Zytostatika als Auslöser

Periphere Neuropathie

Häufigste Auslöser einer Neuropathie sind Diabetes mellitus, Alkohol und unbekannte ­Ursachen.

Die chemotherapieinduzierte Neuropathie kann neben Sensibilitätsstörungen auch neuropathische Schmerzen verursachen.

Vincristin, Thalidomid und Bortezomib lösen bei Patienten mit multiplem Myelom nicht selten eine periphere Neuropathie aus.

Eine der positiven Auswirkungen der Chemotherapie ist zweifelsfrei, dass es den Patienten gesundheitlich besser gehen kann oder sie sogar geheilt werden. Der negative Effekt ist, dass einzelne Zytostatika eine periphere Neuropathie induzieren. Die dabei auftretenden sensorischen Symptome werden von den Betroffenen oftmals missachtet, können aber deren Lebensqualität leidvoll einschränken. Feinmotorische, alltägliche Aktivitäten wie beispielsweise das Zuknöpfen eines Hemdes können aufgrund der Taubheit in den Händen zum Problem werden. Sind die Beine betroffen, kommt es oftmals zu Gleichgewichtsproblemen und Stürzen. Allerdings sind nicht nur Taubheitsgefühle symptomatisch für eine periphere Neuropathie, sondern die Betroffenen leiden auch unter Dysästhesie (Missempfindungen). Hierbei handelt es sich um eine Form der Sensibilitätsstörung, bei der Reize zu schwach, zu stark oder qualitativ anders als üblich wahrgenommen werden. Dies geht von einem Kribbeln in den Händen/Füßen bis hin zu einer schmerzhaften Missempfindung von Reizen. Manche der eingesetzten Zytostatika können schwere neuropathische Schmerzen auslösen, die als kribbelnd, stechend, ausstrahlend oder wie „ein elektrischer Schock“ empfunden werden.

Multiples Myelom: Zytostatika wie Vincristin, Thalidomid und Bortezomib, die zur Behandlung des multiplen Myeloms eingesetzt werden, lösen nicht selten eine periphere Neuropathie aus. Bei einer prä-existierenden diabetischen Neuropathie könnte die Behandlung mit Bortezomib zu einer Verschlechterung der Neuropathie führen. Bei Vincristin weiß man, dass eine prä-existierende erbliche Neuropathie schwerwiegende Auswirkungen auf die Entwicklung einer chemotherapieinduzierten Neuropathie hat.

Krankheitsmechanismen: Gewöhnlich handelt es sich bei neuropathischen Schmerzen um eine Schädigung der peripheren Nerven, die mit Übererregbarkeit einhergeht. Spinale und zentralnervöse Mechanismen führen dann zum komplexen Bild des neuropathischen Schmerzes. Die Nervenleitgeschwindigkeiten sind oft verändert. Diese Veränderungen korrelieren aber nicht zwangsläufig mit dem Krankheitsverlauf und geben keine Auskunft über das Befinden des Patienten oder den Schwergrad der chemotherapieinduzierten Neuropathie. Um das Ausmaß der Neuropathie und die Stärke der Beeinträchtigung zum Ausdruck zu bringen, haben wir einen Patientenfragebogen evaluiert. Dieser deckt Fragen das alltägliche Leben betreffend ab.

Behandlung neuropathischer Schmerzen: Wirksam zur Behandlung chemotherapieinduzierter neuropathischer Schmerzen sind Antikonvulsiva, einige Antidepressiva und Opioide. Meiner persönlichen Einschätzung nach sollte man mit einem Antikonvulsivum beginnen und ein Antidepressivum anschließen. Opioide sollten als Erstbehandlungsoption nicht gewählt werden, es sei denn, der Patient ist von schweren Schmerzen, die unerträglich sind, geplagt. Mit Lidocain und Capsaicin stehen zwei Wirkstoffe zur lokalen Behandlung (z. B. als kutan zu applizierendes Pflaster) bestimmter neuropathischer Schmerzen zur Verfügung. Eine vielversprechende neue Behandlungsoption, die allerdings noch nicht zugelassen ist, bietet sich mit Botulinumtoxin A („Botox“). Dessen großer Vorteil liegt darin, dass im Gegensatz zu oral verabreichten Medikationen weniger Nebenwirkungen auftreten. Akupunktur ist ein alternativer Therapieansatz, dessen Wirkung bei neuropathischen Schmerzen allerdings noch nicht belegt ist. Physiotherapeutische Maßnahmen können helfen, das Gleichgewicht zu trainieren und das Sturzrisiko zu minimieren. Patienten mit Taubheitsgefühlen in Füßen und/oder Händen können einer Ergotherapie zugeführt werden. Damit soll die manuelle Geschicklichkeit und Beweglichkeit gefördert und erhalten werden.

Langzeitüberleben: Ein wichtiger Punkt ist, dass durch die immer besser werdenden onkologischen Behandlungen auch die Lebenserwartung ansteigt. Man weiß jedoch bis dato nicht, ob bei Langzeitüberlebenden alle Nebenwirkungen reversibel sind. Im Allgemeinen gehen die Beschwerden nach Beendigung der Therapie langsam zurück. Bei Chemotherapien mit Platinderivaten kommt es aber bei einigen Patienten in den ersten 1 bis 2 Monaten nach Beendigung zu einer Zunahme der Symptomatik („Coasting“).

Quelle: Myeloma Knowledge Exchange 2018, ecancer Videointerview mit Prof. Wolfgang Grisold, https://ecancer.org/video/6859/dealing-with-peripheral-neuropathic-pain-in-multiple-myeloma.php