Eine aktuelle Analyse des Instituts für Pharmaökonomische Forschung (IPF) zeigt die große Bedeutung klinischer Forschung für den Gesundheitsstandort Österreich und die Volkswirtschaft. Für die im renommierten Fachmagazin Journal of Medical Economics (JME) veröffentlichte Studie1 hat das IPF den Zeitraum 2020–2024 analysiert und mit den Ergebnissen der Jahre 2012–2017 verglichen. Dabei zeigt sich eine klare Tendenz, auf die bereits seit Jahren hingewiesen wird und die durch die aktuellen Studienzahlen nochmals untermauert wird: Insgesamt nimmt die Anzahl an klinischen Prüfungen, im Zuge derer neue Medikamente entwickelt werden, ab. Dies gilt nicht nur für Österreich, sondern auch für Europa – und gibt Anlass zur Sorge. Denn die IPF-Studie zeigt die positiven Auswirkungen klinischer Forschung auf den Standort Österreich.
So generierten Pharma-gesponserte klinische Prüfungen zwischen 2020 und 2024 eine jährliche Bruttowertschöpfung von 174,05 Mio. Euro. Zudem ersparten sie dem Gesundheitssystem Ausgaben in Höhe von jährlich 122,28 Mio. Euro (insgesamt 611,4 Mio. Euro im betrachteten Zeitraum), was 0,21% der jährlichen Gesundheitsausgaben entspricht. Diese Ersparnis für das öffentliche Gesundheitssystem wird deshalb erzielt, weil die pharmazeutischen Unternehmen, die diese Studien beauftragen bzw. durchführen, die Kosten für medizinische Leistungen, die während der Studiendauer anfallen, übernehmen. Dazu zählen die Prüfmedikation, Diagnostik, Therapie, administrative Leistungen und die studienbezogene Dokumentation.
„Die Studie zeigt somit deutlich, wie sehr sich eine Stärkung dieses Bereiches für die internationale Bedeutung Österreichs und seine Wettbewerbsfähigkeit lohnen kann“, unterstreicht Mag. Bernhard Mraz, Präsident der Gesellschaft für Pharmazeutische Medizin (GPMed) sowie Co-Chair des Standing Committee Klinische Forschung der PHARMIG (Verband der pharmazeutischen Industrie in Österreich) und Medical Director bei Novartis Pharma Österreich. Gerade vor dem Hintergrund, dass die Anzahl der klinischen Studien sinkt, gilt es seiner Ansicht nach daher dringend gegenzusteuern.
Auch Dr. Dejan Baltic, Vorstandsmitglied der GPMed sowie Co-Chair des Standing Committee Klinische Forschung der PHARMIG und Medical Director bei Amgen Österreich, weist auf die Bedeutung klinischer Prüfungen hin sowie darauf, wie wichtig es ist, diesen Bereich zu stärken: „Die Ergebnisse der IPF-Studie belegen, dass klinische Forschung weit mehr ist als ein medizinischer Innovationsprozess. Sie ist ein wesentlicher Faktor für die Versorgung, die Forschungskompetenz im Land und die Wertschöpfung.“ Allerdings dürfe nicht vergessen werden, dass Österreich nicht allein auf der Landkarte ist, so Baltic weiter: „Wir konkurrieren mit vielen anderen Ländern, allein schon innerhalb Europas. Es gibt Länder, in denen die Politik mit allen beteiligten Akteuren bereits seit Jahren eine Strategie zur Stärkung der klinischen Forschung verfolgt. Und das mit großem Erfolg. Tut Österreich zu wenig, wird uns irgendwann auch diese Branche verloren gehen.“ Als drohende Folgen sieht Baltic Arbeitsplatzverluste, Verlust an Wertschöpfung und vor allem den Verlust an zeitnah verfügbaren, innovativen Therapien. Denn neben den bereits erwähnten Wertschöpfungseffekten und dem Beitrag zu den jährlichen Gesundheitsausgaben zeigt die IPF-Studie auch, dass von 2020 bis 2024 im Durchschnitt jährlich 2.314 Patient:innen in 463 klinischen Prüfungen behandelt wurden, was über den gesamten Zeitraum 11.570 Patient:innen in 782 Studien ausmacht. „Dieser sehr frühe Zugang zu innovativen Therapien ist ein wichtiges Kriterium für die Qualität einer Gesundheitsversorgung“, betont Baltic.
Die GPMed plädiert daher dafür, Österreichs Potenzial im Hinblick auf klinische Studien besser auszuschöpfen. Denn mit seiner exzellenten Infrastruktur und den vielen höchst engagierten Fachkräften in Forschungs- und Gesundheitseinrichtungen sei Österreich grundsätzlich ein hervorragender Standort, um hier neue Arzneimittel zu entwickeln und zu prüfen. „Wenn wir es – mit Blick auf andere europäische Länder – an die Spitze schaffen wollen, brauchen wir aber ein klares politisches bzw. gesellschaftliches Bekenntnis zu Forschung und Innovation“, so Baltic.
Mraz zieht aus den Ergebnissen der IPF-Studie folgendes Resümee: „Die Ergebnisse der IPF-Analyse zeigen, dass klinische Forschung nicht nur gesundheitspolitisch, sondern auch wirtschafts- und standortpolitisch von strategischer Bedeutung ist. Einige EU-Länder verfolgen längst gezielte Strategien zur Positionierung als Forschungsstandort. Eine Life-Sciences-Strategie, die entsprechend aufgesetzt ist und dann auch umgesetzt wird, kann das auch für Österreich erreichen. Nur, wenn wir Studieninfrastruktur, Digitalisierung, effiziente Prozesse und internationale Wettbewerbsfähigkeit konsequent stärken, können wir im globalen Wettbewerb um Forschungsprojekte in Zukunft bestehen.“