Soziodemografische Aspekte in der Hypertonie

Internationale Publikationen legen nahe, dass die Wahrscheinlichkeit für Hypertonie bei Männern und Frauen mit niedriger Bildung, niedrigem Einkommen und geringerer beruflicher Position in etwa zwei- bis dreimal höher ist als bei hohem sozioökonomischem Status. Österreichische Daten zeigen, dass Frauen mit geringem Einkommen, geringerer Bildung und schlechterer beruflicher Position sowie mit Migrationshintergrund bzw. von Arbeitslosigkeit betroffene Frauen ein bis zu vierfach höheres Risiko haben, von Hypertonie betroffen zu sein, während sich bei Männern diesbezüglich ein signifikanter Zusammenhang lediglich bei Arbeitslosigkeit zeigt. Der soziale Gradient zeigt sich bereits bei den Risikofaktoren für Hypertonie in österreichischen Daten. Bei Männern und Frauen besteht, unabhängig vom Alter, ein deutlicher gradueller Zusammenhang zwischen Mangel an Bewegung und den soziodemografischen Determinanten Bildung, berufliche Position und Migrationshintergrund.
Allgemeine Modelle darüber, wie soziodemografische Faktoren zu einer höheren Erkrankungswahrscheinlichkeit führen, können auch auf die Entstehung von Hypertonie angewendet werden. Diese Modelle berücksichtigen vor allem drei Mechanismen im Zusammenhang mit soziodemografischen Faktoren und dem Erkrankungsrisiko:

  1. Gratifikationskrisen entstehen bei einer Dysbalance aus Verausgabung („effort“) wie Engagement, Wissen, Zeit, Identifikation, Leistung oder Persönlichkeit und Entschädigung („reward“) wie Lohngerechtigkeit, ausbildungsäquivalente Beschäftigung, Arbeitsplatzsicherheit, Weiterbildungs- oder Karrieremöglichkeiten. Kommt es zu einer dieser Dysbalancen, bilden sie den Boden für eine Reihe von psychischen und somatischen Erkrankungen, andererseits nehmen ungünstige Verhaltensweisen und Lebensstile wie Rauchen, Alkoholkonsum, ungünstige Ernährung zu.
  2. Je höher der soziale Status, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit für einen gesünderen Lebensstil.
  3. Unterschiede im sozioökonomischen Status können aber auch zu einer unterschiedlichen Gesundheitsversorgung führen, beispielsweise durch die höhere Inanspruchnahme von Vorsorgemaßnahmen oder aber auch Zusatzversicherungen bei höherem sozioökonomischem Status.

Hypertonie-Awareness-Kampagnen sollen daher besonders auf sozial benachteiligte Gruppen ausgerichtet sein, mit einem starken Augenmerk auf Lebensstiloptimierung. Weiters sollte der Zugang zum Versorgungssystem, zu Gesundheitsförderungs- und Präventionsmaßnahmen allen sozialen Gruppen möglichst niederschwellig ermöglicht werden. Präventionsmaßnahmen, um berufliche Belastung und Stress zu reduzieren, sollten forciert werden. Auf Bevölkerungsebene ist schließlich danach zu trachten, dass soziale, ­ökonomische und bildungsbezogene Ungleichheiten möglichst ausgeglichen werden.

Literatur bei den Verfassern

AutorIn: Univ.-Prof. Dr. Anita Rieder

Institut für Sozialmedizin, Zentrum für Public Health, MUW


AutorIn: Assoc.-Prof. Priv.-Doz. Dr. Thomas E. Dorner, MPH

Institut für Sozialmedizin, Zentrum für Public Health, MUW


MP 01|2015

Herausgeber: AUSTROMED, Interessensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen
Publikationsdatum: 2015-02-04