Mit Volldampf zurück ins Mittelalter?

Dieser Kommentar ist aus persönlicher Betroffenheit entstanden und richtet sich an all jene, die sich noch nicht zur Corona-Impfung durchringen konnten.

 

Covid-19 ist eine Virus-Infektion vor allem der Atemwege durch ein mutiertes Corona-Virus (SARS-Cov-2), das sich ab Ende 2019 innerhalb kurzer Zeit über den ganzen Erdball ausgebreitet hat. Mit Stand Anfang September 2021 sind weltweit ca. 220 Millionen Infektionen und 4,5 Millionen Todesfälle mit Covid-19 gesichert. Die Dunkelziffer zusätzlicher Covid-19-Fälle dürfte erheblich sein.

 

Epidemien sind nichts Neues. Sie begleiten den Menschen seit der Sesshaftwerdung. Bereits im Mittelalter wurde die Welt globalisiert. So brachten Handelsschiffe 1347 die Pest aus dem Gebiet des Schwarzen Meeres nach Genua, von wo aus sie sich über ganz Europa verbreitete. Innerhalb von 4 Jahren war ein Drittel der europäischen Bevölkerung dahingerafft. Nicht weniger schrecklich waren die zahlreichen Pockenepidemien. Die Sterblichkeit der Pocken liegt bei ca. 30%. Die ersten erfolgreichen Pockenimpfstoffe wurden bereits um das Jahr 1800 entwickelt. Die Einführung der allgemeinen Impfpflicht gegen Pocken in Preußen 1874 führte zu einer Abnahme der Todesfälle von 2.642 im Jahr 1868 auf drei im Jahr 1879. Scheinbar harmlosere Erkrankungen wie die Grippe führen seit dem 19. Jahrhundert immer wieder zu schweren Pandemien. Die Spanische Grippe breitete sich 1917 aufgrund von Truppenbewegungen im ersten Weltkrieg von Ostasien ausgehend innerhalb eines Jahres auf die ganze Welt aus. Betroffen waren nach Schätzungen etwa zwei Drittel der Weltbevölkerung, die Zahl der Todesopfer wird auf 50 bis 100 Millionen geschätzt. Egon Schieles letztes Werk entstand am 27.10.1918 – eine Zeichnung seiner an Grippe sterbenden Frau Edith. Drei Tage später erlag der 28-jährige Künstler selbst der Erkrankung. Die Sterblichkeit der Spanischen Grippe war bei den unter 40-jährigen besonders hoch, da ältere Betroffene durch eine Restimmunität nach der Pandemie der Russischen Grippe 1890 geschützt gewesen sein dürften.

 

Meine persönliche Beschäftigung mit der Spanischen Grippe rührt aus der Tatsache, dass ein Teil der Überlebenden der Spanischen Grippe eine schwere Gehirnentzündung (die „Enzephalitis lethargica“) entwickelte, die zu einem schweren Parkinson-Syndrom führte. Für Interessierte verweise ich auf Buch „Zeit des Erwachens“ von Oliver Sacks und die berührende Verfilmung mit Robert de Niro. Der Grippe erliegen in den meisten „normalen“ Jahren ca. 1000 Menschen in Österreich. In meiner beruflichen Laufbahn hatte ich die traurige Gelegenheit, zahlreiche Opfer anderer Pandemien kennenzulernen. Dazu gehören schwerst behinderte Menschen in Pflegeheimen nach einer Gehirnentzündung im Rahmen von Masern. Das Enzephalitis-Risiko beträgt bei Masern 1:1000. Viel seltener ist zum Glück eine nicht behandelbare, über Jahre zum Tod führende Gehirnerkrankung nach Masern, die SSPE. Noch immer gibt es viele Menschen mit Lähmungen infolge der infektiösen Kinderlähmung (Poliomyelitis). Wie dramatisch die Polio-Gefahr in den 50-er Jahren noch war, kann man im bedrückenden Roman „Nemesis“ von Philip Roth nachlesen. Die Einführung der Polio-Impfung in den 60-er Jahren war für Eltern eine Erlösung von diesem Damoklesschwert. Als Leiter einer neurologischen Abteilung darf ich jedes Monat an das Gesundheitsministerium melden, ob es neue Polio-Verdachtsfälle gibt. Die Erkrankung schwelt zurzeit in Mittelasien und kann uns wieder erreichen.

 

Die Entwicklung der Covid-19 Impfstoffe, vor allem die Entwicklung der RNA-Impfstoffe, in kürzester Zeit ist der wichtigste medizinische Fortschritt des Jahres 2020. Das rasante Tempo der Impfstoffentwicklung hat bei Laien Erstaunen und Skepsis ausgelöst, die Eile war allerdings allein der weltweiten medizinischen und wirtschaftlichen Krise durch Corona geschuldet. Nur wenige Monate, nachdem die Pandemie Europa und Nordamerika erreichte, waren weltweit bereits 160 Impfstoffentwicklungsprogramme registriert. Diese wissenschaftlichen Anstrengungen führten zu einigen wenigen zugelassenen Impfstoffen. Dieses Verhältnis aus getesteten und tatsächlich zugelassenen Substanzen ist völlig üblich für jede Medikamentenentwicklung und erklärt die hohen Kosten. Die beiden zugelassenen RNA-Corona-Impfstoffe (Biontec-Pfizer und Moderna) haben eine 95%-ige Wirkung gegen die Infektion und bieten einen nahezu völligen Schutz gegen einen schweren Krankheitsverlauf. In der Entwicklung der RNA-Impfstoffe stecken dreißig Jahre Forschung. Die aus Ungarn stammende Biochemikerin Katalin Karikó arbeitet seit ihrer Emigration in die USA 1985 unermüdlich an der Entwicklung von RNA-Medikamenten. Der lange wenig beachtete Weg dieser Wissenschafterin führte letztlich zu den RNA-Impfstoffen. Heute wird Karikó als Kandidatin für den Nobelpreis für Chemie oder Medizin gehandelt. Die in den Impfstoffen enthaltene RNA führt nach intramuskulärer Injektion zur Bildung eines Oberflächen-Eiweißkörpers des Corona-Virus, des sogenannten „Spike“-Proteins. Dieses löst im Körper, so wie das komplette SARS-Cov-2 Virus im Fall der Infektion, die schützende Immunantwort aus. Die RNA selbst wird rasch abgebaut. RNA kann nicht in den Zellkern eindringen. Die Membran des Zellkerns erlaubt immer nur einen Transport der im Zellkern gebildeten RNA nach außen und nie nach innen. Damit haben die Impfstoffe keinerlei Einfluss auf das eigene Erbgut.

 

Seit Juli 2021 steht in unserem Land ausreichend Impfstoff zur Verfügung, um die gesamte impfbare Bevölkerung zu versorgen. Trotzdem konnten sich bislang nur zwei Drittel unserer Mitbürger zu diesem Schritt entscheiden. Meine persönliche Betroffenheit dabei: Alle meine älteren, aber nur ein Bruchteil meiner jüngeren Verwandten sind geimpft. Dasselbe gilt für Freunde, Bekannte, Nachbarn, Leute, die mir viel bedeuten und von denen ich mir keine Zurückhaltung beim Thema Impfen erwartet hätte. Unter meinen überwiegend älteren Patientinnen und Patienten findet sich nur ein Bruchteil an Ungeimpften. Hier hat die intensive Aufklärung seit Anfang des Jahres offensichtlich Früchte getragen.

 

Nach Motiven gegen die Impfung gefragt, gibt es ein breites Spektrum an Antworten: Häufig ist es ein unbestimmtes Gefühl, allgemeines Mißtrauen. Die Impfung sei zu rasch gekommen, man wolle noch 1-2 Jahre abwarten. Dieses Argument ist leicht zu entkräften – Die rasche Entwicklung ist allein eine Folge der Dringlichkeit und der Jahrzehnte intensiver Forschung im Vorfeld. Die rasche Zulassung durch die Behörden ist ebenfalls allein der Dramatik der Corona-Pandemie geschuldet. Viele andere medizinische Entwicklungen und Zulassungen verzögern sich dafür, weil sie hintangestellt werden mussten! Ein weiteres Argument: Geimpfe können auch erkranken. Das ist richtig, aber ihre Wahrscheinlichkeit zu erkranken ist im Verhältnis zu Ungeimpften 1:20! Ihre Wahrscheinlichkeit für einen sehr schweren oder tödlichen Krankheitsverlauf ist bei normaler Immunlage nahezu null.

 

Ein Argument, das ernst genommen werden muss, ist die Sorge vor Nebenwirkungen. Der Impfstoff von Astra-Zeneca (kein RNA, sondern ein Vektor-Impfstoff) führte in seltenen Fällen zu einer schweren Störung des Gerinnungssystem und Thrombosen mit zum Teil tödlichen Folgen. Diese Reaktion wird mittlerweile gut verstanden und kann behandelt werden. Der Impfstoff wird in Österreich aufgrund dieser seltenen Nebenwirkung kaum mehr verwendet. Die RNA-Impfstoffe aktivieren das angeborene Immunsystem stärker als traditionelle Impfstoffe und können daher zu Muskelschmerzen an der Injektionsstelle, Fieber und allgemeinem Krankheitsgefühl führen, das meist weniger als 24 Stunden, maximal 2 Tage anhält. Die Symptome können mit fiebersenkenden Mitteln gut behandelt werden. Eine äußerst seltene Komplikation der RNA-Impfstoffe sind Herzmuskelentzündungen. Ebenfalls sehr selten sind schwere allergische Reaktionen. Mittlerweile wurden weltweit insgesamt mehr als 5,4 Milliarden an Corona-Impfstoff-Dosen verabreicht. Die RNA-Impfstoffe werden von allen wissenschaftlichen Fachgesellschaften als insgesamt gut verträglich und sicher eingestuft. Sie haben mit großer Wahrscheinlichkeit bereits hunderttausenden Menschen das Leben gerettet. Das Problem ist, dass man aus medizinischen Gründen tatsächlich nicht alle Menschen durch eine Impfung schützen kann. Dazu zählen Personen mit schweren Störungen des Immunsystems, die trotz Impfung keinen guten Schutz gegen die Erkrankung entwickeln. Sie sind auf den Infektionsschutz durch die Impfung ihrer Mitmenschen angewiesen!

 

Neben den angesprochenen gibt es vereinzelt andere Argumente: Es gäbe auch Ärzte, die von der Impfung abraten. Meiner Erfahrung nach sind das sehr wenige und ich zweifle ihre wissenschaftliche Qualifikation an. Die Corona-Impfung würde zu Unfruchtbarkeit führen – Für diese Behauptung gibt es keinerlei wissenschaftliche Grundlage. Für den Corona-Impfstoff wird das Gewebe abgetriebener Feten verwendet – eine völlig falsche Behauptung ohne jede Grundlage. Ein Priester, der sich nicht impfen lassen wollte, berichtete mir, dass mit der Corona-Impfung die Ankunft des Antichrist vorbereitet wird. Kardinal Schönborn antwortete zwar nicht auf ein diesbezügliches Schreiben von mir, immerhin aber gibt es nun die Möglichkeit, sich im Stephansdom impfen zu lassen.

 

Fest steht, dass die Corona-Impfung vermutlich die einzige Möglichkeit ist, die Covid-19 Pandemie zu einem Ende zu bringen. Ist die Durchimpfungsrate nicht extrem hoch, bleibt das Risiko der Entwicklung weiterer Virusvarianten sehr hoch. Damit wird möglicherweise auch die Erkrankung aller Nichtgeimpften nicht zur sogenannten Herdenimmunität führen. Alle jene, die mir am Herzen liegen und die sich noch nicht impfen haben lassen, möchte ich darauf hinweisen, dass sie zur Weiterentwicklung der Pandemie beitragen, dass sie sich selbst gefährden, dass auch junge Menschen schwer an Covid erkranken können, dass sie im Fall einer Infektion mindestens eine andere Person anstecken werden. Diese andere Person ist vielleicht älter, hat vielleicht Vorerkrankungen, hat vielleicht ein durch Krebs, geschädigtes Immunsystem und kann an der Infektion versterben. Nichtgeimpfte gefährden auch ihre Kleinkinder, für die die Impfung noch nicht zugelassen ist, und gefährden die Ausbildung einer ganzen Generation Heranwachsender. Impfen ist nicht nur Selbstschutz, sondern eine gesellschaftliche Verpflichtung! Die medizinischen Folgekosten der Pandemie sind dramatisch. Unser Alltag als Ärztinnen und Ärzte ist durch die erforderlichen Schutzmaßnahmen mit ständigem Tragen von Masken und Schutzkleidung und der erforderlichen ständigen Wachsamkeit unglaublich mühsam geworden. Spitzenmedizinische Kapazitäten werden noch immer durch Menschen mit Covid-19 in Anspruch genommen. So sind zurzeit z.B. viele Intensivbetten mit Patientinnen und Patienten belegt, die auf eine Lungentransplantation warten. Alle, die noch nicht geimpft sind, sollte klar sein, dass dies zur Verschiebung wichtiger anderer medizinischer Eingriffe führt. Seit der zweiten Augusthälfte füllen sich die Intensivstationen wieder mit Neuerkrankten. Die Sterblichkeit von Covid-19 bei Erreichen von Intensivpflichtigkeit liegt je nach Alter bei 30 bis 50%. Die Corona-Gratistests verschlingen Unsummen an Geld, die an anderen Stellen im Gesundheitswesen fehlen. Und Geld für das Gesundheitssystem fehlt nicht nur in Österreich. Je mehr Mittel die Pandemie in unserem Land bindet, desto weniger können wir anderen Ländern, die dringend Mittel für die Impfstoffbeschaffung bräuchten, helfen.

 

Wenn sich die Impfrate nicht dramatisch steigert, steuern wir auf eine massive vierte Welle der Covid-19 Pandemie in Österreich zu. Dies wird vor allem eine Pandemie der Nicht-geimpften sein. Gefährdet sind aber auch Geimpfte mit schweren Vorerkrankungen oder geschwächtem Immunsystem. Impfen ist ein wichtiger Teil der Gesundheitsfürsorge. Nicht auszudenken, wenn Impfen wie nun erstmals mit Corona spürbar, von erheblichen Teilen der Bevölkerung in Frage gestellt wird. Wollen wir, dass die Poliomyelitis oder die Masern zu uns zurückkehren? Das wäre zunächst ein Schritt zurück in die die 50-er Jahre. Wenn die Art, wie wissenschaftliche Erkenntnisse gewonnen, bestätigt oder widerlegt werden, von vielen Menschen nun generell angezweifelt wird, dann wären wir auf dem Weg zurück ins Mittelalter. Wie werden wir dann die nächste Grippe-Pandemie oder andere globale medizinische Herausforderungen, die unweigerlich auf uns zukommen werden, meistern?

 

Alle, die sich noch nicht zur Impfung durchringen konnten, möchte ich daher bitten, sich einen Schubs zu geben und zur Impfung zu gehen. Die Impfung ist sicher, die Nebenwirkungen sind vorübergehend. Sie tun was für Ihre Gesundheit, Sie tun was für Ihre weniger gesunden Mitmenschen und Sie tun was für unser Gesundheitssystem, das auch ohne Covid-19 voll gefordert ist.

 

Update 8.9.2021

 

Walter Pirker ist Leiter der Neurologischen Abteilung der Klinik Ottakring in Wien (vormals Wilhelminenspital) und Vizepräsident der Österreichischen Parkinson-Gesellschaft
Kontakt:

Univ.-Prof. Dr. Walter Pirker
Neurologische Abteilung
Klinik Ottakring
1160 Wien, Montleartstraße 37

Tel.: +43 1 491 50-72001
E-Mail
klinik-ottakring.gesundheitsverbund.at

 

AutorIn: Walter Pirker

neuro 02|2021

Herausgeber: Österreichische Gesellschaft für Neurologie, Univ.-Prof. Dr. Thomas Berger, MSc, Präsident der ÖGN
Publikationsdatum: 2021-07-23