Pädiatrische Neurochirurgie – ein Überblick

Neurochirurgen sind bei der Planung der optimalen Intervention bei Kindern daher vor besondere Herausforderungen gestellt. Prof. Dr. med. Gabriele Schackert, Klinikdirektorin der Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie am Universitätsklinikum in Dresden, gibt einen Überblick über die wichtigsten praxisrelevanten Aspekte von Hirntumoren im Kindesalter.

Welche Arten von Hirntumoren begegnen Ihnen in der pädiatrischen Neurochirurgie am häufigsten?

Im Wesentlichen gibt es drei große Entitäten von Hirntumoren im Kindesalter: die pilozytischen Astrozytome, die Ependymome und die Medulloblastome. Sie kommen am häufigsten im Kleinhirn vor. Im Großhirn finden sich besonders Plexustumoren, aber auch primitiv neuroektodermale Tumoren (PNET), die sehr aggressiv wachsen. Der Hirnstamm ist leider auch nicht selten betroffen. Hier wachsen Gliome, von benignen bis hochmalignen. Welche Tumoren im Säuglings- und Kindesalter vorkommen, unterscheidet sich stark vom Erwachsenenalter. Meningeome und Glioblastome, die im Erwachsenenalter häufig auftreten, findet man bei Kindern kaum. Dagegen treten im Kindesalter deutlich mehr Medulloblastome und Plexustumoren auf, die man im Erwachsenenalter kaum antrifft.

Welche neuen Methoden und Protokolle in der ­pädiatrischen Neurochirurgie würden Sie als ­besonders vielversprechend einstufen?

In der operativen Vorbereitung wenden wir bei Kindern wie auch bei Erwachsenen die Navigation und die Darstellung der funktionellen Hirnareale in der Magnetresonanztomografie routinemäßig an. Sitzen die Tumoren im Kleinhirn oder im Kleinhirnwurm, so kann man diese auch ohne zusätzliche Hilfsmittel – bis auf das Mikroskop natürlich – operieren. Sind die Tumoren aber im Hirnstamm lokalisiert, was bei den Kindern leider nicht selten der Fall ist, dann monitoren wir während des Eingriffs zusätzlich die Hirnnervenkerne. Dadurch wird es erst möglich, Teile des Tumors sicher zu entfernen und bei einer guten Abgrenzung des Tumorgewebes diese unter Umständen sogar vollständig zu resezieren. Das elektrophysiologische Monitoring hat in letzter Zeit zunehmend an Bedeutung gewonnen und zur operativen Sicherheit der Kinder wesentlich beigetragen. Alle in Deutschland operierten Kinder sind dazu in den Protokollen des bundesweiten Behandlungsnetzwerks HIT erfasst, das sicherstellt, dass alle Kinder nach der Operation mit gleichen Standards weiterbehandelt werden.

Inwieweit können die Eltern in die Therapie der Kinder miteinbezogen werden?

Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, Eltern gut aufzuklären und unter der Therapie mitzuführen, sie zum Beispiel genau aufzuklären, welche Ausfallserscheinungen auftreten können, damit sie diese auch mittragen können. Eltern sind ja die meiste Zeit bei ihren Kindern und ihre wesentliche psychische Stütze. Ein guter Kontakt zu den Eltern ist essenziell für die Vertrauensbildung und für die Beruhigung der Kinder. Auch in der Rehabilitation nach der Intervention sind Kinder nochmal ganz anders zu sehen als Erwachsene. Alleine dadurch, dass sich das Gehirn in den ersten zwei Jahren noch maßgeblich entwickelt, ist in dieser Altersstufe noch eine gewisse Plastizität vorhanden. Kinder können viel mehr wegstecken, was Erwachsene gar nicht mehr kompensieren können. In den letzten Jahren hat sich die Behandlung von kindlichen Hirntumoren stark weiterentwickelt, die Operationen sind viel besser und sicherer geworden und ich denke, dass wir auf einem sehr guten Weg zu einer optimalen Behandlung der Kinder sind.

 

 

Interview mit: Prof. Dr. med. Gabriele ­Schackert

Direktorin – Klinik und ­Poliklinik für Neurochirurgie, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden

© Thomas Albrecht


MP 04|2017

Herausgeber: AUSTROMED, Interessensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen
Publikationsdatum: 2017-09-22