Hilfreiche Apps für den klinischen Alltag

Mobile Anwendungen haben sich in den vergangenen zehn Jahren von Spielereien zu unverzichtbaren Werkzeugen in der Patientenversorgung entwickelt. Bereits 2020 gaben fast drei Viertel aller europäischen Ärzt:innen an, regelmäßig mindestens eine medizinische App zu nutzen.1 Gleichzeitig ist der Markt kaum überschaubar: Über 350.000 Health-Apps konkurrieren in den gängigen Stores, doch nur ein Bruchteil erfüllt grundlegende Qualitäts- und Sicherheitsanforderungen.2, 3
Medizinische Apps bedienen vielfältige Anforderungen: Leitlinien- und Entscheidungsunterstützungssysteme liefern kompakte Handlungsempfehlungen, Pharmareferenz-Apps bieten aktuelle Präparatelisten mitsamt Interaktionscheck, Kalkulatoren beschleunigen die Anwendung klinischer Scores, Wissensdatenbanken ermöglichen Point-of-Care-Fortbildungen und sichere Messenger vereinfachen die interdisziplinäre Zusammenarbeit. Der digitale Austausch über verschlüsselte Messenger wird dabei zunehmend zur tragenden Säule klinischer Kommunikation. Laut einer europaweiten Umfrage verwenden über 90 % der Ärzt:innen regelmäßig Instant-Messaging-Dienste zum Teilen medizinischer Informationen.4 Besonders bei zeitkritischen Entscheidungen oder über Klinikgrenzen hinweg ermöglichen sie einen unmittelbaren Austausch, der klassische Kommunikationswege sinnvoll ergänzt.
Diese Vorteile bleiben jedoch nur bestehen, wenn die eingesetzte Software verlässlich, evidenzbasiert und datenschutzkonform arbeitet. Das ISO-25010-Modell mit seinen acht Dimensionen – Funktionalität, Zuverlässigkeit, Usability, Effizienz, Wartbarkeit, Portabilität, Sicherheit und Kompatibilität – hat sich als strukturierte Prüfliste etabliert. Eine Analyse von über 500 medizinischen Apps zeigte jedoch: Weniger als jede fünfte erfüllte alle Kriterien in zufriedenstellender Weise.2, 3 Parallel entwickelt die deutsche Initiative mHealth ein Ampelsystem, das Datenschutz, Evidenz und Transparenz bewertet und eine schnelle Ersteinschätzung ermöglichen soll.5 Vor einer klinischen Einführung sollten jedoch immer Herstellerangaben, CE-Kennzeichen, Serverstandort, Verschlüsselungskonzept, Updatezyklen und verfügbare Peer-Review-Daten kritisch geprüft werden. Denn: Fehlerhafte Dosierungsangaben oder veraltete Leitlinientexte können Patient:innen gefährden. In Österreich haften Behandelnde rechtlich, wenn ein durch eine App verursachter Schaden auf mangelnde Plausibilitätskontrolle zurückzuführen ist. Eine sorgfältige Prüfung der zugrunde liegenden Quellen ist daher unerlässlich.

Meine persönlichen Top 5

ESC Pocket Guidelines bündeln die Originalempfehlungen der europäischen Fachgesellschaft in kompakter, auch offline nutzbarer Form. Entscheidungsbäume führen in wenigen Schritten von der Diagnose zur Therapie. Besonders hilfreich ist die integrierte Quellenanzeige – sie ermöglicht das sofortige Zitieren der Primärliteratur.

Diagnosia fungiert als digitale Arzneimitteldatenbank mit Fokus auf den deutschsprachigen Markt. Neben detaillierten Fachinformationen überzeugt der Interaktionscheck, der auch seltene Kombinationsrisiken nach klinischer Relevanz gewichtet. Die regelmäßigen Updates orientieren sich an den Veröffentlichungen nationaler Behörden.

MDCalc ersetzt Taschenrechner und Laminiertaschen gleichermaßen. Über 550 Scores – darunter CHA2DS2-VASc, HAS-BLED oder GRACE – stehen mitsamt kurzer Evidenzzusammenfassung zur Verfügung. Die transparente Darstellung der Rechenschritte erleichtert die Nachvollziehbarkeit im ärztlichen Team.

AMBOSS hat sich von einer Lernplattform zu einer umfassenden Point-of-Care-Wissensdatenbank entwickelt. Besonders in stressigen Diensten hilfreich sind algorithmisch generierte Differenzialdiagnose-Listen, die sich mit wenigen Klicks in vertiefende Artikel verzweigen.

Siilo schließt die Kommunikationslücke: Der Datenschutz-Grundverordnung-(DSGVO-)konforme Messenger erlaubt Falldiskussionen mit verschlüsselten Bildern und Videos. Gruppen lassen sich organisationsübergreifend anlegen, was die Abstimmung mit zuweisenden Ärzt:innen erleichtern kann.

Fazit

Mobile Apps können den klinischen Alltag spürbar erleichtern – vorausgesetzt, Qualität, Evidenz und Datenschutz stimmen. ISO 25010 bietet einen fundierten Bewertungsrahmen, ergänzende Qualitätssiegel sind in Entwicklung. Die hier vorgestellten Programme – ESC Pocket Guidelines, Diagnosia, MDCalc, AMBOSS und Siilo – haben sich in meinem Alltag bewährt und decken zentrale Anwendungsfelder ab: von Leitlinien- und Medikationssupport bis hin zur sicheren Kommunikation. Bevor eine App routinemäßig eingesetzt wird, sollten klinischer Nutzen, regulatorischer Status und Datensicherheit sorgfältig geprüft und dokumentiert werden.