Corona-Interview: „Jetzt ist die Stunde der Telemedizin“

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Niedergelassene Ärzte sollen Patienten möglichst nur im Notfall betreuen und direkten Kontakt vermeiden, sagen Behörden. Dietmar Bayer, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Telemedizin, gibt im Interview Tipps, wie Ärzte nun digitale Lösungen nutzen können.

Was im Zuge der Corona-Krise passiere, sei „ein positiver Brandbeschleuniger hin zu einer moderneren Medizin“, sagt Dietmar Bayer, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Telemedizin. Die Veränderungen würden nun im laufenden System passieren, sagt er: „Wir haben jetzt keinen Pilotbetrieb, sondern stellen Dinge im laufenden Betrieb und Echtbetrieb um.“ Es beweise sich jetzt auch, dass Ärzte nicht technikfeindlich sind. „Wir haben aber immer gesagt, dass es dafür auch eine adäquate Bezahlung braucht. Derzeit gibt es das.“ Überall dort, wo es bereits Vorbereitungen gegeben hat, – sei es beim elektronischen Rezept, Videokonferenzen mit Patienten oder der elektronischen Befundeinschau in ELGA – werde das jetzt genutzt werden. Man habe im neuen Leistungskatalog der ÖÄK auch schon einige telemedizinische Leistungen, die erprobt werden, wie die Befundbesprechung oder Teledermatologie impliziert. Die Österreichische Gesundheitskasse hat zudem nun erklärt, dass telemedizinisch Krankenbehandlungen analog einer in der Ordination erbrachten Leistung abgerechnet werden können. „Das sind die primären Anwendungen. Ein Patient kann nun komfortabel geschützt in seiner Umgebung sein, sich einen Termin mit dem Arzt ausmachen und betreut werden.“ Gleichzeitig könnten auch Ärzte, deren Ordinationen gesperrt werden, ihre Patienten weiterbetreuen. Selbst leicht erkrankte Ärzte könnten telemedizinisch noch Patienten versorgen. Es zeige sich aber, dass teilweise die Qualität von Leitungen noch nicht gut genug sei. Leitungen für Voice-Over-IP für Ärzte müssten verstärkt werden, die Breitbandinitiative für Telemedizin fehle noch.

Insgesamt gebe es aber bereits gute Lösungen für Ärzte, sagt Bayer. Auch im Hinblick auf Videoschaltungen. „Wir können gut mit Patienten kommunizieren und sehen auch wie es ihnen geht.“ Bayers Tipp an Ärzte: Das wichtigste seien Lösungen, die Datenschutzgesetzkonform sind. Dazu müsse man mit dem Anbieter einen Vertrag abschließen. „Wir empfehlen europäische Anbieter. Auch bei Cloudlösungen empfehlen wir europäische Lösungen. Wichtig sind (transport)verschlüsselte und abgesicherte Leitungen.“ All das stelle jeweils der Anbieter zur Verfügung und sei meist im Produkt implementiert. Hier gebe es auch Anbieter in Österreich. „Die Geräte sollten vom Arzt nicht in öffentlichen Räumen genutzt werden. Auch Patienten sollten es nicht in Straßenbahn nutzen“, sagt Bayer und betont, dass man das auch in der aktuellen Lage sagen müsse, damit es nicht zu späteren Diskussionen komme. „Oft ist es ja so, dass ein Patient einen Termin ausmacht und dann den Rückruf des Arztes bekommt. Das kann wie beim Wartezimmer auch verzögert sein.“ Wenn sich jemand nicht für eine komplexe Lösung entscheiden will, könne man auch das normale Telefon verwenden. „Man verzichtet da nur darauf, den Patienten zu sehen.“ Auch Konzerne wie Apple und Google bieten Lösungen wie Facetime an – da habe man aber noch keine datenschutzrechtlichen Erfahrungen, sagt der Experte. Technisch seien auch das hervorragende Lösungen, die man im Notfall sicher einsetzen kann. „Ich denke nicht, dass ein Patient, der jetzt mit seinem Arzt via Skype kommuniziert, ihn dann später aus Datenschutzgründen verklagen will.“ Sicherer seien aber bewährte europäische Lösungen. Patienten würden Angebote jedenfalls gerne und hochdiszipliniert annehmen. „Das ist für uns alle eine gute Erfahrung.“ Nach der Krise müsse man dann auch analysieren, was wirklich passiert sei und wie es funktioniert habe. „Ich bin mir sicher, dass wir eine Veränderung im System erfahren. Das ist jetzt ein Transformationsprozess.“ Wohin das führt sei noch offen. (rüm)