Forschungsstandort auf der Kippe

Ende Mai 2026 präsentierten die Medizinmarktaufsicht der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) und das Forum der forschenden pharmazeutischen Industrie in Österreich (FOPI) gemeinsam den Bericht zur Arzneimittel-Innovationsbilanz 2025: Zwischen 2020 und 2023 sind die Investitionen der europäischen Pharmaindustrie in Forschung & Entwicklung (F&E) von Arzneimitteln um ein Drittel gestiegen. 2024 wurden rund 55 Mrd. Euro für F&E ausgegeben. Das entspricht einer F&E-Quote von 13,5%. Als Ergebnis konnten in den letzten zehn Jahren über 400 innovative Therapien neu zugelassen werden, allein im letzten Jahr waren es 46 Medikamente mit einem neuen Wirkstoff. Den größten Anteil unter den Neuheiten bilden Krebsmedikamente mit 35%, gefolgt von immunmodulierenden Therapeutika (20%) und Arzneimitteln für seltene Erkrankungen (15%). Dazu kommen Impfstoffe sowie Wirkstoffe zur Behandlung von Stoffwechselerkrankungen, Hauterkrankungen, Gastroenterologie & Hepatologie und Ähnliches.

Klinische Forschung in Österreich halten

Ute Van Goethem, Präsidentin des FOPI; © FOPI/APA-Fotoservice/Martin Hörmandinger

Doch in Europa ist die Zahl der klinischen Studien rückläufig: Der Anteil der EU an allen globalen klinischen Studien verringerte sich zwischen 2013 und 2023 von 18% auf 9%. Auch in Österreich zeigte die Zahl der klinischen Studien zwischen 2021 und 2024 einen markanten Abwärtstrend von minus 28%. Im letzten Jahr kam es allerdings zu einer leichten Umkehr und die Studienzahl erreichte wieder den (niedrigen) Wert von 2023. „In den 1990er-Jahren entfielen noch knapp 40% der weltweiten Forschungsausgaben auf Europa. Aktuell sind es nur mehr 21%. Dafür hat China einen Anteil von 44% und die USA haben einen Anteil von 29% erreicht. Das hat auch Auswirkungen auf die Versorgung heimischer Patientinnen und Patienten“, unterstrich Mag.a Ute Van Goethem, Präsidentin des FOPI, bei der Veranstaltung. Ihr Appell an die gesundheitspolitischen Entscheidungsträger:innen: „Wir müssen unsere Denkweise ändern, Forschung willkommen heißen und ein Umfeld schaffen, um klinische Forschung in Österreich zu halten und in die bestehenden Versorgungsstrukturen bestmöglich zu integrieren. Die von der Regierung angekündigte Life-Science-Strategie wäre dafür die beste Gelegenheit.“

Beschleunigung klinischer Studien

Günter Waxenecker, Leiter des Geschäftsfelds Medizinmarktaufsicht, AGES; © FOPI/APA-Fotoservice/Martin Hörmandinger

Behördliche Unterstützung für den Forschungsstandort wäre hier ein möglicher Ansatzpunkt, um z.B. klinische Studien zu beschleunigen. Dies wird beispielsweise mit dem Ansatz FAST-EU (Facilitating and Accelerating Strategic Trials in the EU/EEA) versucht, der Anfang 2026 gestartet wurde. FAST-EU ist Teil einer umfassenden europäischen Strategie zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit in der biomedizinischen Forschung. Das Verfahren sieht klare und ambitionierte Zeitpläne sowie Koordinationsmechanismen vor, um Sponsoren klinischer Studien klarere und kürzere Bewertungs- sowie Genehmigungsfristen zu bieten. Im Rahmen des Projektes wird diese – ursprünglich österreichische – Idee nun in die europäische Realität umgesetzt. „Dieses neue Verfahren markiert einen Meilenstein für die klinische Forschung in Europa und soll die Genehmigung multinationaler klinischer Studien im EU/EWR-Raum deutlich beschleunigen“, betonte DI Dr. Günter Waxenecker, Leiter des Geschäftsfelds Medizinmarktaufsicht in der AGES.