Prävention ist möglich

Prof. Dr. Axel Kramer vom Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Universität Greifswald ist überzeugt, dass das Wissen um die Problematik von Infektionen und die Zusammenarbeit aller Betroffenen am Anfang aller Maßnahmen stehen muss. „Eine Bündelung von Aktivitäten zur Prävention von SSI ist notwendig. Dazu gehören ineinandergreifende Hygienestandards, das Screening mit präventiver Isolierung und Sanierung sowie eine Strategieentwicklung auf Basis der aktuellen epidemiologischen Situation und schlussendlich qualitätssichernde Maßnahmen“, so Kramer. In Greifswald wird bereits beim Vorliegen nur eines Risikofaktors ein Screening durchgeführt, ein Umstand, der zu einer 3,5%igen MRSA-Rate – im Gegensatz etwa zu KISS-Daten mit etwa 0,6% – führt, aber: „Nur weil wir mehr Patienten screenen und daher auf mehr Infektionen stoßen.“
Auch gibt es Risikofaktoren, die in der Patientenaufklärung berücksichtigt werden müssen und sich als wirkungsvoll erwiesen haben: „Wer etwa sechs bis acht Wochen vor einem chirurgischen Eingriff und rund eine Woche danach auf Tabakkonsum verzichtet, kann das SSI-Risiko signifikant reduzieren“, so die epidemiologische Evidenz. Haupteintragsquellen für Erreger postoperativer Wundinfektionen sind der Patient und das OP-Team. Instrumente, Instrumententische, raumlufttechnische Anlagen und Flächen wie Fußböden, Wände oder an Geräten sind von nachgeordneter Bedeutung.

Von der Theorie zur Praxis

Im Uniklinikum Greifswald werden alle Patienten bereits beim Vorliegen eines Risikofaktors einem MRSA-Screening unterzogen. Nach jeder OP müssen bei MRSA-Kolonisation oder Infektion alle potenziell kontaminierten Flächen der gründlichen Wischdesinfektion unterzogen werden, das heißt, auch patientenfernes Umfeld ohne sichtbare Kontamination, wie etwa die Fußböden. „Zu beachten sind die Einwirkzeiten der Desinfektionsmittel, falls danach eine neue OP geplant ist“, so Kramer. Der OP-Raum muss bis zum Abschluss der Desinfektionsmaßnahmen als „septisch“ gekennzeichnet werden und ein kompletter Wechsel der Reinigungsutensilien sowie der Bereichskleidung des Reinigungspersonals erfolgen. „Diese Maßnahmen haben zu einer völligen Umorganisation des OP-Bereichs geführt. Auch in der Notfallchirurgie wurde eine virtuelle Einheit errichtet und die Umsetzung der Maßnahmen erforderte längerfristiges Training des Personals“, gibt Kramer Einblick.

Evidenz einzelner Maßnahmen

Eine Reihe von Studien weist darauf hin, dass nach einem Clipping die SSI-Rate geringer ist als bei Rasur. Für die Prävention von Infektionen ist die Verwendung von Enthaarungs creme nur mit geringer Evidenz belegt. „Falls die Haarentfernung OP-technisch erforderlich ist, sollte sie unmittelbar präoperativ erfolgen“, gibt Kramer Einblick.
Die Immobilisierung von Bakterien durch Hautversiegelung mittels Klebefilm weist zumindest bei einer Studie aus der Herzchirurgie auf eine SSI Rate von 2,3% ohne und 1,9% mit Hautversiegelung hin. Eine Versiegelung nach Hautantiseptik in Arealen mit hoher Besiedlungsdichte ist daher anzuraten. Die Verwendung von antiseptischem Nahtmaterial wie Vicryl® Plus, PDS® Plus oder Monocryl® Plus ist nach Ansicht des Experten in kolonisierten Geweben oder bei einem hohen Risiko der Biofilmbildung besonders indiziert.
Der ideale Zeitpunkt zur perioperativen Antibiotikaprophylaxe ist innerhalb von 30 Minuten bis zu einer Stunde bei sauber- kontaminierten oder kontaminierten Eingriffen. Bei sauberen Eingriffen ist die perioperative Antibiotikaprophylaxe nur bei einem zusätzlichen Risikofaktor wie etwa einer Notfall-OP, bei Unterkühlung, Immunsuppression, Implantation oder bei Mangelernährung indiziert.
Bei etwa 20% aller chirurgischen Patienten kommt es zu einer intraoperativen Hypothermie. Die Wärmeverluste der Patienten ergeben sich hauptsächlich aus der Klimatisierung von Operationssälen, der Größe der chirurgischen Wundfläche, der Beatmung mit kalten, trockenen Narkosegasen sowie der Applikation kalter Infusionen und Transfusionen. Negative Auswirkungen sind unter anderem eine verzögerte Wundheilung, aber auch ein Anstieg der SSI wurde beobachtet. „Passives Erwärmen mithilfe von Tüchern oder reflektierenden Folien, durch entsprechende Kleidung oder aktiv mithilfe von wärmenden Matratzen, Matten oder Pflastern sowie warmen Infusionen oder Lavagen ist empfehlenswert“, betont Kramer.

Quelle: 1. Johnson & Johnson Medical Products GmbH Symposium Österreich, 6.-7. März 2011, Salzburg, Schirmherrschaft: Fortbildungsakademie der Österreichischen Gesellschaft für Chirurgie, Veranstalter: Ethicon/Johnson & Johnson

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MP 02|2011

Herausgeber: AUSTROMED – Interessensvertretung der Medizinprodukte-Unternehmen
Publikationsdatum: 2011-04-22