Online-Symposium „Der schmerzhafte Beckenboden“

Keiner konnte ahnen, dass wir bereits in diesem Jahr vor die Entscheidung gestellt werden, die Jahrestagung entweder in Form eines Webinars abzuhalten oder ganz absagen zu müssen. Die Stimmung war sehr gedrückt, als nach der intensiven Planung der Jubiläumstagung der MKÖ schon im Sommer deutlich wurde, dass pandemiebedingt der Höhepunkt des MKÖ-Jahres wohl nicht wie gewohnt stattfinden würde.

Seit mittlerweile 30 Jahren besteht ein zentrales Anliegen der MKÖ in der Wissensvermittlung und dem Erfahrungsaustausch aller Fachgruppen, die sich mit Inkontinenz, Senkungsbeschwerden, Blasen- und Darmfunktionsstörungen beschäftigen. Pflegepersonen, PhysiotherapeutInnen, Ärztinnen und Ärzte sowie Hebammen haben vor allem im Rahmen der wissenschaftlichen Jahrestagung umfassend Gelegenheit zu multidisziplinärer Fortbildung und Erfahrungsaustausch. Eine Absage der Präsenzveranstaltung war unter den erforderlichen Auflagen unvermeidbar, trotz der höchsten Motivation aller Beteiligten.

Anstelle der geplanten Jubiläumstagung öffnete die Gesellschaft heuer Corona-bedingt erstmals die virtuellen Türen.

Drei Sessions mit ­unterschiedlichen Schwerpunkten

Das Online-Symposium widmete sich dem „schmerzhaften Beckenboden“. Die der MKÖ so wichtige Vernetzung der unterschiedlichen Fachgruppen ist beim chronischen Beckenschmerz häufig die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung. Das Online-Symposium umfasste 3 Sessions mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Ein Live-Chat ermöglichte es den Zuhörern des Symposions trotz der physischen Distanz, Fragen oder Anregungen sowohl untereinander zu diskutieren als auch mit den Vortragenden in einen fachlichen Austausch zu treten. Besonders erfreulich war die große Zahl an Anmeldungen. Obwohl die Möglichkeit bestand, die Aufnahmen auch später on demand anzusehen, zeigte die bereits in der ersten Übertragungsstunde dreistellige Teilnehmeranzahl, wie relevant das Thema Beckenbodenschmerz ist – und wie groß der Wunsch und die Notwendigkeit nach interdisziplinärem Austausch.

Session 1

Vielfältige Ursachen des chronischen Beckenschmerzes (CBS)

Zu Beginn der ersten Session wurden in einem gynäkologischen Vortrag gutartige, oft aber sehr schmerzhafte Raumforderungen besprochen, wie z. B. Zysten, Myome oder Endometriose. Bei der Behandlung der Endometriose ist das oberste Ziel eine frühzeitige Schmerzkontrolle. Je länger Schmerzen bestehen, desto schwieriger ist die Behandlung. Miteinzubeziehen ist auch die Ernährung, da auch hier schmerzverstärkende Faktoren oft unentdeckt bleiben. Therapie der Wahl ist ein multimodaler Ansatz.

Der urologische Vortrag befasste sich mit Prostatitis, Schmerz und Obstruktion – drei Krankheitsbilder, die zwar in drei eigenständigen Leitlinien beschrieben werden, aber zu durchaus ähnlichen Beschwerden führen können. Eine genaue Abklärung und Ausschlussdiagnostik sind daher von zentraler Bedeutung. Lautet die Diagnose „chronic pelvic pain“, ist auch hier die multimodale Behandlung angezeigt.

Ein sehr komplexes Krankheitsbild, das alle teilnehmenden Berufsgruppen immer wieder intensiv beschäftigt, ist der akute oder chronische Steißbeinschmerz (Coccygodynie; kokkyx = griech. ,Kuckuck‘), der von chirurgischer Seite beleuchtet wurde. Frauen sind durch die Anatomie des Beckens oder durch Traumata bei der Entbindung 5-mal häufiger betroffen, auch Übergewicht spielt ursächlich eine Rolle. Vernetzung unter den Fachbereichen erscheint hier besonders relevant, da die Beschwerden oft jahrelang ungenügend abgeklärt bleiben. Es zeigt sich in der Praxis, dass Röntgenaufnahmen im Stehen und im Sitzen erfolgen sollten, da sich das Steißbein in einer unbelasteten Aufnahme womöglich völlig unauffällig darstellt.

Das Resümee der ersten Session lautete klar: Der schmerzhafte Beckenboden ist ein multimodales Thema. Betroffene benötigen eine enge Zusammenarbeit innerhalb der Fachgruppen. Diese Aspekte wurden besonders durch den abschließenden Vortrag der ersten Session über die Aufgaben der Kontinenz- und Stomaberatung (KSB) bei chronischem Beckenbodenschmerz nochmals deutlich.

Der natürliche Umgang mit dem eigenem Körper und dem Genitalbereich, der wegen anerzogenen Schamgefühlen oft „stiefmütterlich“ behandelt wird, wurde betont. Die sorgsame Pflege der genitalen Schleimhaut kann das Wohlbefinden von Frauen mit Beckenbodenschmerzen wesentlich steigern.

Auch hier ist eine genaue Anleitung und Erklärung notwendig. Durch Operationen oder durch Radio- und Chemotherapie bei Krebserkrankungen im Genitalbereich entstehen Veränderungen, wie Stenosen oder chronische Schmerzen, die bei der medizinischen Nachsorge wenig Beachtung erfahren. Betroffene sprechen solche vermeintlichen Kleinigkeiten oft nicht an, daher ist es die Rolle der KSB, hier hinzuhören, die Ängste und Sorgen wahrzunehmen, aufzugreifen und dementsprechend zu beraten. Die KSB wird somit zum „Brückenbauer“ zu weiteren medizinischen Disziplinen im Sinne und zum Wohle des Patienten.

Session 2

Spezielle Aspekte des chronischen Beckenschmerzes

Die viszerale Therapie als besonderer Aspekt in der Behandlung chronischer Schmerzen widmet sich dem ganzen Körper, um den sich verselbständigenden Schmerzkreislauf unterbrechen zu können. Viele Strukturen sind für eine Schmerzsymptomatik Auslöser und Beeinflusser, und es braucht gut abgestimmte manuelle Techniken, um Dysbalancen auszugleichen, da die PatientInnen sonst in einer Pathologie üben.

Ist ein schmerzhafter Beckenboden mit einer erfüllten Sexualität überhaupt kompatibel? Diese Frage wurde im Vortrag über Sexualstörungen und chronischen Beckenschmerz aufgegriffen. Chronischer Beckenschmerz ist nur in bestimmten Fällen, zu ca. 12 %, mit Sexualstörungen kombiniert. Schmerzhafte Sexualstörungen können, müssen aber nicht mit chronischen Beckenschmerzen vergesellschaftet sein. Bei organischen Ursachen des Beckenschmerzes, z. B. der Endometriose, kann die Therapie auch zu einer Besserung der Sexualstörung führen. Schmerzen beim Geschlechtsverkehr bedürfen oft eines interdisziplinären therapeutischen Ansatzes. Sexuelle Zufriedenheit hat einen direkten Einfluss auf die Lebensqualität und Partnerschaft. Daher ist sexuelle Gesundheit zu Recht Ziel der WHO.

Über den Tellerrand hinausschauen lohnt sich besonders beim Thema „Pelvines Kongestionssyndrom und Beckenschmerz“. Es handelt sich hier gemäß klar definierter Kriterien um eine radiologische Diagnose, die eine entsprechende Expertise erfordert. Klinisch geben die Betroffenen meist dumpfe Schmerzen an, z. B. beim Geschlechtsverkehr, während der Menstruation und bei ­längerem Stehen; die Beschwerden beginnen meistens links. Diesen Beschwerden ­liegen eine pelvine venöse Insuffizienz und ausgeweitete parametrane Venen zugrunde. Zur diagnostischen Abklärung werden Ultraschall oder das MRT herangezogen. Langzeitstudien fehlen, aber die Embolisation als komplikationsarme Behandlungsmethode zeigt gute Erfolge. Dieses Thema zeigte, dass auch am Beckenboden interessierte Radiologinnen und Radiologen ein unersetzlicher Teil des MKÖ-Netzwerkes sein müssen.

Eine seltene Pathologie ist das chronische Schmerzsyndrom Pudendusneuralgie, das meist durch eine mechanische Kompression oder Läsion des Schamnervs verursacht wird und mit heftigen einschießenden, brennenden Schmerzen im Genital- und Anusbereich einhergeht. Eine chirurgische Therapieoption ist eine transgluteale oder laparoskopische Dissektion des irritierten oder eingeklemmten Nervus pudendus. Diese erfordert allerdings sehr viel Erfahrung und eine entsprechende chirurgisch-gynäkologische Expertise. Alternativ kann mit Lidocain oder mit Botulinum-Neurotoxin infiltriert werden.

Session 3

Blasenschmerzsyndrom und chronischer Beckenschmerz

Die dritte Session startete mit dem „Bladder Pain Syndrom (BPS)“ (früher „interstitielle Zystitis“) und versuchte unter anderem, dem Mysterium dieses Symptomenkomplexes auf die Spur zu kommen. Bei dieser chronischen Entzündung der Blasenwand steht
der Schmerz im Mittelpunkt; er geht mit irritativen Blasensymptomen und einer Vielzahl an Begleiterkrankungen einher. Obwohl das Syndrom bereits vor über 100 Jahren erstmals beschrieben wurde, ist seine Ätiologie bis heute teilweise ungeklärt. Das BPS führt bei Ärzten oft zu Ratlosigkeit sowie Fehldia­gnosen und bei Patienten zur Verzweiflung – Depressionen sind eine häufige Begleiterscheinung von chronischem Blasenschmerz. Deshalb ist ein strukturiertes diagnostisches Vorgehen das Um und Auf. Generell wird die Diagnose immer klinisch gestellt, die Zystoskopie stellt aber für Diagnostik und Therapie ein wesentliches Instrument dar.

Oberstes therapeutisches Ziel ist die Verbesserung der Lebensqualität der Patienten. Es wird heute zwischen Hunner und Non-Hunner-Phänotypen des BPS unterschieden. Sogenannte Hunner-Läsionen der Blasenwand („Hunner’s lesions“), können thermisch verödet werden. Für die „Non-Hunner-BPS“-Formen gilt ein therapeutisches Stufenschema. Ein konservatives Vorgehen hat hierbei Priorität. Antihistaminika sind sinnvoll, da die Mastzelle im Rahmen einer Entzündungsreaktion mit gesteigerter Histamin-Ausschüttung nach Aktivierung von H1- und H2-Rezeptoren eine entscheidende Rolle spielt.

Auch verhaltenstherapeutische Maßnahmen und Physiotherapie können hier einen wertvollen Beitrag leisten. So kann mithilfe der Relaxation eine 50–70%ige Verbesserung der Beschwerden erreicht werden.

Auch eine zystoskopische Überdehnung der Blase in Narkose bringt eine Verbesserung der Symptomatik über mehrere Monate; Botox-Injektionen und die Neuromodulation scheinen ebenfalls zu funktionieren. Ein Vortrag befasste sich mit dem physiotherapeutischen Zugang bei BPS. Die Bedeutung der ausführlichen Befundung und Therapieplanung im Zusammenhang mit neurologischen, entzündlichen und endokrinologischen Antworten wurde betont. Die Therapie kann binaurale Anwendung, geführte Visualisationen, progressives Intervalltraining zur Verbesserung des Vagus-Tonus und viszerale Behandlungen umfassen. In der Therapie des BPS können verhaltenstherapeutische Maßnahmen und Physiotherapie einen wertvollen Beitrag leisten. So kann mithilfe der Relaxation der Beckenbodenmuskulatur eine 50–70%ige Verbesserung der Beschwerden erreicht werden.

Den Abschluss des Online-Seminars bildete das heißdiskutierte Thema Cannabinoide in der Schmerztherapie, das von pflegerischer Seite beleuchtet wurde.

Der Einsatz von Cannabinoidpräparaten ist bei Patienten, die unter Symptomen wie Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Appetitmangel und Spastik leiden, sinnvoll, wenn die konventionelle Therapie nicht ausreicht. Seit Jahrhunderten werden in vielen Kulturen Medikamente auf Cannabisbasis zu therapeutischen Zwecken eingesetzt. Durch eine Vielzahl von klinischen Studien haben sich in den letzten Jahren die Erkenntnisse über das therapeutische Potenzial stark verbessert. Bei Indikationsstellung müssen die Wirksamkeit und möglichen Nebenwirkungen beachtet und abgewogen werden.

Das Resümee des Tagungspräsidiums nach dem Online-Symposium lautet klar: „Wir freuen uns, mit der virtuellen Jahrestagung einen Schritt in die Digitalisierung gewagt zu haben und sind zuversichtlich, dass uns dies für die Zukunft viele neue Möglichkeiten eröffnet. Unsere Motivation und den Innovationsgeist nehmen wir für 2021 mit, hoffen aber trotzdem auf eine Tagung, bei der auch der persönliche Austausch wieder möglich ist!“

 

Save the Date!

Die 30./31. Jahrestagung der MKÖ findet am 15. und 16. Oktober 2021 (hoffentlich) wieder im LFI Linz auf der Gugl statt.

AutorIn: Katharina Meller

Physiotherapeutin, Wien

Foto: Jürgen Hammerschmid


GA 06|2020

Herausgeber: em. o. Univ.-Prof. Dr. Sepp Leodolter, Universitätsklinik für Frauenheilkunde, Wien
Publikationsdatum: 2020-12-14