Prim. Dr. Hans Gröchenig
Abteilung für Innere Medizin, Krankenhaus der Barmherzigen Brüder St. Veit an der Glan
IM FOKUS: Herr Prim. Gröchenig, trotz steigender Awareness für die eosinophile Ösophagitis (EoE) werden bei Food-Impaktationen weiterhin eher selten Biopsien entnommen. Woran liegt diese Diskrepanz aus Ihrer Sicht?
Prim. Gröchenig: Die Diskrepanz entsteht vor allem durch die besondere klinische Situation der akuten Food-Impaktation. In der Notfallsituation liegt der Fokus primär auf der raschen Entlastung des Ösophagus und der sicheren Entfernung des Bolus. Die weiterführende diagnostische Abklärung – insbesondere Biopsien – wird dabei häufig nachrangig behandelt oder auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Hinzu kommt, dass endoskopische Zeichen einer EoE nicht immer eindeutig sind. Viele Patient:innen zeigen nur diskrete oder sogar makroskopisch unauffällige Befunde. Dadurch wird die Erkrankung trotz steigender Awareness weiterhin unterschätzt. Gleichzeitig besteht teilweise noch Unsicherheit hinsichtlich des optimalen Vorgehens während der Akutendoskopie. Das ist klinisch relevant, weil die EoE heute die häufigste Ursache einer ösophagealen Food-Impaktation bei Erwachsenen ist.
Welche Rolle spielen strukturelle Faktoren – etwa Notfallsituationen, Personalressourcen oder organisatorische Abläufe – bei der Entscheidung, ob biopsiert wird oder nicht?
Diese Faktoren spielen eine erhebliche Rolle. Food-Impaktationen finden häufig außerhalb der Routinezeiten statt – nachts oder am Wochenende. In solchen Situationen sind die personellen und organisatorischen Ressourcen naturgemäß eingeschränkt. Der Fokus liegt dann auf einer möglichst kurzen, sicheren Intervention. Zusätzliche Biopsien bedeuten mehr Zeitaufwand, mehr Dokumentation und eine weitere histopathologische Aufarbeitung. Wenn keine Standard Operating Procedures (SOP) etabliert sind, werden Biopsien daher häufig nicht durchgeführt. Die Akutversorgung erfolgt zwar endoskopisch korrekt, aber die langfristige Abklärung und Nachsorge werden nicht klar definiert. Dadurch geht die Chance verloren, eine zugrunde liegende EoE frühzeitig zu diagnostizieren.
Sollte aus Ihrer Sicht bei jeder Ösophagus-Food-Impaktation routinemäßig biopsiert werden – auch bei unauffälligem endoskopischem Befund?
Ja, aus heutiger Sicht sollte bei jeder ösophagealen Food-Impaktation routinemäßig biopsiert werden – auch bei unauffälligem makroskopischem Befund, sofern keine Kontraindikationen bestehen. Das österreichische Positionspapier1 betont ausdrücklich, dass Ösophagusbiopsien auch bei makroskopisch normalem Ösophagus obligat sind. Die EoE ist eine „patchy disease“, und endoskopische Veränderungen können fehlen oder sehr subtil sein. Empfohlen werden mindestens 6 Biopsien aus unterschiedlichen Ösophagusabschnitten – distal sowie mittel/proximal. Nur dadurch lässt sich die diagnostische Sensitivität deutlich erhöhen. Studien zeigen, dass die Sensitivität mit einer einzelnen Biopsie nur etwa 55 % beträgt, mit 5 oder mehr Biopsien jedoch nahezu 100 % erreichen kann.
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Eine aktuelle österreichische Studie2 hat dieses Problem näher untersucht. Können Sie kurz erläutern, wie die Studie aufgebaut war und welche Fragestellung im Zentrum stand?
Die Studie aus Wien war als retrospektive Single-Center-Analyse an einem tertiären Universitätszentrum – dem AKH Wien – angelegt und untersuchte alle Patient:innen, die zwischen 2013 und 2023 wegen einer ösophagealen Food-Impaktation notfallmäßig endoskopiert wurden. Insgesamt wurden 180 Fälle eingeschlossen.
Methodisch wurden sämtliche Endoskopieberichte, klinischen Verläufe und vorhandenen Bilddokumentationen retrospektiv analysiert. Zusätzlich wurden die Fälle nochmals durch einen EoE-erfahrenen Gastroenterologen reevaluiert, um die wahrscheinlichste Ursache der Food-Impaktation möglichst präzise einzuordnen. Das ist deshalb wichtig, weil in vielen ursprünglichen Endoskopieberichten die Ursache zunächst als „unklar“ dokumentiert wurde.
Im Zentrum der Studie standen im Wesentlichen 3 Fragen:
Besonders interessant war dabei auch die Altersstratifizierung. Die Autor:innen wollten wissen, ob sich die Ursachen der Food-Impaktation zwischen jüngeren und älteren Patient:innen unterscheiden.
Zusätzlich führten die Autor:innen eine logistische Regressionsanalyse durch, um zu identifizieren, welche Faktoren tatsächlich beeinflussen, ob biopsiert wird oder nicht.
Was sind aus Ihrer Sicht die zentralen Ergebnisse dieser Analyse – und was überrascht daran möglicherweise?
Das zentrale Ergebnis dieser Studie ist sicherlich, dass die Biopsierate bei ösophagealer Food-Impaktation trotz zunehmender Awareness für die EoE über ein gesamtes Jahrzehnt hinweg praktisch unverändert niedrig geblieben ist. Konkret wurden bei nur 18 % aller Patient:innen überhaupt Ösophagusbiopsien entnommen – und das ohne relevante Verbesserung zwischen 2013 und 2023. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass die EoE gleichzeitig die wahrscheinlich häufigste zugrunde liegende Ursache der Food-Impaktation war. Nach nochmaligem Expertenreview der Endoskopiebefunde wurde bei 38 % aller Fälle eine EoE als wahrscheinlichste Diagnose angesehen. Bei Patient:innen unter 50 Jahren lag dieser Anteil sogar bei knapp 70 %. Das bedeutet letztlich: Wir sehen in der Notaufnahme sehr wahrscheinlich viele EoE-Patient:innen – diagnostizieren sie aber oft nicht. Genau darin liegt die klinische Brisanz der Arbeit. Überraschend ist auch, dass selbst dann, wenn der/die Endoskopiker:in bereits aktiv an eine EoE dachte, nur in etwa der Hälfte der Fälle tatsächlich biopsiert wurde. Mit anderen Worten: Selbst bei klinischem Verdacht erfolgte häufig keine histologische Sicherung.
Ein weiterer interessanter Punkt war die Regressionsanalyse: Alter, Geschlecht oder Untersuchungsjahr hatten keinen Einfluss darauf, ob biopsiert wurde. Der einzige signifikante Faktor war der subjektive Verdacht des/der Untersucher:in auf EoE. Wenn der/die Endoskopiker:in eine EoE vermutete, stieg die Wahrscheinlichkeit einer Biopsie um den Faktor 4. Das zeigt sehr deutlich, wie stark die Diagnostik derzeit noch von individueller Aufmerksamkeit und Erfahrung abhängt – und weniger von standardisierten Abläufen. Überraschend ist außerdem die hohe Zahl an Fällen mit „unklarer Ursache“. Selbst nach Expertenreview blieb bei etwa einem Drittel der Patient:innen die Ätiologie unklar, bei den über 50-Jährigen sogar in etwa der Hälfte der Fälle. Das legt nahe, dass die tatsächliche Prävalenz der EoE möglicherweise sogar noch unterschätzt wird – insbesondere, weil oft gar keine oder möglicherweise zu wenige Biopsien entnommen wurden. Die Studie macht damit sehr eindrücklich sichtbar, dass zwischen Leitlinienwissen und klinischer Realität weiterhin eine erhebliche Versorgungslücke besteht.
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Welche konkreten Maßnahmen könnten helfen, die Biopsierate im klinischen Alltag zu erhöhen – und welche Konsequenzen hätte es für die Patient:innen?
Entscheidend wären standardisierte klinische Abläufe. Beispielsweise könnten SOP festlegen, dass bei jeder ösophagealen Food-Impaktation automatisch ein „EoE-Work-up“ erfolgt – inklusive definierter Biopsieprotokolle. Zusätzlich wären strukturierte Schulungen für Endoskopiker:innen wichtig, insbesondere im Notfallsetting. Auch elektronische Endoskopieberichte mit integrierten Erinnerungssystemen könnten helfen.
Für die Patient:innen hätte das erhebliche Vorteile:
Die wesentliche Botschaft lautet daher: Eine Food-Impaktation sollte heute immer als potenzieller Hinweis auf eine EoE verstanden werden, und eine bioptische Diagnosesicherung sollte ohne Zeitverlust idealerweise bereits im Rahmen der Indexendoskopie erfolgen.