie“ Reinigung, ohne die eine sichere Sterilisation nicht möglich ist. Sie erfolgt vorzugsweise maschinell anhand standardisierter und validierter Prozesse.
Dennoch kann eine Vielzahl von Faktoren den Erfolg beeinträchtigen, Wasserqualität etwa, Dosierung der Reinigungsmittel oder Design der Instrumente. Insbesondere bei Hohlkörpern, bei denen der Reinigungserfolg nicht visuell beurteilt werden kann, bedarf es geeigneter Prüfmittel.
Desinfektion und anschließende Sterilisation der Medizinprodukte sollten bevorzugt durch thermische Verfahren mit feuchter Hitze erfolgen. Thermolabile Materialien erfordern hingegen eine chemische bzw. chemothermische Desinfektion und die Anwendung von Ethylenoxid für die Sterilisation. Wegen der Toxizität des Ethylenoxids kann das Gut jedoch erst nach einer Entgasungszeit (in der Regel sieben Stunden) ohne Gefahr für das Personal und die Umwelt entnommen und gefahrlos am Patienten eingesetzt werden. Herkömmliche chirurgische Masken stellen keinen sicheren Virenschutz dar. Aus diesem Grund empfiehlt auch das deutsche Robert Koch Institut, im Falle einer Grippe-Pandemie FFP-Halbmasken (Filtering Face Pieces) bei Patientenkontakt zu tragen. Ursprünglich wurden diese Masken nur zum Atemschutz gegen Stäube im Arbeitsschutz eingesetzt. Mittlerweile ist ihre Verwendbarkeit auch im medizinischen Bereich hinreichend belegt. Die FFP-Atemschutzmasken wirken unabhängig vom Typ des Grippevirus, da sie alle Varianten von Grippeviren aus der Luft filtern, zum Beispiel auch Varianten der Vogelgrippe (H5N1) und der Schweinegrippe (H1N1).

Gefahr aus Luft & Wasser

Im Vorjahr sorgte im deutschen Ulm eine Erkrankungswelle mit Legionellen, ausgelöst durch ein Nass-Rückkühlwerk einer Groß-Klimaanlage für großes Aufsehen. 65 Menschen erkrankten schwer und fünf der Betroffenen starben. Solche Groß-Klimaanlagen zählen wie auch Trinkwasserinstallationen oder industrielle Luftwäscher zu häufigen Infektionsquellen. In schlecht gewarteten Anlagen finden Legionellen optimale Wachstumsbedingungen vor und können sich explosionsartig vermehren. Über kleine Wassertröpfchen gelangen sie anschließend in die Luft und können eingeatmet eine Erkrankung der Atemwege bis hin zu einer schweren, lebensgefährlichen Lungenentzündung auslösen.
Wasser gilt überhaupt als die am meisten übersehene, allerdings grundsätzlich ausreichend kontrollierbare Quelle nosokomialer Erkrankungen. Infektionen finden durch Verschlucken, Kontakt oder Einatmen statt. Die häufigsten Erreger sind dabei Bakterien (Salmonellen, Shigellen, Campylobacter, V. cholerae, E. coli), Viren (Hepatitis A, Polio- und Rotaviren) sowie Parasiten (Ascaris, Cryptosporidien u. a.). Trinkwasser enthält zwar von Natur aus eine große Zahl an Mikroorganismen, sie stellen aber für den Menschen im Allgemeinen keine Gefährdung dar. Problematisch wird es jedoch, wenn diese sich in den Hausinstallationen stark vermehren und es zu hohen Konzentrationen kommt.

Kupfer oder Edelstahl

Darüber hinaus gibt es in Spitälern eine Reihe von offen zugänglichen Bereichen, wo akute Infektionsgefahr besteht. Neben „klassischen“ Problemzonen wie Toiletten oder Waschräumen sind es oft ganz unspektakuläre Handgriffe, die Gefahr bringen – das Türöffnen zum Beispiel.
Forscher arbeiten daher an möglichen alternativen Materialien für Türgriffe, etwa an Kupferlegierungen. Es ist seit Langem bekannt, dass Kupfer Bakterien abtöten kann. In mehreren aktuellen internationalen Studien wird derzeit die Wirksamkeit von Kupferlegierungen im Kampf gegen Infektionen mit Antibiotika-resistenten Keimen geprüft, bestätigt Dr. Anton Klassert, Leiter des deutschen Kupferinstituts: „Laboruntersuchungen haben gezeigt, dass 99,9 Prozent der Bakterien, darunter auch MRSA-Erreger, innerhalb eines Zeitraumes von wenigen Minuten bis zwei Stunden auf Kupferoberflächen eliminiert werden.“ Bevor das Material aber breit eingesetzt werden kann, muss noch genauer erforscht werden, auf welche Weise Kupfer die Bakterien unschädlich macht. „Bisher weiß man zwar, dass die antibakterielle Wirkung von Kupfer über einen langen Zeitraum auf den Oberflächen bestehen bleibt. Die Herausforderung an die Materialforscher ist es aber, diese Mechanismen noch besser zu verstehen“, sagt Prof. Dr. Frank Mücklich von der Universität des Saarlandes. Die Wissenschaftler werden dabei auch die Oberflächen der Kupferwerkstoffe mit neuen Laserverfahren mit dem Ziel strukturieren, ihre antibakterielle Wirkung weiter zu verbessern.

Lichtdesinfektion

Einen anderen interessanten Forschungsansatz mit Zukunftspotenzial stellt der Einsatz von UV-Licht zum Abtöten von Keimen dar. Wissenschaftler der University of Strathclyde in Schottland haben nachgewiesen, dass violett schimmerndes Licht spezieller Wellenlängen im Kampf gegen gefährliche Krankenhauskeime wirkungsvoll sein kann. Durch die Bestrahlung mit dem UV-Licht soll die Zahl von Bakterien auf kontaminierten Oberflächen deutlich stärker reduziert werden können als durch Reinigen und Desinfizieren mit herkömmlichen Mitteln. Für Menschen unschädlich, setzt das Licht Bakterien auf physikalische Weise zu. „In den Krankheitserregern befinden sich bestimmte, für sie typische Moleküle. Diese werden durch das UV-Licht angeregt und es entstehen chemisch hochreaktive Substanzen, die für die Bakterien tödlich sind“, erklärte Forschungsleiter Professor John Anderson gegenüber Medical Press.
Ziel der Forschungsarbeiten ist es, besonders gefährliche „Supererreger“ wie die gefürchteten MRSA abzutöten, noch bevor sie Menschen in Krankenhäusern gefährden können – ein Ziel, das laut dem schottischen Forscherteam mit der Lichtdesinfektion erreichbar sein könnte.

Weiters zum Thema Hygiene und Desinfektion: Offensiv in die Zukunft

MP 01|2011

Herausgeber: AUSTROMED – Interessensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen
Publikationsdatum: 2011-02-18